Innovative Werkstätte fit für die Zukunft
La Manufacture in Leysin ist nicht nur ein innovativer Industriebetrieb, sondern bietet auch behindertengerechte Arbeit. Metallfedern sind das Produkt der geschützten Werkstätte, die ein wichtiger Arbeitgeber in der Region ist. Drei neue Maschinen erhöhen die Konkurrenzfähigkeit der Manufacture und sichern ihre Ausbildungsplätze langfristig.
Das Vallée des Ormonts ist vor allem als Tourismus-Region bekannt. Dass es hier, auf 1250 m. ü. M., einen innovativen Industriebetrieb gibt, ist bemerkenswert. La Manufacture stellt Metallfedern in verschiedensten Grössen und Varianten her. 50 Personen arbeiten in der geschützten Werkstätte, die Hälfte davon geistig oder körperlich behinderte sowie psychisch kranke Menschen. Hinzu kommen 23 voll arbeitsfähige Angestellte und vier Lehrlinge.
«Wir geben handicapierten Menschen die Möglichkeit zu einer Beschäftigung, die ihren Fähigkeiten entspricht. Zugleich produzieren wir als Industrieunternehmen für den Markt», erklärt Geschäftsführer Dominique Pillonel. Der Zweck der gemeinnützigen Institution ist, behinderte und kranke Menschen in die reale Wirtschaft einzubinden und ihnen so zu mehr Selbständigkeit zu verhelfen. «Unsere Tätigkeit ist eine stete Herausforderung», ergänzt Werkstattleiter und Lehrlingsausbilder Patrick Humbert. «Doch ich spüre tagtäglich, dass ich etwas Gutes tue.»
Neue Maschine sichert Ausbildungsangebot
Kunden der Manufacture sind Firmen aus der Uhren-, der Maschinen-, der Mikroelektronik- und der Textilbranche. Metallfedern finden sich in jeder Uhr, jedem Handy und jedem Motor. Für die Uhrenindustrie produziert die Werkstätte beispielsweise winzig kleine Federchen, die von blossem Auge kaum sichtbar sind. Qualität und Innovation stünden bei allen Produkten im Vordergrund, betont Dominique Pillonel. «Zurzeit entwickeln wir eine Feder für eine englische Medizinaltechnikfirma.» Das Know-how des Betriebs aus dem Waadtländer Bergdorf ist auf der ganzen Welt gefragt: Bis nach China werden die Spezialprodukte exportiert. Die Anschaffung neuer, von der Schweizer Berghilfe mitfinanzierter Anlagen wie einer Fräsmaschine, einer Laserschneidmaschine und einer Video-Messmaschine steigert die Konkurrenzfähigkeit der Manufacture.
Wird ein Teil der Erzeugnisse maschinell hergestellt, so arbeiten die Behinderten mit einfachen Werkzeugen. Manche dieser Instrumente werden selbst produziert, da sie auf dem Markt nicht erhältlich sind. Die neue Fräsmaschine bringt hier einen grossen Fortschritt: Mit ihr lassen sich die Werkzeuge viel präziser und effizienter herstellen als mit dem Vorgängermodell.
Ein Ja zum Berggebiet
Die neue Anlage spielt aber auch eine wichtige Rolle in der Ausbildung der drei Polymechaniker-Lehrlinge. «Ohne sie könnten wir das Lehrstellenangebot längerfristig nicht aufrechterhalten», erklärt Patrick Humbert. Lehrling Jérémy Arnold lernt an der Fräsmaschine die CNC-Programmierung, ein essenzieller Bestandteil seiner Ausbildung. Damit kann die Maschine so eingestellt werden, dass sie ein Werkzeug automatisch herstellt. «Hätten wir die Fräsmaschine nicht, müsste ich die CNC-Programmierung in einem anderen Betrieb üben.» Das hätte mehrere Tage Abwesenheit in seinem Lehrbetrieb in Leysin zur Folge.
