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Auf den Spuren eines alten Fotos

Die Schweizer Berghilfe hat einen neuen Testamentratgeber. Darin findet man alle wichtigen Informationen zur Nachlassplanung und zum Erben. Und Bilder aus der Gründungszeit der Berghilfe. Einem davon sind wir auf die Spur gegangen.

Juni 2017 / 

Klar kenne ich die Leute auf diesem Bild.» Hans Gisler legt die Broschüre mit dem Schwarz-Weiss-Bild auf den Küchentisch und tippt mit dem Finger auf den Buben, der bei seinem Vater auf dem Arm sitzt. «Das hier, das bin ich.»

Hans Gisler markiert das Ende einer langen Suche. Einer Suche, die über viele Etappen geführt hat und in die zwischenzeitlich gefühlt das halbe Urnerland involviert war.

Als wir die Neuauflage des Testamentratgebers planten, in dem alle wichtigen Informationen zur Nachlassplanung und zum Erben gesammelt sind, war klar, dass wir Schwarz-Weiss-Bilder aus den Gründertagen der Berghilfe verwenden wollten. Sie wecken bei den Lesern nicht nur Erinnerungen an die eigene Kindheit. Sie zeigen auch eindrücklich, wie sich einerseits das Leben in den Bergen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat, andererseits aber auch, dass die Unterstützung der Berghilfe immer noch nach dem genau gleichen Prinzip funktioniert wie damals. Eines der Bilder aus unserem Fotoarchiv ist besonders eindrücklich. «Karges Bergbauerntum auf dem Urnerboden» heisst es, und zeigt eine achtköpfige Familie vor einem ziemlich baufälligen Holzhaus in den Bergen. Ob diese Menschen wohl noch leben?

Und nun sitze ich also mit dem 73-jährigen Hans Gisler in der Küche in einem Haus am Hang oberhalb von Schwyz und erfahre immer mehr von seiner Familie. Etwa, dass nach der Aufnahme des Fotos zu den sechs Kindern auf dem Bild mit den Jahren noch zehn weitere dazukamen. Dass heute noch acht davon leben. Oder, dass Familie Gisler wenige Jahre nach dem Besuch des Fotografen vom Urnerboden nach Lauerz/SZ umzog. «Ich kann mich noch daran erinnern. Wir konnten einen Lastwagen ausleihen und machten die Reise mit unserem gesamten Hausrat. Dazu gehörten auch ein Chueli, ein Kalb, eine Sau und vier Hühner», erinnert sich Hans Gisler.

Urnerboden war Armenhaus des Kantons

Die Familie hatte nicht viel, war aber auch nicht mehr so arm wie auf dem Urnerboden. «Als meine Eltern damals auf den Urnerboden zogen, besassen sie ein Vermögen von 20 Franken.» Der Urnerboden war so etwas wie das Armenhaus des Kantons. Hier lebte nur, wer sich sonst nirgends eine Bleibe leisten konnte. Mit den Jahren ging es bei Gislers aufwärts. Durch die Herstellung und den Verkauf von Holzschuhen konnte sich Vater Gisler etwas dazuverdienen. Als dann die Kinder kamen, trugen auch sie das ihre zum Einkommen bei. «Im Sommer haben wir immer Alpenrosen und Edelweiss gesucht und an der Klausen-Passstrasse den Touristen verkauft», erinnert sich Hans Gisler. So konnte sich die Familie über die Jahre hinweg das Geld für das kleine Heimet in Lauerz zusammensparen.

Auch wenn der Umzug nach Lauerz schon vor dem Beginn seiner Schulzeit kam, blieb Hans Gislers Verbundenheit mit dem Urnerboden ein Leben lang. «Meine Frau und ich fahren jedes Jahr mehrmals hinauf», sagt er. «Es ist einfach schön dort oben.» Weit weg zu ziehen kam für ihn deshalb nie in Frage. «Als junger Mann arbeitete ich eine Weile auf dem Bau in Zürich, aber das war nichts für mich.» Eigentlich wollte er Bauer werden, aber der elterliche Hof ging nach alter Sitte an den Erstgeborenen. Mehr per Zufall kam Hans dann zu seinem Beruf. Der Postautofahrer in Lauerz brauchte eine Vertretung, und Hans half ihm aus. Zuerst ohne grosse Begeisterung, aber schon bald fand er Gefallen am Unterwegssein und am Kontakt mit den Leuten. Den Rest seines Berufslebens blieb er Bus-Chauffeur im Kanton Schwyz. Nur etwas hätte ihm noch besser gefallen: «Die Postautotour über den Klausen wäre natürlich super gewesen. Dann wäre ich bei jeder Fahrt auf dem Urnerboden vorbeigekommen.»
 

 
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