Courgenay (Jura)

Mutiger Schritt in die Zukunft
Der Entscheid ist vorausschauend: Philippe und Marie-France Odiet haben auf den Jurahöhen bei Courgenay einen Hof übernommen. So kann die Familie auch künftig Landwirtschaft betreiben und baut sich eine Existenz auf. Von diesem mutigen Schritt kann in ein paar Jahren auch der jüngste Sohn profitieren.«Können Sie irgend einen Laut hören?», fragt Philippe Odiet seine Besucher. Absolute Stille. Nicht einmal das Zwitschern eines Vogels ist zu vernehmen. Die fast gespenstische Ruhe zeigt, wie abgeschieden die Vacherie Mouillard liegt, vier Kilometer vom kleinen jurassischen Dorf Courgenay entfernt. Der Hof steht auf einer kleinen Anhöhe, 800 Meter über Meer. Der Ausblick erstreckt sich auf weitläufige Weideflächen, gesäumt von Wäldern.
Die Famille Odiet bewirtschaftet die Vacherie Mouillard seit dem Frühling. Zuvor hatte sie während fast 20 Jahren einen Hof im zwölf Kilometer entfernten Montignez nahe der französischen Grenze gepachtet. Als der Eigentümer dieses Hofs den Pachtvertrag kündigte, weil sein Sohn den Betrieb übernehmen wollte, fiel für Philippe Odiet eine Welt zusammen. Wie soll es weiter gehen? Einen anderen Hof pachten? Passende Angebote gab es weit und breit nirgends. Allenfalls irgendwo weit weg in Frankreich. Für die Familie stand aber ein Auswandern ins Ausland nicht zur Diskussion. Zu lange leben sie schon in der Region, als dass sie einfach von hier wegziehen könnten. Den Beruf wechseln? Nachdem er bisher sein ganzes Leben auf einem Hof verbracht hatte, konnte Philippe Odiet es sich kaum vorstellen, plötzlich einen neuen Beruf erlernen und ausüben zu müssen. So erwies es sich als Glücksfall, dass ihnen die Vacherie Mouillard mit 35 Hektaren Land zum Kauf angeboten wurde. Die Grösse und Abgeschiedenheit des Anwesens bereitete der Familie zunächst einige Sorgen. Kann Philippe Odiet einen Betrieb dieser Grössenordnung alleine bewirtschaften, bis er in ein paar Jahren auf die volle Unterstützung seines Sohns zählen kann? Vor allem aber: Können sie sich den Erwerb eines eigenen Landwirtschaftsbetriebs überhaupt leisten? Obwohl Philippe und Marie-France Odiet in den letzten 20 Jahren hart gearbeitet und auf vieles verzichtet haben, reichte das Ersparte nicht, um diesen Hof zu erwerben.
Ein mutiger Entscheid
So begann die Zeit des Rechnens und Abwägens. Dabei übernahm Marie-France Odiet eine wichtige Rolle. Sie hatte sich in früheren Jahren nicht nur zur Bäuerin ausbilden lassen, -sondern auch Weiterbildungskurse für landwirtschaftliche Betriebsführung besucht. Gemeinsam mit ihrem Mann berechnete sie Finanzierungsmodelle. Damit eine Unterstützung durch den Kanton möglich wurde, brauchte es sogar eine Unterredung mit dem Regierungsrat. Auch er liess sich von der Notwendigkeit der Investition überzeugen und stellte fest, dass der geforderte Kaufpreis keinesfalls überrissen war. So zeichnete sich langsam ab, dass es reichen könnte. Das Risiko, dass sich die Familie zu stark verschuldet, blieb allerdings weiterhin hoch. Da half auch der Nebenverdienst von Marie-France als Teilzeitangestellte beim Landi nicht aus. Nur dank der Unterstützung durch die Schweizer Berghilfe konnte sichergestellt werden, dass die Schuldenlast nur ein verantwortbares Ausmass annahm. Dafür sind die Odiets sehr dankbar. Nun konnten sie den mutigen Schritt in eine neue Zukunft machen.Wie der Vater, so der Sohn
Die drei Kinder von Philippe und Marie-France Odiet sind noch in der Ausbildung. Der Jüngste, Jean, hat mit der landwirtschaftlichen Lehre in Freiburg begonnen. Die Arbeit auf dem Hof ist für Jean bereits heute eine Passion. «Das war bei mir auch schon so, als ich in seinem Alter war», erinnert sich Vater Philippe. «Es ist mir wichtig, dass Jean eine gute Startchance hat, wenn er später einmal den Hof übernehmen will.» Jean verbringt seine Ferien und die meiste Freizeit an der Seite seines Vaters, um das auf dem Lehrbetrieb Gelernte in die Praxis umzusetzen.In den ersten Monaten nach dem Umzug auf den eigenen Hof hat Philippe Odiet Ausbesserungen am Betriebsgebäude vorgenommen. Schnell hat er erkannt, dass es in der grossen Halle noch Platz für eine Kälberaufzucht hat. Mit einfachen Mitteln richtete er einen Laufstall ein. Heute sind 120 Kälber von Bauern aus der Region auf der Vacherie Mouillard untergebracht. Zum eigenen Viehbestand gehören 15 Kälber, 30 Rinder und 25 Milchkühe. Für Philippe Odiet bedeutet dies viel Stallarbeit. Um 5 Uhr in der Früh beginnt er mit dem Melken. Bis alle Tiere versorgt sind und der Stall gesäubert ist, wird es meistens 10 Uhr. Erst dann kann er sich der Bewirtschaftung der Gras- und Weideflächen widmen. «Diese wurden in den letzten Jahren ziemlich vernachlässigt», erzählt Philippe Odiet und zeigt auf die weitherum erkennbaren Wiesenblacken. Dieses Gewächs, das die Kühe nicht fressen, muss in mühsamer Handarbeit entfernt werden.
Ein hartes Stück Arbeit
Obwohl es für einen Betrieb dieser Grösse normalerweise mehr als eine Arbeitskraft braucht, kann sich die Familie keine Angestellten leisten. So hilft während der arbeitsintensiven Sommermonate Philippes Vater mit, und auch die Kinder packen an, wann immer sie Zeit dafür finden. Bis der jüngste Sohn regelmässig im Betrieb arbeiten kann, dauert es noch ein paar Jahre.Auch wenn es streng ist: Die Familie Odiet beklagt sich nicht. «Auf dem eigenen Hof macht die Arbeit noch viel mehr Freude. Da merkt man gar nicht richtig, dass ein Arbeitstag 14 Stunden oder noch länger dauert», sagt Philippe. Er hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Hof bis in 20 Jahren von sämtlichen Schulden zu befreien, damit sein Sohn möglichst ohne finanzielle Sorgen weiterwirtschaften kann. Doch zuerst freue sich die ganze Familie nun mal auf das erste Weihnachtsfest auf dem eigenen Hof. «Das wird für uns alle ein ganz besonderes Fest, und an diesem Abend wird die Stille des Ortes für uns wohl eine spezielle Bedeutung haben», meint Philippe Odiet.
Projektstatus: realisiert
Bilder zum Projekt