Die Manufacture setzt bewusst auf Ausbildung. Patrick Humbert: «Damit tragen wir nicht nur zum Fortbestand des Unternehmens bei. Wir geben den Jungen auch die Chance, in der Region eine Lehre zu machen. So helfen wir mit, dass sie einen Grund haben, hier zu bleiben.» Soziale Verantwortung nimmt die Werkstätte aber nicht nur als Ausbilder, sondern auch als Arbeitgeber wahr. Trotz der – rein ökonomisch ungünstigen – Berglage wird am Standort Leysin festgehalten. Mit dem im Jahr 2004 bezogenen Neubau wurde ein deutliches Bekenntnis zum Berggebiet abgegeben. Denn ohne die Manufacture hätten nicht nur die Behinderten keine Beschäftigung mehr. «Wir haben uns bewusst entschieden, hier oben zu bleiben. Unsere treuen Mitarbeiter sollen auch weiterhin im Vallée des Ormonts leben und arbeiten können», erklärt Dominique Pillonel.
Projektstatus: realisiert
«Wir werden weiter in die Ausrüstung investieren» Interview mit Dominique Pillonel, Geschäftsführer der Manufacture


Welches sind die speziellen Merkmale der Arbeit in einer geschützten Werkstätte? «Man braucht viel Kreativität und Flexibilität. Es kann vorkommen, dass ein Mitarbeiter plötzlich nicht an seinem Platz erscheint, was unseren Produktionsplan durcheinander bringt. Nichtsdestotrotz sind wir natürlich verpflichtet, pünktlich zu liefern. Die Kunden können wegen des wirtschaftlichen Drucks in der Regel wenig Rücksicht darauf nehmen, dass wir eine geschützte Werkstätte sind. Unsere Arbeit ist nicht immer einfach. Doch wir nehmen diese Herausforderung gerne an.»
Welchen Stellenwert haben die Arbeitsplätze der Manufacture für Nicht-Behinderte?«Wir sind ein wichtiger Arbeitgeber in der Region mit sehr treuen Mitarbeitern. Fast alle sind schon Jahre bei uns angestellt. Viele haben auch eine Familie. Ihnen wollen wir die Möglichkeit bieten, in der Gegend zu wohnen und zu arbeiten. Das ist einer der zentralen Gründe, weshalb wir unseren Betrieb nicht ins Tal verlegt haben, obwohl das von den Kosten und der Infrastruktur her günstiger gewesen wäre.»
Welche Bedeutung hat das Engagement der Schweizer Berghilfe für Ihren Betrieb?«Dank der neuen Fräsmaschine sind wir technologisch auf dem aktuellen Stand. Das hilft uns, unsere Arbeits-, Ausbildungs- und Betreuungsplätze zu sichern. Wir verstehen das Engagement der Schweizer Berghilfe als Anerkennung unserer Arbeit in einer Bergregion.»
Wie sehen Sie die Zukunft der Manufacture?«Ich bin optimistisch, auch wenn der Konkurrenzkampf härter wird. Als Bergbetrieb müssen wir besonders wachsam bleiben. Wir werden weiter in die Ausrüstung investieren und uns um qualifizierte Mitarbeiter bemühen, was in unserer Gegend nicht immer einfach ist. Mit der Konzentration auf hochwertige Spezialprodukte können wir uns einen Konkurrenzvorteil verschaffen.»
Was wünschen Sie sich für Ihren Betrieb?«Ich wünsche uns viel Arbeit. Arbeit ist die Hauptsache für uns alle: Die Behinderten, Kranken und die normalen Arbeitnehmer. Nur wenn das Geschäft floriert, können wir unsere sozialen Arbeitsplätze aufrechterhalten.»
«Den Jungen den Respekt vor allen Mitmenschen vermitteln» Interview mit Patrick Humbert, Werkstattleiter und Lehrlingsausbilder der Manufacture


Worin sehen Sie den Sinn Ihrer Tätigkeit in der Manufacture?«Wir wollen den Menschen helfen, die es nötig haben. Dabei ist das Ziel, sie durch Arbeit zu therapieren. Die behinderten oder psychisch angeschlagenen Personen sollen eine Anerkennung erhalten für das, was sie leisten. Deshalb ist uns auch wichtig, dass sie in einen realen Produktionsprozess integriert sind. Unsere Aufgabe ist nicht immer einfach. Doch ich spüre jeden Tag, dass ich etwas Gutes tue.»
