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Grosse Freude an guten Gastgebern

Eva Brechtbühl hat ihr Leben dem Tourismus verschrieben. Erst während 37 Jahren im Dienste von Schweiz Tourismus, nach ihrer Pensionierung dann als ehrenamtliche Expertin für Tourismus bei der Schweizer Berghilfe.

Februar 2015 / 
Dicke Nebelschwaden verschlucken das Postauto. Die Sicht beträgt keine zehn Meter, am Strassenrand liegen schmutzige Schneemaden. Das Wallis zeigt sich heute für einmal wenig einladend. Und doch ist Eva Brechtbühl unterwegs, um ein aussergewöhnliches Tourismus-Projekt in Augenschein zu nehmen. Kehre für Kehre arbeitet sich der gelbe Bus nach oben, bis er in Törbel angekommen ist und Eva Brechtbühl auf dem mit Schneematsch bedeckten Parkplatz vor dem am frühen Abend bereits verwaisten Schulhaus zurücklässt. Ganz kurz reisst die Wolkendecke auf und lässt ein paar Sonnenstrahlen durch. Für einen Moment erahnt man, wie schön es bei besserem Wetter auf dieser Sonnenterasse hoch über dem Eingang zum Mattertal wäre.
 
Eva Brechtbühl ist schon den ganzen Tag im Wallis unterwegs – für die Schweizer Berghilfe. Bei dieser Stiftung ist sie seit ihrer Pensionierung vor sechs Jahren als ehrenamtliche Expertin für Tourismus tätig. Alleine oder gemeinsam mit einem zweiten Experten besucht die Zürcherin Menschen, die in einer Randregion in den Schweizer Bergen ein touristisches Projekt umsetzen wollen und dafür bei der Berghilfe um finanzielle Unterstützung nachgefragt haben. Dort prüft sie das Vorhaben, sieht sich die Finanzen an, stellt viele Fragen und versucht, sich ein Bild der Personen hinter dem Projekt zu machen. Denn eines ist der Tourismusfachfrau, die während 37 Jahren für Schweiz Tourismus in verschiedensten Stellungen in ganz Europa gearbeitet hat, klar: „Im Tourismus kommt es vor allem auf das Engagement und die Begeisterung der Projektträger an.“ Auf dem Papier könne fast jedes Projekt überzeugend dargestellt werden. „Über den späteren Erfolg oder Misserfolg entscheidet dann aber nur harte Arbeit und gelebte Gastfreundschaft“.
 
Heute war sie bereits bei einer Bauernfamilie, die im Sommer auf ihrer Alp Schlafen im Stroh anbieten will und dazu einen Teil des Stalls umbauen muss. Danach stand ein Besuch in einem genossenschaftlich geführten Ferienzentrum an, das seine Infrastruktur für den Sommertourismus verbessern möchte. Und nun, nach vielen Stunden in verschiedenen Zügen und Bussen, nach langen anspruchsvollen Gesprächen und konzentriertem Zuhören steht die 66-Jährige frisch und scheinbar ausgeruht auf dem Parkplatz und begrüsst Daniel Kalbermatten, den Präsidenten des Vereins „Urchigs Terbil“.
 
„Terbil“, so sprechen die Einheimischen den Namen ihres Dorfes Törbel aus. Und urchig ist es hier. Ein Spaziergang durch „Terbil“ zeigt, dass das Dorf schon fast ein Freilichtmuseum ist. Traditionelle, auf Stelzen stehende Walliser Speicher stehen neben alten Ställen und niedrigen Wohnhäusern aus von Sonne und Regen fast schwarz gefärbtem Holz. Doch viele der Gebäude stehen leer. Wie so manches Bergdorf kämpft auch Törbel mit der Abwanderung. Und diejenigen, die geblieben sind, haben sich moderne Häuser an den Dorfrändern gebaut. „In den alten Häusern ohne jeden Komfort will heute zu Recht niemand mehr wohnen“, sagt Kalbermatten. Aber einfach so zerfallen lassen wollten die Einwohner Törbels ihr Dörfchen auch nicht. Schon vor drei Jahrzehnten gründeten sie einen Verein und fingen an, einzelne Gebäude in Fronarbeit zu sanieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Etwa das Haus mit der Weinpresse darin, dann das Backhaus, eine Mühle und ein typisches Wohnhaus. Heute sind acht Gebäude an öffentlichen Führungen zugänglich, an denen jedes Jahr etwa 800 Gäste teilnehmen. Dieses Angebot wollen Kalbermatten und seine Vereinskolleginnen und –kollegen nun ausbauen und somit mehr Gäste nach Törbel locken. Eine erste Besprechung hat bereits vor einigen Wochen stattgefunden. Heute kommt Eva Brechtbühl ein zweites Mal vorbei, um weitere offene Fragen zu klären und sich ein besseres Bild machen zu können. Am Tisch der urchigen Stube des Polykarp-Hauses geht sie gemeinsam mit Daniel Kalbermatten und seinem Vorstandskollegen Hans Lorenz nochmals einige Zahlen durch. Danach wird sie einen Bericht über den Besuch schreiben und beantragen, ob und mit welchem Betrag die Schweizer Berghilfe das Projekt unterstützen soll. Ein ebenfalls aus Ehrenamtlichen bestehendes Gremium, der Projektausschuss, wird dann entscheiden, ob es ihrem Antrag folgt.
 
