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«Der Prix Montagne hat uns Türen geöffnet»

Das Festival «Musikdorf Ernen» im Oberwallis hat 2013 den Prix Montagne gewonnen. Intendant Francesco Walter erzählt, was die Auszeichnung ausgelöst hat und welche Rolle dabei ein Plumps-Klo spielt.

März 2016 / 

«Dass der Prix Montagne an ein Kulturprojekt geht, kam für mich damals völlig überraschend», sagt Intendant Francesco Walter in seinem Büro im Walliser Dorf Ernen. «Dass die Fachjury in unserem Festival nicht nur die schönen Konzerte, sondern auch die regionale Bedeutung und Verankerung sah, macht mich heute noch stolz.» Jedes Jahr schafft das Musikdorf Ernen in der Region eine direkte Wertschöpfung von über zwei Millionen Franken. Trotz beachtlichem Budget für das Festival bleibt am Schluss der Konzertsaison kein Geld für Investitionen. So hat der mit 40 000 Franken dotierte Prix Montagne in Ernen einiges ausgelöst. Einen grossen Teil der Preissumme steckte der Intendant in den dringend benötigten Ausbau der sanitären Anlagen: «Wir hatten bis anhin nur eine einzige Toilette  für die Konzertbesucher – und das bei bis zu 400 Besuchern pro Konzert. Während der Pause wollen selbstverständlich alle zur gleichen Zeit die Toilette benützen.» Wie schlimm die Situation wirklich war, realisierte Walter, als er bei seiner Ansage einmal den Hinweis zur Toilettensituation vergass. Prompt benutzte ein Besucher das historische Plumps-Klo, ein Museumsstück im angrenzenden Kaplaneihaus. «Nach der Pause bin ich dann nochmals auf die Bühne und habe die Geschichte erzählt. So viele Spenden für neue Toiletten wie an diesem Abend sind wohl nie mehr zusammen gekommen», erinnert sich Walter.

Auf breite Unterstützung ist man beim Musikdorf Ernen angewiesen. Das seit 1974 bestehende und international bekannte Festival baut seit jeher auf die Mithilfe von Freiwilligen. Nach dem plötzlichen Tod des Gründers, dem renommierten ungarischen Pianisten György Sebök, bauten die Erner das Festival aus. «Sebök hatte einen Samen in Ernen gepflanzt. Das ganze Dorf half dabei, das Festival Musikdorf Ernen am Leben zu erhalten», sagt Walter. Zu den Klavierhöhepunkten gesellten sich Barock-, Kammermusik- und mittlerweile sogar Jazzkonzerte. Literaturzyklen und Schreibseminare mit Krimiautorin Donna Leon runden das Angebot des Festivals ab, das inzwischen acht Wochen dauert und über 6000 Gäste anzieht. «Dieser enorme Ausbau wäre ohne die freiwilligen Helfer nicht denkbar gewesen», ist sich der Intendant bewusst. «Für mich sind die Freiwilligen einfach Gold wert. Und als wir den Prix Montagne erhalten haben, war mir klar, dass auch diese 40 Mitarbeiter etwas davon haben sollen. Was lag da näher, als dieses Engagement mit einem Goldvreneli zu honorieren?»

Aber der Prix Montagne bedeutete nicht nur eine finanzielle Spritze und ein Dankeschön für die freiwilligen Helfer, er hat im 540-Seelen-Dorf und der Umgebung viel mehr ausgelöst. Der Preis brachte Anerkennung, Motivation und mediale Präsenz. Plötzlich konnten Projekte schneller realisiert werden, das Musikdorf Ernen hatte einen ganz neuen Stellenwert in der Region Goms. «Auf einer Fläche, die zwar grösser ist als die Stadt Zürich, aber mit den zwölf Dörfern nur 4500 Einwohner zählt, ist es ungemein schwieriger, Sponsoren zu finden», erklärt Walter. «Der Prix Montagne hat diese Suche enorm erleichtert und uns Türen geöffnet.» Dass das Festival aber nicht unendlich weiter wachsen kann, ist sich Walter bewusst. Denn der familiäre Rahmen im beschaulichen Bergdorf ist der Kern des Erfolgs: «Die Verbindung von Musik und Natur ist hier einmalig. Das spüren die Gäste, das spüren die Musiker.» Über die Hälfte der Konzertbesucherinnen und –besucher verbringen gleich mehrere Tage in der Region; am Tag eine Wanderung, am Abend ein Konzert. «Unser Büro ist während des Festivals Billettkasse, Treffpunkt und Anlaufstelle für verschiedenste Anliegen wie Ausflüge in die Region», sagt Walter. Die enge Zusammenarbeit mit dem Landschaftspark Binntal bildet die optimale Ergänzung zum Musikdorf Ernen. In Zukunft soll diese Partnerschaft noch vertieft werden, so dass die für 2018 angestrebten 7000 Besucher die Region über die Musik hinaus kennen lernen. Und eines ist sich Walter sicher: «Das Plumps-Klo muss in Zukunft niemand mehr benutzen.»

 

 
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