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Lehrlingen? «Für mich ist das eine sehr positive Erfahrung. Da die Technik und die Ausbildung sich dauernd verändern, muss ich selbst immer wieder Neues lernen. Ich möchte die Jungen beim Eintritt ins Arbeitsleben unterstützen und ihnen den Respekt vor allen Mitmenschen vermitteln.»
Welchen Stellenwert haben die Ausbildungsplätze der Manufacture?«Wir sind der einzige regionale Anbieter von technischen Lehrstellen. Weitere Ausbildungsplätze gibt es in Leysin in der Gastronomie und der Hotellerie sowie im kaufmännischen Bereich. Das Angebot ist aber beschränkt. Jahrelang bildeten wir übrigens keine Lehrlinge mehr aus, bis wir ein Nachwuchsproblem hatten. Denn ohne die Lehrlinge, die normalerweise nach der Ausbildung bei uns blieben, hatten wir keine jungen Mitarbeiter mehr. Als uns dieser Notstand bewusst wurde, mussten wir handeln. Seit 2002 bieten wir wieder Ausbildungsplätze an, nicht nur in unserem Interesse, sondern auch, um den Jungen hier eine Zukunft zu geben.»
Hat die neue Fräsmaschine Ihre Erwartungen erfüllt?«Ja, sie ist genau das, was wir gesucht haben. Sie bietet nicht nur ein exzellentes Preis-/Leistungsverhältnis, sondern erhöht auch unsere Konkurrenzfähigkeit. Das liegt daran, dass sie schneller ist als das Vorgängermodell und Teile fertigen kann, die wir vorher nicht herstellen konnten. Zudem erlaubt sie uns, den Lehrlingen eine zeitgemässe Ausbildung anzubieten.»
Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeitsstelle persönlich?«Ich bin glücklich, als Mechaniker einen Arbeitsplatz hier in der Region gefunden zu haben. Viele Jahre lang musste ich nach Lausanne arbeiten gehen. Ich liebe das Leben in den Bergen, wo man nahe an der Natur ist und die Leute sich kennen. Für mich gibt es keinen schöneren Ort, um Kinder grosszuziehen.»
Infobox zur Manufacture Vom Sanatorium zur Werkstätte

Die Manufacture entstand 1930 als Sanatorium für Tuberkolose-Kranke. Damals gab es im Alpenraum zahlreiche Höhenkliniken für Tuberkolose-Patienten. Der Gründer, Dr. August Rollier war ein Pionier in der Heliotherapie (Behandlung mit Sonnenlicht und -wärme). Damit die bettlägerigen Patienten nicht untätig daliegen mussten, wurden sie mit einfachen Arbeiten beschäftigt. Daraus entstanden alle möglichen Erzeugnisse: Pantoffeln, Spielsachen, Sicherungen, Holz-Puzzles und kleine Federn.
Nachdem die Kranken dank dem Einsatz von Antibiotika ambulant behandelt wurden, mussten viele der Höhenkliniken schliessen. Auch für das Institut in Leysin schien das Ende nahe. Der Kanton Bern, mittlerweile Besitzer der gemeinnützigen Institution, setzte sich jedoch für eine Fortführung der Aktivitäten ein. In den 60er Jahren wurde das Sanatorium in eine geschützte Werkstätte umgewandelt. Heute produziert die Manufacture an zwei Standorten: In Leysin werden Metallfedern hergestellt, in Aigle Puzzles der Marke Pénélope. Die gemeinnützige Institution deckt rund 80 Prozent ihrer Ausgaben selbst. Für die restlichen Kosten kommt das Bundesamt für Sozialversicherung auf.
Bilder zum Projekt
Ein Angestellter holt Draht aus dem Lagerraum.
Ausführlichere Infos zu dem Projekt finden Sie in der Berghilf-Ziitig Nr. 54, Winter 2006.
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