„Ich hoffe sehr, dass der Projektausschuss die von mir beantragte Unterstützung bewilligt“, sagt Eva Brechtbühl, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss, dass dies schon wenige Tage später geschehen wird. „Der historische Dorfkern in Törbel ist ein riesiges Kapital, das bisher nur ungenügend genutzt werden kann.“ Und wie steht es mit der Begeisterung und dem Engagement der Projektträger? „Da habe ich nach dem zweiten Besuch auch ein sehr gutes Gefühl. Vor allem das immense Wissen von Hans Lorenz, der selbst Führungen leitet, hat mich beim Rundgang durchs Dörfchen beeindruckt. Dazu kommt die Begeisterung, mit der er von seinem „Terbil“ spricht.“
 
Über 200 Projekte hat Eva Brechtbühl seit dem Beginn ihrer Tätigkeit bereits besucht und geprüft. Auf ein Lieblingsprojekt will sie sich nicht festlegen. „Ich bin immer von den Projekten am meisten begeistert, die ich erst kürzlich besucht habe. Bei denen sind die Eindrücke noch am frischesten“, sagt sie. Nach Törbel wird sie erst in zwei bis drei Jahren wieder kommen. Dann wird sie prüfen, ob die Unterstützung der Berghilfe auch tatsächlich die gewünschte Wirkung gezeitigt hat und die Spendengelder sinnvoll eingesetzt worden sind. „Das macht mir jeweils am meisten Spass – zu sehen, wie aus einer guten Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell wurde, das den Einheimischen vor Ort eine Verdienstmöglichkeit bietet.“
 
Und wie ist Eva Brechtbühl damals vor sechs Jahren eigentlich zur Schweizer Berghilfe gekommen? „Eine Familiensache“, erklärt sie verschmitzt. Ihr Vater war bereits ehrenamtlich bei der Berghilfe tätig, und sie hat ihn über Jahrzehnte hinweg immer wieder auf seinen Besuchen begleitet. „Ich habe ihn für diese Arbeit bewundert. Und für mich war schon immer klar, dass ich mich nach der Pensionierung auch für die Bergbevölkerung einsetzen wollte.“
 

Kommentare

Astrid Kälin | 15. Juli 2017 - 16:36
Liebe Eva Ich durfte dich in Toronto im Büro des Swiss National Tourist Office kennen lernen. Vielleicht erinnerst du dich. In einem Beitrag des Walliser Fernsehens habe ich den Beitrag über deine Arbeit gesehen. Ich war sehr beeindruckt. Ich wünsch dir weiterhin alles Gute bei deiner Arbeit, ich finde es toll, dass du da mithilfst. Mit herzlichen Grüssen Astrid Kälin
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Zuerst geht es für Eva Brechtbühl mit den Verantwortlichen von „Urchigs Terbil“ durch deren Törbel.
Das Dorf am Engang des Walliser Mattertals ist ein lebendiges Freilichtmuseum.
Tourismusprofi Eva Brechtbühl hat auch nach ihrer Pensionierung die Neugierde nicht verloren und riskiert auch mal einen Blick in einen alten Brotbackofen.
Als ehrenamtliche Expertin für Tourismusprojekte bei der Schweizer Berghilfe kommt Eva Brechtbühl in der ganzen Schweiz herum.
Nach dem Rundgang kommen die Fakten auf den Küchentisch. Die Gesuchsteller müssen ihre Finanzen offenlegen.

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