Claudia Patà: «Manchmal hilft eben ein unverstellter Blick»
Schon bald ist wieder Wandersaison. Claudia Patà freut’s: «Noch ein paar Möbel für den Laden, dann können wir die ersten Kunden bei uns begrüssen.» Dass die Vorfreude parallel zu den Aussentemperaturen steigt, ist dem Umstand zu verdanken, dass Ziegenstall, Wohnung und Käserei endlich unter einem Dach vereint sind.
Sie stammen aus Locarno. Wie kamen Sie dazu, zuhinterst im Verzascatal einen Ziegenbetrieb zu führen?
«Mein Mann Fabrizio und ich lernten uns in einem Englischkurs in Locarno kennen. Für ihn war das eher ein Hobby, während Englisch bei meiner täglichen Arbeit in einer Bank zum Pflichtprogramm gehörte. Bald habe ich mich gegen die Stadtwelt und für eine gemeinsame Zukunft mit Fabrizio im Val Verzasca entschieden. Mir ist es sehr leicht gefallen, in Sonogno heimisch zu werden.»
Hand aufs Herz. Wie machen Sie sich als gelernte Bankkauffrau im Berggebiet?
«Ich denke, dass Fabrizio und ich uns sehr gut ergänzen. Er ist toll im Umgang mit den Tieren und hat die Käseherstellung im Blut. Als ehemalige Bankerin kümmere ich mich dafür mehr um den Verkauf und ‹amte› sozusagen als Ideengeberin bei geschäftlichen Dingen. Manchmal hilft eben ein unverstellter Blick auf das, was man tut. So kam auch der Anstoss von mir, als es um eine neue Lösung für die Käserei ging.»
Bis vor kurzem lebten Sie in einer Mietwohnung mitten im Dorf. Das widerspricht dem Bild, das man sich von Bergbauern macht.
«Ja, das war sicher nicht ideal, obwohl wir eine Wohnung direkt über der alten Käserei hatten, wo wir ebenfalls eingemietet waren. Jetzt sind wir ein wenig ausserhalb des Dorfes zu unseren Ziegen gezogen. Dank der Unterstützung der Schweizer Berghilfe haben wir nun am Standort des Stalls unsere eigenen vier Wände. Dass die Käserei auch gleich hier untergebracht ist, bedeutet natürlich eine enorme Erleichterung der täglichen Arbeit.»
Wie haben Sie sich eingelebt?
«Grossartig. Ich fieberte dem Umzugstermin im Dezember richtig entgegen. Auch unsere beiden Töchter haben sich schnell eingelebt und sind seit unserem Umzug rundum glückliche Kinder.»
Seit Januar ist die moderne Käserei in Betrieb. Worin unterscheidet sich die Arbeit hier von jener in der alten Käserei?
«Die ganzen Abläufe sind jetzt viel besser zu handhaben, und der Betrieb entspricht den hygienischen Richtlinien. Es ist mehr Platz da, und so lässt sich die Arbeit auch klarer organisieren. Dann kommt natürlich dazu, dass unser neuer Lagerraum viel besser klimatisiert ist. Erst kürzlich hat mir Fabrizio freudig mitgeteilt, dass unser Raclette-Käse qualitativ eindeutig besser sein wird.»
Sind Sie für die Kunden gerüstet, die sich bei Ihnen mit Käse versorgen wollen?
«Zurzeit hält sich die Zahl der Gäste noch im Rahmen, so kann ich mich im Moment ganz der Einrichtung des Verkaufsladens widmen. Mit dem Frühling kommt jetzt aber bald schon mehr Leben ins Tal. Zunächst sind es die Käufer von Zicklein, dann erwarten wir natürlich viele Wanderer. Bald wird uns auch eine Schulklasse besuchen. Für solche Anlässe haben wir beim Bau des neuen Ladens vorgesorgt. Weil es aus hygienischen Gründen nämlich nicht möglich ist, die Käserei zu betreten, haben wir ein Schaufenster eingebaut. So können wir alle Neugierigen zufrieden stellen!»
Touristen werden im Wanderparadies Verzascatal bestimmt auch zu Ihren Kunden gehören. Kam es schon vor, dass Sie das im Kurs gelernte Englisch anwenden konnten?
«Im Laufe einer Wandersaison trifft man hier viele Auswärtige, und einige Begegnungen bleiben auch in schöner Erinnerung. Ich habe das Gefühl, dass die Leute, die ja in ihrer Freizeit hier vorbeiwandern, sehr relaxt sind und das Leben – und auch unseren Käse – geniessen können. Und ja, es kam auch schon vor, dass wir uns mit japanischen Touristen auf Englisch verständigten – der Kurs war auf jeden Fall nicht für die Katz.»
Wie wichtig ist der Käseverkauf für Ihre wirtschaftliche Situation?
«Wir erzielen unser Einkommen in allererster Linie mit der Käseproduktion. Bis vor kurzem noch kamen wir damit auf keinen grünen Zweig. Durch die örtliche Trennung von Stall, Wohnung und Käserei waren uns richtiggehend Steine in den Weg gelegt. Umso optimistischer sind wir jetzt, da die neue Käserei einen so guten Start hatte.»
Projektstatus: realisiert
















