Ruth Lempen: «Demenzkranken Menschen mit Respekt begegnen»
Seit Ende November 2007 führt Ruth Lempen in Boltigen/BE das «Haus Fuhrenmatte», in dem demenzkranke Menschen wohnen. «Unser Team begleitet unsere Gäste durch den Alltag und gibt ihnen mit verschiedenen Aktivitäten Halt und einen Tagesrhythmus», sagt die 45-jährige Heimleiterin. «Für die Bewohner wollen wir eine Umgebung schaffen, in der sie sich wohl fühlen.»
Was bewog Sie, ein Heim für Menschen mit Hirnleistungsstörungen zu gründen?
«Ich möchte aktiv etwas zum Wohl der Menschen beitragen, die im Simmental leben. Im Bereich der Pflege von Leuten mit Hirnleistungsstörungen bestand eine Angebotslücke. Darum eröffnete ich zusammen mit meinem Mann das „Haus Fuhrenmatte“ mit zehn Betten. Ein eingespieltes Team von Betreuenden kümmert sich um unsere Patienten, die wir bei uns Gäste nennen. Alle 18 Mitarbeitenden stammen aus dem Simmental, rund die Hälfte davon aus Boltigen. Bei uns arbeiten unter anderem Krankenschwestern mit höherer Fachausbildung, Pflegerinnen und Betagtenbetreuer. Alle Mitarbeitenden werden laufend weiter geschult. Die verschiedenen Berufsarten unserer Angestellten gibt uns die Kompetenz, die Patienten gezielt betreuen zu können.»
Wie ist der Betrieb gestartet?
«Erfreulich gut. Am Ende des ersten Monats wohnten bei uns bereits vier Gäste. Pro Woche habe ich rund drei Anfragen von Interessenten. Bis Ende Februar werden vermutlich alle Betten belegt sein. Die Zusammensetzung der Gäste ist von grosser Bedeutung. Demenzkranke können beispielsweise verbal oder körperlich aggressiv sein, sind psychisch instabil oder sie verhalten sich motorisch unruhig. Das kann sich so äussern, dass sich Menschen bis zu fünfmal pro Stunde umziehen. Darum ist es wichtig, dass die Krankheitsbilder unserer Patienten zusammen passen. So können wir einerseits auf ähnliche Bedürfnisse besser eingehen und andererseits fühlt sich der Gast wohl, was für ein Zusammenleben in der Gemeinschaft ganz zentral ist.»
Wie sieht ein Tagesablauf im «Haus Fuhrenmatte» aus?
«Ab 8 Uhr beginnt der Tag mit dem Frühstück. Die Mahlzeiten sind in unserer Tagesgestaltung sehr wichtig, weil sie den Gästen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln, die verschiedenen Düfte die Sinne anregen und ein gutes Essen die Leute zufrieden macht. Zwischen Mittagessen, „Zvieri“ und Abendessen haben die Gäste immer wieder die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und auszuruhen. Ganz zentral ist die Animation von Geist und Körper. Nebst Aktivitäten wie begleitetes Malen, Singen und Musizieren spazieren wir mit unseren Gästen jeden Tag draussen an der frischen Luft. So haben sie genug Bewegung und bleiben mit der Natur verbunden. Im Frühling kommt der Garten mit Blumen, Gemüse, Kräutern und Blumen als Inspirationsquelle hinzu. Durch verschiedenartige Düfte und Farben erhalten unsere Gäste zusätzliche Impulse und können – je nach Saison – beim Anpflanzen oder Jäten helfen.»
Ihre Gäste kommen aus der Umgebung. Wie wichtig ist die Nähe zu den Familien?
«Alle unsere Gäste kommen aus dem Simmental. Für sie ist es wichtig, dass sie im gleichen Tal wohnen wie früher. Sie sehen zum Beispiel die gleichen Berge und eine vertraute Landschaft. So fühlen sie sich schneller zu Hause. Es ist für uns wichtig, dass sich ihre Familien in der Nähe befinden. So haben wir einen engeren Kontakt zu den Familienangehörigen, was sehr wertvoll ist.»
Inwiefern?
«Die meisten Gäste haben Mühe damit, ihren Alltag selbst zu gestalten. Die Sinngebung fehlt ihnen, weil Sie sich häufig nicht mehr an Details aus ihrem Leben erinnern können. Im Gespräch mit den Angehörigen versuchen wir, ihre Interessen herauszufinden. Eine Frau strickte beispielsweise früher. Unter unserer Anleitung hat sie nun wieder mit „Lismen“ begonnen. Generell wichtig ist es, die Patienten in vertraute Arbeitsabläufe einzubinden. Sie helfen uns beispielsweise beim Abwaschen und Abtrocknen. So erhalten sie die Bestätigung, noch gebraucht zu werden. Andere mit fortgeschrittenen Hirnleistungsstörungen lernen wieder, wie man eine Tasse richtig in die Hand nimmt oder wie man einen Teller auf einen anderen stellt.»
Was war Ihre bisher überraschendste Erfahrung?
«Der Eröffnungstag, der gleichzeitig „Tag der offenen Tür“ war. Etwa 350 Personen wollten unser Haus besichtigen, rund doppelt soviel, als ich angenommen habe! Die Leute standen vor dem Eingang bis auf die Strasse Schlange. Das Interesse war nicht nur in der Bevölkerung gross, es kamen auch Vertreter aus der Politik und dem Gesundheitswesen. Das hat alle meine Erwartungen bei weitem übertroffen.»
Wie wichtig war die Unterstützung der Schweizer Berghilfe?
«Sie war für uns entscheidend. Erst nachdem die Schweizer Berghilfe finanzielle Unterstützung zusicherte, erhielten wir auch von der Bank einen Kredit. Sonst hätten wir nicht bauen können.»
Das Interview wurde Mitte Januar 2008 geführt.
Das Haus Fuhrenmatte schafft neue Arbeitsplätze Für Menschen mit Demenz gibt es in Boltigen neu das «Haus Fuhrenmatte». Das Heim mit zehn Betten bietet betreuten Lebensraum und gewährleistet den Mitgliedern der Wohngemeinschaft möglichst grosse Selbständigkeit. Die Alltagsgestaltung nimmt einen hohen Stellenwert ein.

Projektstatus: realisiert















