Christoph Leuthold: «Die Jugendlichen erfahren, dass sie etwas Sinnvolles leisten»
Rund 750 Jugendliche nehmen jedes Jahr an den Projektwochen der Bildungswerkstatt Bergwald (BWBW) teil und verrichten dabei wichtige Arbeiten im Berggebiet. Die von der Schweizer Berghilfe unterstützte Institution vermittelt den jungen Menschen gleichzeitig praktisches Wissen und bleibende Erlebnisse. «Wir helfen vielen Jugendlichen, einen lebendigen Bezug zur Natur zu finden», sagt Geschäftsleiter Christoph Leuthold.
Wie kamen Sie auf die Idee der Bildungswerkstatt Bergwald?
«Als Forstingenieur und Lehrer habe ich mich in den 70er Jahren mit dem Thema Ökologie befasst. Ich fragte mich, wie die Menschen wieder näher an die Natur herangeführt werden könnten. Das Wichtigste schien mir, die Jugend zu erreichen, da sie die Zukunft unserer Erde prägen wird. Heute leben Jugendliche häufig in einer technikdominierten, virtuellen Welt. Unser Name ist Programm: Es geht um Bildung für Kopf, Herz und Hand, die dem Berggebiet zu Gute kommt. Wir wollen einen Beitrag zur kostbaren Kultur- und Naturlandschaft unserer Bergwelt leisten.»
Wie hat sich die Institution entwickelt?
«Wir begannen 1995 mit ein paar wenigen Einsätzen pro Jahr. Seither hat sich das Angebot ständig erweitert. Mittlerweile bringen wir jedes Jahr Hunderte von Jugendlichen in die Berge. Wir haben ein festes Team von sechs Teilzeitangestellten und rund 85 frei mitarbeitenden, qualifizierten Kursleitern, meist Forstfachleute.»
Welche Aufgaben nehmen die Jugendlichen in den Lern- und Arbeitswochen wahr?
«Grundsätzlich sind das Arbeiten in Wald und Feld, die von Hand ausgeführt werden können. Das geht von der Holzernte über das Pflanzen von Bäumen und den Wegunterhalt bis zur Erneuerung von Wasserleitungen für Alpställe. Uns ist wichtig, dass die Jungen nicht einfach Hilfstätigkeiten, sondern anspruchsvolle Arbeit ausführen können: Daher braucht es pädagogisch geschulte Fachleute.»
Welches ist die grösste Herausforderung Ihrer Arbeit?
«Natürlich sind anfänglich nicht alle Jugendlichen motiviert für die anstrengende Arbeit. Meist ändert das aber schnell. Die Jugendlichen realisieren rasch, dass sie hier eine wertvolle Arbeit leisten. Es ist schon vorgekommen, dass eine Gruppe von Jugendlichen die Arbeit verweigerte. Diese nehmen ja nicht freiwillig an der Projektwoche teil. In so einer Situation braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl. Deshalb legen wir grossen Wert darauf, dass unsere Forstfachkräfte pädagogisch ausgebildet sind, und schulen diese auch entsprechend.»
Was war für Sie das eindrücklichste Erlebnis in all den Jahren?
«Ich erinnere mich gut an einen jungen Mann, der zuerst durch eine sehr negative Haltung auffiel. Dann arbeiteten wir bei starkem Schneefall im Wald, wobei er immer mehr Einsatz zeigte. Am Abend waren wir total durchnässt. Auf dem Heimweg sagte er: 'Nun ist mir sauwohl.' Erstaunt fragte ich, ob er das ernst meine. Die Antwort: 'Ich bin zwar todmüde, habe mich aber schon lange nicht mehr so gut gefühlt. Ich glaube, etwas Sinnvolles geleistet zu haben.' Solche Rückmeldungen bestätigen mich in meiner Arbeit.»
Was ist der Nutzen Ihrer Arbeit für das Berggebiet?
«Kurzfristig profitieren die Wald- und Alpbesitzer, Alpgenossenschaften und Gemeinden, deren Aufträge wir ausführen. Häufig sind das Arbeiten, für die sonst weder Zeit noch Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Den langfristigen Ertrag schaue ich aber als mindestens so wichtig an: Wir wissen aus vielen Rückmeldungen, dass die Jugendlichen oft wieder an den Ort ihres Wirkens zurückkehren. Sei es, um nachzusehen, wie der gepflegte Jungwald mittlerweile aussieht, sei es, um das eigene Werk den Eltern und Geschwistern vorzuführen. Manchmal besuchen sie auch noch den Förster oder den Bauern, für den sie gearbeitet haben. Das zeigt, dass hier Beziehungen entstanden sind – Beziehungen zwischen Stadt und Land, Berg und Tal, welche das gegenseitige Verständnis und die Solidarität fördern können.»

«Habe gelernt, wie der Wald dem Mensch nützt»
Kyra Liechti, 16, ist Schülerin an der Kantonsschule Hottingen in Zürich. Sie nahm im Mai 2008 an einer Projektwoche in Aeschiried/BE teil.
Wie haben Sie die Projektwoche erlebt?
«Ich wurde positiv überrascht. Zu Beginn war ich etwas skeptisch. Den ganzen Tag in den Bergen zu arbeiten, weit weg von der Stadt, stellte ich mir nicht so spannend vor. Die Landschaft hat mir aber sehr gut gefallen und ich habe viel Neues gelernt. Zum Beispiel, wie man mit einer Axt umgeht oder einen Weg ausbaut. Die Arbeit ist streng, aber man gewöhnt sich daran.»
Hat sich Ihr Bild vom Berggebiet verändert?
«Ja, ich habe viel darüber erfahren, wie der Wald dem Mensch nützt. Wir führten ein Heft und wurden jeden Tag eine halbe Stunde lang zum Thema Wald unterrichtet. Zusätzlich haben der Förster und der Wildhüter uns von ihrer Arbeit erzählt. Ich habe gemerkt, wie viel Arbeit notwendig ist, dass wir so einen schönen Wald und so tolle Skigebiete haben.»
Was war der Höhepunkt der Woche?
«Die grösste Erfahrung war für mich, ein Waldstück zu durchqueren, das so steil war, dass wir uns an Seilen festhalten mussten. Normalerweise habe ich in solchen Situationen grosse Angst. Doch hier waren wir in der Gruppe zusammen und wurden von unseren Leitern sehr gut geführt. So konnte ich meine Angst überwinden – ein super Erlebnis.»
Das Projekt
Praktische Jugendbildung und «Berg-Hilfe» Die Bildungswerkstatt Bergwald bietet jungen Menschen die Möglichkeit, sinnvolle Einsätze im Berggebiet zu leisten. In den Lern- und Arbeitswochen erleben diese hautnah, was das Leben in den Bergen bedeutet. Dank der Übernahme von Transportfahrzeugen ist die Durchführung der Projektwochen nun gesichert.

Projektstatus: realisiert

















