«Die ganze Familie hilft mit, damit unser Plan aufgeht»
Was tun, damit ein kleiner Bergbetrieb genug für zwei Generationen abwirft? Diese Frage stellte sich Familie Morier. Mit einem Gästezimmer-Angebot erwirtschaftet sich die findige Familie nun wesentliche Zusatzeinnahmen. «Man muss zuvorkommend und offen sein und die Leute die Herkunft unserer Nahrungsmittel wieder entdecken lassen», umschreibt die Waadtländer Bergbäuerin und Hotelière Armelle Morier ihr Erfolgsgeheimnis.Wie kamen Sie auf die Idee, auf Ihrem Hof Gästezimmer anzubieten?
«Weil wir auf ein Zusatzeinkommen angewiesen sind, war ich jahrelang in der Hotellerie tätig gewesen. Ich hielt den Moment für gekommen, selber etwas im Bereich Tourismus anzubieten, anstatt weiterhin auswärts zu arbeiten. Da wir den alten Stall nicht mehr brauchten, hatten wir genug Platz und daher die Möglichkeit, Gästezimmer einzurichten.»
Welche Bedeutung haben die Gästezimmer für die Zukunft Ihres Hofs?
«Das Ziel ist, dass wir Eltern ein eigenes Einkommen haben, wenn unser Sohn mal den Hof übernimmt. Da sind wir nun auf einem guten Weg. Zudem schaffen wir ein zweites Standbein, was ja für viele Höfe wichtig ist. Damit unser Plan aufgeht, packt die ganze Familie an. Der Sohn, der momentan noch auswärts arbeitet, hilft morgens und abends im Stall. Unsere beiden Töchter unterstützen mich im Haushalt. Arbeit haben wir ja mehr als genug. Unsere Kinder möchten gerne auch in Zukunft hier im Berggebiet leben, wo sie sich daheim fühlen.»
Ihre Familie hat die Umbauarbeiten teilweise selbst erledigt. Welches waren die Herausforderungen?
«Den alten Stall haben wir eigenhändig ausgeräumt, für den Bau der Zimmer waren wir hingegen auf Handwerker angewiesen. Mein Mann hat aber mitgeholfen. Die ganzen Arbeiten haben rund eineinhalb Jahre gedauert und sind plangemäss verlaufen. So konnten wir im Januar 2007 eröffnen. Beim Innenausbau haben wir viel unbehandeltes Holz verwendet. Das gibt den Räumen einen natürlichen Charme, der bei den Gästen sehr gut ankommt.»
Welchen Stellenwert hatte das Engagement der Schweizer Berghilfe für Ihr Projekt?
«Wir hatten nicht genügend eigene finanzielle Mittel für den Umbau. Ohne die Unterstützung der Schweizer Berghilfe hätten wir die Zimmer, Bad und Küche nicht auf einem zeitgemässen Standard ausbauen können, wie ihn die Gäste heutzutage erwarten. Daher sind wir sehr dankbar für die Unterstützung.»
Sie sind ausgebildete Hotelfachfrau. Wie konnten Sie Ihr Wissen bei der Lancierung der Gästezimmer nutzen?
«Dank meiner Berufserfahrung konnten wir unsere Idee schneller umsetzen, als wenn wir bei Null hätten beginnen müssen. Man braucht ein Minimum an Hotellerie-Know-how für so ein Angebot. Auch kenne ich die touristische Kundschaft in unserem Dorf. Mein Diplom half mir zudem, die Lizenz zu bekommen, die man im Kanton Waadt für ein Gästezimmer-Angebot benötigt. Andernfalls hätte ich einen Kurs besuchen müssen. Meine Erfahrung ist in viele Detail-Ideen eingeflossen. Beispielsweise benennen wir die Zimmer nicht nach Nummern, sondern nach den Themen, denen diese gewidmet sind.»
Hatten Sie professionelle Beratung beim Aufbau Ihres Angebots?
«Ja, die kantonale Stelle für den ländlichen Tourismus wie auch das Tourismus-Büro in Château-d’Oex haben uns beim Budget und in weiteren Fragen zur Lancierung unserer Zimmer unterstützt.»
Wie vermarkten Sie Ihre Gästezimmer?
«Wir haben einen Prospekt, den wir verteilen. Weitere Werbung macht das lokale Tourismus-Büro. Zu finden sind wir auch auf der Internetsite www.tourisme-rural.ch. Eine eigene Webpage brauchen wir im Moment nicht, wir haben auch so genug Kundschaft.»
Woher kommen Ihre Gäste und warum besuchen Sie Ihre Region?
«Die meisten Gäste stammen aus der Schweiz, viele davon aus Genf. Wir haben aber auch Deutschschweizer Kundschaft. Hinzukommen viele Franzosen sowie Belgier und Niederländer. Château-d’Oex ist sehr bekannt für Heissluftballon-Fahrten. Im Winter ist die Region ein attraktives Skigebiet. Der Ort ist sehr familienfreundlich, hat ein Schwimmbad, auch die Saane ist nah. Die Besucher kommen hauptsächlich der ruhigen, natürlichen Umgebung wegen zu uns.»
Was bewegt Ihre Gäste, statt in einem Hotel auf dem Bauernhof zu wohnen?
«Die Leute suchen die Natur, wollen sehen, woher Milch und Konfitüre kommen. Eine wichtige Rolle spielen unsere hofeigenen Produkte, die den Gästen besser als die aus dem Laden schmecken. Sie schätzen es, den Ursprung der Produkte zu sehen, unseren Gemüsegarten oder unsere Tiere. Auf Wunsch bieten wir auch eine Betriebsführung an. Manchmal kaufen die Leute uns Butter oder Konfitüre ab, bevor sie abreisen.»
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Ihren Gästen?
«Die meisten sagen uns, sie hätten den Aufenthalt als sehr angenehm empfunden. Beinahe all unsere Gäste wollen wiederkommen. Manche waren nun innerhalb von zwei Jahren schon dreimal bei uns. Unser Angebot hat sich wirklich sehr erfreulich entwickelt. Allerdings haben wir auch sehr viel Arbeit. Wir gönnen uns selbst nur eine Woche Ferien pro Jahr. Da wir das ganze Jahr über offen haben, liegt mehr nicht drin.»
Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?
«Man muss zuvorkommend und offen sein. Wir versuchen, den Gästen die Besonderheiten der Region und unser Brauchtum zu vermitteln. Eine wichtige Aufgabe des Agrotourismus ist es auch, die Leute wieder entdecken zu lassen, woher die Nahrungsmittel kommen. Und bei uns sind alle willkommen, wir können auch Familien oder ganze Gruppen aufnehmen.»
Projektstatus: realisiert
















