Bea Cadenazzi: «Der Stallausbau war der entscheidende Schritt»
„In der Regel fällt jetzt die Arbeit leichter als im Alpsommer“, sagt Bea Cadenazzi. Das liegt zum Teil daran, dass der Schulweg der Kinder wieder viel kürzer geworden ist. Aber vor allem ist es der neue Stall, dank dem die allmorgendlichen Fahrten durchs schneeverwehte Urner Urserental endlich der Vergangenheit angehören.
Seit November und noch bis im März ist Ihr Mann Michael als Schäfer auf den Luzerner Winterweiden unterwegs, um ein wichtiges Zusatzeinkommen zu erzielen. Wie läuft es ihm dort?
Es läuft gut. Wir telefonieren täglich, und kurz vor Weihnachten war ich auch bei ihm. Er befand sich mit seinem alten Feuerwehrbus in der Nähe von Emmenbrücke. Den Bus hat er erst vor Kurzem zu seiner fahrenden Unterkunft umgebaut, damit er der Herde so nah wie möglich sein kann.
Mitte Dezember lag im Mittelland viel Schnee. War das kein Problem?
Solange nicht zu viel Schnee liegt, der mit der Zeit immer schwerer wird, stört das nicht. Überhaupt macht kaltes Wetter den Schafen nichts aus. Aber wenn es ständig nass ist, werden sie unruhig. Dann vergeht ihnen die Lust aufs Fressen.
Wie viele der Schafe sind bei ihm, wie viele sind bei Ihnen in Hospental geblieben?
Er ist mit rund 600 Tieren unterwegs, davon gehören etwa 60 uns. Bei mir sind auch etwa 60 geblieben, darunter vor allem die Auen, also die Mutterschafe mit ihren Lämmern. Es werden nun ständig mehr Tiere: Im Dezember sind schon 20 Lämmer zur Welt gekommen.
Was hat sich durch die Stallerweiterung, die mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe realisiert wurde, verändert?
Manchmal erinnere ich mich an frühere Wintermorgen, als ich durchs Schneegestöber weite Wege zu den verstreut liegenden Aussenställen fahren musste. Zwar wusste ich, dass unsere älteste Tochter Mena gut zu ihren Geschwistern schaut. Aber es war doch eine grosse Belastung, erst die Schafe, das Pferd und den Esel an verschiedenen Orten zu versorgen und dann gehetzt zum Zmorge zurück zu sein. Das ist zum Glück Vergangenheit.
Welche Dinge gehen Ihnen im neuen Stall leichter von der Hand?
Alle Tiere jetzt an einem Ort in der Nähe zu haben, war der entscheidende Schritt für uns. Im Stallanbau können wir zudem die Futterballen im Trockenen lagern. Dadurch gefriert das Futter nicht. Für die Unterstützung der Berghilfe sind wir sehr dankbar, denn sie hat uns diese Verbesserungen ermöglicht.
Fällt es Ihnen schwer, sich gleichzeitig um die Kinder und den Betrieb kümmern zu müssen?
In der Regel fällt die Arbeit leichter als während des Alpsommers, weil die Schulwege jetzt wieder kürzer sind und ich die Kinder von der Wohnung losschicken kann, um mich dann um den Haushalt und die Schafe zu kümmern.
Gibt es Momente bei der Arbeit, in denen Sie die Hilfe Ihres Mannes vermissen?
Vor allem wenn die Tiere „lammern“ fehlt er manchmal. Erst kürzlich brachte eine Aue ein sehr grosses Lamm zur Welt. Mit meinen kleineren Händen kann ich bei den Geburten in der Regel zwar besser anpacken als Michael. Aber wenn es lange dauert, schwinden die Kräfte schon. Und dann brachte diese Aue, wie es meistens der Fall ist, Zwillinge zur Welt. Die Arbeit ging also noch weiter…
Hospental/UR: Im Tal lockt das neue Winterquartier 
Während Michael auf den weit entfernten Winterweiden arbeitet, kümmert sich Bea Cadenazzi auf dem Heimbetrieb gleichzeitg um die Kinder und die Schafherde. Der von der Berghilfe unterstützte Stallausbau war nötig. «Alle Tiere jetzt in der Nähe zu haben, 100 davon in einem einzigen Stall, vereinfacht die Arbeit sehr.»
