
Urs Kaltenrieder: «Die Qualitäten der Bauernfamilien sind der Schlüssel»
Von der Unterbringung bei Bauernfamilien profitieren die Kinder und auch ganze ländliche Dorfgemeinschaften. Der neue Schul- und Büropavillon in Eggiwil/BE ist ein wichtiger Baustein dieses vorbildlichen Jugendhilfe-Projekts, betont sein Initiant Urs Kaltenrieder: «Ohne die Schweizer Berghilfe hätten wir diesen wichtigen Schritt nicht wagen können.»
Dank dem Projekt Jugendhilfe-Netzwerk bekommen Kinder aus schwierigen Verhältnissen ein Daheim – und betreuende Bauernfamilien können ein Zusatzeinkommen erwirtschaften. Wie ist diese «Win-Win»-Idee entstanden?
«Uns ging es darum, neue Wege in der Kinder- und Jugendhilfe zu beschreiten. Von Anfang an stand dabei die Frage im Raum: Wie können Stadt und Land voneinander profitieren? In der Pioniergemeinde Eggiwil war man motiviert, für die jungen Leute ausserhalb der herkömmlichen Heime eine Alternative zu entwickeln.»
Wie kann sich die ländliche Bevölkerung denn speziell in der Jugendhilfe einbringen?
«Der Schlüssel sind die Qualitäten, die die Bauernfamilien und den ländlichen Raum im Berggebiet auszeichnen: Tragfähige Beziehungen, Verlässlichkeit, ein grosses Durchhaltevermögen, feste Tagesabläufe, keine Reizüberflutung. Die familiären Verhältnisse in ländlichen Gebieten sind eine wichtige Ressource. Im Emmental und Entlebuch haben wir sie freigelegt.»
Woher stammen die betreuten Kinder und Jugendlichen?
«Vorwiegend aus den Ballungsgebieten Bern, Basel, Luzern und Zürich. Ihre Situation zuhause ist geprägt von Beziehungsabbrüchen wie Scheidungen, Vernachlässigung oder Todesfälle. Vom Alter her sind die meisten zwischen sieben und 14 Jahre alt. Später ist eine Unterbringung aus entwicklungspsychologischen Gründen in der Regel nicht mehr angebracht.»
Nach welchen Kriterien werden die Bauernfamilien für ihre anspruchsvolle Betreuungsaufgabe ausgewählt?
«Die Anforderungen sind sehr streng. Wichtige Kriterien sind die Art der Unterbringung, das heisst, ein Einzelzimmer für das betreute Pflegekind ist ein Muss. Die Bauernfamilien müssen zudem wirtschaftlich eigenständig sein. Ein besonderes Augenmerk richten wir auf psychologische Aspekte innerhalb der Betreuungsfamilie und schauen zum Beispiel, wie die Familienmitglieder mit Problemen untereinander umgehen.»
Die Unterbringung bei den Bauernfamilien ist befristet. Was gibt den Ausschlag für die Dauer eines solchen Aufenthalts?
«Wir führen regelmässige Gespräche mit den Kindern, ihren Herkunftsfamilien und den zuweisenden Stellen. Damit ist auch klar, dass immer eine Tür offen bleibt, damit die Kinder den Hof verlassen können. Aber erfahrungsgemäss bessert sich die Situation zuhause meist nicht wieder. Das heisst für die Bauernfamilien, dass die Kinder bei ihnen wahrscheinlich ‹flügge› werden und zum Beispiel den Lehrabschluss in der Zeit machen, da sie bei ihnen wohnen.»
Warum brauchte es in Eggiwil eine eigene Tagesschule für diese Kinder?
«Die meisten der Kinder gehen in diese Tagesschule, die bis vor kurzem noch in mehreren Bau-Containern untergebracht war. Dieses Provisorium war auf Dauer keine Lösung. Natürlich ist es das Ziel, dass die ‹Tagesschüler› eines Tages in die öffentlichen Schulen wechseln können. Aber die Pflegekinder sind durch ihre Vergangenheit geprägt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sie sich vom Leistungsvermögen her noch nicht von Anfang an in die Regelklassen einer Dorfschule integrieren können.»
Die Berghilfe unterstützte den Bau eines neuen Schul- und Büropavillons. Wie bedeutend war diese Hilfe für die Tagesschule, aber auch für die über 30 involvierten Bauernfamilien?
«Es brauchte diesen Neubau, weil bestehende Einrichtungen zu verstreut waren, um sie als Tagesschule zu nutzen. Ohne die Schweizer Berghilfe hätten wir diesen wichtigen Schritt nicht wagen können. Die Berghilfe hat hier auf vorbildliche Weise Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Mit der Tagesschule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen als wichtigem Element der Jugendhilfe im Emmental und Entlebuch sind 80 Teilzeitstellen verbunden: auf den Höfen, denn jede Bauernfamilie muss für die Betreuung zwei qualifizierte Teilzeitstellen einplanen, aber auch in der Tagesschule selbst natürlich.»
Welches war für Sie das berührendste Erlebnis im Rahmen des Jugendhilfe-Projekts?
«Es gibt derart viele Einzelschicksale, die einen nicht mehr loslassen. Ein grosses Problem ist, dass die Kinder selbst ihre Vergangenheit meist nicht einschätzen können, weshalb wir jetzt auch angefangen haben, mit der Hilfe einer spezialisierten Fachperson ihre Lebensgeschichten mittels Biografiearbeit behutsam zu erschliessen. Aber wenn ein Pflegekind dann seinen Weg findet, indem es zum Beispiel einen Lehrabschluss macht, dann ist die Freude natürlich riesig, bei mir genauso wie bei den Bauernfamilien.»
Projektstatus: realisiert




.jpg)


.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)
.jpg)

