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Von den Sherpas zu den Bergbauern

Was haben eine Hängebrücke in Nepal, eine Bewässerungsanlage in Kirgisistan und ein Stall in den zentralschweizer Alpen gemeinsam? Überall hat Jürg Krähenbühl mitgewirkt. Ende Mai tritt er als ehrenamtlicher Berghilfe-Experte zurück.

Mai 2017 / 

«Es wird mir etwas fehlen», sagt Jürg Krähenbühl. Er steht auf der Aussichtsterrasse auf dem Üetliberg. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Nicht nach Südosten in die Glarner Alpen, wo alle anderen Besucher hinschauen, sondern etwas weiter nach rechts, Richtung Zentralschweiz. Dort, in den Kantonen Obwalden, Nidwalden und Zug, hat er während der vergangenen sieben Jahre als ehrenamtlicher Experte Projekte der Berghilfe geprüft. Dieses Engagement geht nun zu Ende, da er vor kurzem die Altersobergrenze von 75 Jahren erreicht hat. «Die Tätigkeit als Berghilfe-Experte hat mir immer viel Spass gemacht», sagt er. «Nun werde ich mir eine neue Aufgabe suchen müssen.»

Das hatte er sich auch 2009 gesagt, als er mit 67 Jahren in Pension ging. «Ich stiess in der Berghilf-Ziitig auf einen Bericht über die ehrenamtlichen Experten», erinnert sich Krähenbühl. Er habe sich sofort angesprochen gefühlt. «Mein Wissen und meine Erfahrungen einzusetzen, um der Bergbevölkerung zu helfen, hielt ich für eine Supersache. In meinem Berufsleben hatte ich ja etwas recht ähnliches gemacht.» Krähenbühl war über 30 Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. «Ich habe Infrastrukturprojekte geleitet, von der Planung bis zur Umsetzung, in Nepal, Bhutan, Kirgisistan, Indien … »

Büezen statt Studentenleben

Anfangen hatte alles mit einem abgebrochenen Germanistikstudium. «Der Nebenjob auf dem Bau lag mir einfach mehr als der lasche Uni-Betrieb», erinnert sich Krähenbühl. «Ich war immer schon eher der Büezer.» Krähenbühl kehrte dem Hörsaal den Rücken und stieg ganz ins Bauunternehmen ein, mauserte sich innert kurzer Zeit zum Bauführer und leitete 1967 den Aushub des AKW Mühlebergs. «Ohne weiterführendes Studium wäre das das Ende der Karriereleiter gewesen. Ich wäre ein Leben lang Bauführer geblieben.» Mit Mitte 20 wollte Krähenbühl aber mehr, und ging nach Zürich an die ETH.

Das Bauingenieur-Diplom ebnete ihm schliesslich den Weg in die weite Welt. 1977 zog Krähenbühl im Auftrag der Hilfsorganisation Helvetas mit Frau und Kindern für fünf Jahre nach Nepal, um in den abgelegenen Bergtälern des Himalayas Hängebrücken zu bauen. Für die Bergbewohner, deren Dörfer meist nur in wochenlangen Fussmärschen über steinige Trampelpfade erreichbar waren, schafften die Hängebrücken einen direkten Weg über sonst unpassierbare Schluchten und reissende Flüsse. Mehr als 100 Hängebrücken bauten Krähenbühl und sein Team – und leisteten damit Pionierarbeit. «Hängebrücken waren damals ein Novum in der Entwicklungszusammenarbeit», erzählt er. «Unsere gesammelten Pläne und Berechnungen für den Bau solcher Brücken in Gebirgsregionen haben vielen anderen als Vorlage gedient.»

Als der Auftrag in Nepal zu Ende war, kehrte Krähenbühl in die Schweiz zurück und gründete mit Ingenieur-Kollegen ein eigenes Planungsbüro für Infrastrukturprojekte in Entwicklungsländern. «Wir hatten damit eine Marktlücke entdeckt. Es gab kaum Ingenieurbüros, die wussten, wie man solche Projekte in Entwicklungsländern umsetzt, die die nötigen Kontakte zu lokalen Fachleuten und Firmen vor Ort gehabt hätten.» So konnte sich Krähenbühls Büro über volle Auftragsbücher freuen. Der Bund, die Weltbank, die UNO und andere Entwicklungsagenturen nahmen seine Dienste in Anspruch.

Andere Bergregion, gleiche Herausforderungen

Mit solch grossen Infrastrukturprojekten war Jürg Krähenbühl später als Experte für die Berghilfe nicht mehr konfrontiert. Aber ob die Sanierung eines Stalls oder der Bau einer Hängebrücke – die Sorgen und Probleme eines Schweizer Bergbauern und eines Sherpas im Himalaya seien gar nicht so unterschiedlich wie man meinen könnte, sagt er. «Beide sind sie den Naturgewalten ausgesetzt, müssen lange Wege zurücklegen, die Bewirtschaftung der kargen, steilen Flächen ist anstrengend und gefährlich, ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse verlieren immer mehr an Wert.» Was er in all den Jahren im In- und Ausland auch immer wieder festgestellt habe: Je härter das Leben, desto innovativer die Menschen. «In einem Sherpa-Dorf in Nepal habe ich zum Beispiel gelernt, was man macht, wenn es keine WC-Spülung gibt. Man nimmt eine Handvoll frisches Heu, das wie WC-Papier neben dem Klo platziert ist, und streut es über sein Geschäft. Das Ganze kompostiert sich dann von alleine, ohne zu stinken.»

In den Schweizer Bergen sind die Probleme meistens etwas komplexer. Und die Lösung erfordert oft einschneidende Veränderungen. «Mir fällt da ein Projekt in Stans ein», erinnert sich Krähenbühl. «Eine Bauernfamilie, die von ihrem Milchbetrieb alleine nicht hätte überleben können. Direkt am Jakobsweg gelegen, spazierten immer viele Pilger und Wanderer am Hof vorbei. Die Familie erkannte diese Chance und baute einen Stall zu einer kleinen Herberge mit Beiz aus. Agrotourismus als zweites Standbein.» Immer wieder sei er bei seiner Tätigkeit als Berghilfe-Experte Menschen begegnet, die den Mut hatten, neue Wege zu gehen, etwas anderes zu wagen, und dies mit enorm viel Engagement taten. Das habe ihn beeindruckt. «Besonders in Erinnerung sind mir die beiden Lehrbienenstände in Ob- und Nidwalden geblieben, die ich als Experte geprüft habe. Wieviel Herzblut, wieviel ehrenamtliche Vereinsarbeit diese Bienenzüchter und Hobby-Imker in ihre Projekte stecken, ist wirklich bemerkenswert.»

Ende Mai war Jürg Krähenbühl zum letzten Mal auf Projektprüfung. Was als nächstes kommt, weiss er noch nicht so genau. Er verbringe mehr Zeit mit der Familie und seinen Enkeln, singe im Kirchenchor, habe vor kurzem wieder angefangen, Hackbrett zu spielen. Ob dies Herausforderung genug sein wird, da ist er sich noch nicht so sicher. «Vielleicht mach ich ja nochmals einen Alpsommer», meint er. «Bevor wir damals nach Nepal gingen, waren meine Frau und ich mit den Kindern auf der Alp Sardona. Wir haben über 350 Stück Vieh betreut und gekäst», erinnert er sich und schmunzelt, «saustreng war's. Aber auch sauschön.»

 
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