Der Rhythmus der Hirtenwanderung bestimmt das Leben der Familie Cadenazzi. In der warmen Jahreszeit ziehen Vater Michael und Mutter Bea gemeinsam mit den Kindern Mena (9), Mauro (7) und Nando (4) und der über 1000 Tiere zählenden Schafherde über die Berge. Die eigenen vier Wände befinden sich dann auf acht Rädern: eine Wagenburg am Bachufer ist das schlichte Sommerdomizil der fünfköpfigen Familie mitten in der schroffen Bergwelt. «Wir werden manchmal gefragt, ob die Kinder fernab der Zivilisation nicht zu kurz kommen», meint Bea Cadenazzi. «Doch wie alle anderen gehen sie täglich in Hospental zur Schule oder in den Kindergarten, sind unternehmungslustig, und für ihre Freunde sind Besuche hier oben sowieso das Grösste.» Über mangelnde Abwechslung kann sich Bea Cadenazzi nicht beklagen, erst recht nicht in der kalten Jahreszeit. «Wenn Michael zwischen November und März auf der Winterweide im Luzerner Mittelland arbeitet, versorge ich die Schafe alleine», erzählt sie. Bis im letzten Jahr war das eine komplizierte Sache, weil die Tiere auf verschiedene Ställe im Urserental verteilt waren. «Zwischen der Mietwohnung in Hospental und den verstreut liegenden Ställen hin und her zu pendeln und mich dabei um die Kinder zu kümmern, war nicht immer einfach», sagt die Schäferin, die aus dem Bündnerland stammt. Als ein Pachtstall wegfiel, suchten Cadenazzis vergeblich einen geeigneten Ersatz.
Als wärs das eigene Daheim
Die Familie machte aus der Not eine Tugend und beschloss, den bestehenden Stall auf dem Heimbetrieb in Hospental zu vergrössern. Beim Aushub stiess man aber unvermittelt auf felsigen Untergrund, was die Stallerweiterung deutlich verteuerte. Die Zusatzkosten überstiegen die finanziellen Möglichkeiten der Familie, worauf die Schweizer Berghilfe eine massgebliche Unterstützung leistete. Die Erleichterung ist gross: «Alle Tiere jetzt in der Nähe zu haben, 100 davon in einem einzigen Stall, vereinfacht die Arbeit sehr», freut sich Bea Cadenazzi. Eine lange Wintersaison haben die Tiere schon im Stall verbracht, ein kurzer Bergsommer ist auch schon Geschichte, doch die Erinnerungen an den Tag, als der Stall bezugsbereit war, sind bei Michael Cadenazzi noch lebendig: «Als wir den Stall nach kurzer Bauzeit im Oktober einweihen konnten, war es für mich, als würde ich selber dort einziehen», erinnert er sich. Michaels «Stalldrang» verwundert nicht, schliesslich muss der Familienvater oft lange auf das eigene Daheim verzichten. Die Arbeit auf der Winterweide sorgt für das dringend benötigte Zusatzeinkommen. Unterwegs ist der Schäfer dann im Gebiet des Sempachersees, wo ihm ein Wohnwagen als Bleibe dient. Selbst an Weihnachten bleibt da nur wenig Zeit für die Familie. Die Heimfahrt ins Urserental ist lang, und schon am Stephanstag muss er gewöhnlich wieder bei der Herde sein.
Projektstatus: realisiert
Bilder zum Projekt
Der neue Schafstall befindet sich im heimischen Hospental.