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Zwischen Herz und Kopf

Gut 30 ehrenamtliche Expertinnen und Experten stellen vor Ort sicher, dass die Schweizer Berghilfe ihre Spendengelder sinnvoll einsetzt. Die meisten davon sind pensionierte Führungskräfte, die diesen freiwilligen Einsatz über Jahre hinweg leisten. Die Neuen werden einzeln von einem «Götti» eingearbeitet. Ein Augenschein.

März 2016 / 

Lagebesprechung in der Dorfbeiz in Hergiswil bei Willisau: Hans-Jürg Hiltbrands Kaffee ist längst kalt geworden und weggeschoben, dafür türmt sich vor ihm die Arbeit: Landkarten, Notizen, Auflistungen, Berechnungen. Und mehrere Spickzettel. In einer Stunde steht Hiltbrands erste Projektprüfung für die Schweizer Berghilfe auf dem Programm. «Ja, ich bin ein bisschen nervös», sagt der 62-Jährige. «Ich muss zugeben, dass ich mir alles etwas einfacher und weniger strukturiert
vorgestellt habe.» Urs Ambühl kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sein Kaffee ist nicht kalt geworden, denn für ihn sind die Vorbereitungen nach fast 200 Gesuchprüfungen in sieben Jahren Routine. Er kann sich jedoch noch gut an seine Anfangszeit als ehrenamtlicher Experte erinnern. Und damit auch an den Respekt vor der ersten Prüfung. Sein Kommentar: «Keine Sorge, du gewöhnst dich dran.»

Ambühl ist per Zufall auf die Berghilfe gekommen. Bei Hiltbrand war die Idee, mal ehrenamtlicher Experte zu werden, schon seit Jahrzehnten im Hinterkopf. «Als ich damals als junger Mann noch Betriebsberater war, hatte ich oft mit den Leuten der Berghilfe zu tun. Mir imponierte damals dieses freiwillige Engagement, und ich sagte mir: Wenn ich selbst alt bin, mache ich das auch.» Inzwischen sei er alt, schmunzelt er. «Et voilà…»

Eine Stunde später am Küchentisch der Bergbauernfamilie Häfliger: Es ist eng, denn nebst den zwei Experten haben sich auch zwei Generationen Häfligers versammelt, um an diesem für die Familie wichtigen Gespräch teilzunehmen. Das Projekt zum Neubau des Wohnhauses wird detailliert angeschaut, Offerten und Baupläne gesichtet. Auch alle Unterlagen zu seinen Finanzen wie Steuererklärungen muss der Gesuchsteller offenlegen. Gegen Ende des Gesprächs hat Hans-Jürg Hiltbrand die undankbare Aufgabe, der Familie zu vermitteln, dass das Projekt zwar vernünftig und gut geplant sei und voraussichtlich auch unterstützt werde – jedoch nicht mit dem gesamten Betrag, den Häfligers errechnet hatten.

Die Analyse der Vermögensverhältnisse des Juniors, der den Hof vor ein paar Jahren übernommen hat, aber noch zu 80 Prozent auswärts arbeitet, hat gezeigt, dass eine höhere Verschuldung als von Häfligers vorgesehen zumutbar ist. Besonders, weil
noch keine Kinder da sind und der gutbezahlte Job des Gesuchstellers eine einigermassen schnelle Rückzahlung verspricht. Der Experten-Lehrling Hiltbrand legt dies dem jungen Bauern sachlich, aber mit Einfühlungsvermögen dar und erklärt auch, dass die Beiträge der Schweizer Berghilfe ausschliesslich aus Spendengeldern bestehen und es daher nicht möglich sei, mehr zu geben als unbedingt nötig. Noch während er redet, gehen ihm die Worte von Urs Ambühl von vorhin in der Beiz durch
den Kopf: «Am Anfang bin ich auch ein paar Mal in die emotionale Falle getappt.»

Was hat der erfahrene Experte damit gemeint? «Es ist manchmal nicht einfach, zwischen Herz und Kopf abzuwägen», erklärt dieser. So auch hier bei Häfligers. «Es ist eine super Familie, sehr sympathisch, ‹gschaffig›, und auch der Zusammenhalt scheint gut zu sein. Man würde es ihnen noch so sehr gönnen, dass alle ihre finanziellen Sorgen auf einen Schlag weg wären», erklärt er. Aber aus Verantwortung gegenüber den Spendern dürfe man nicht zu grosszügig sein. «Es ist manchmal nicht leicht, hier sachlich zu bleiben.»

Zwei Wochen später: Das aus ehrenamtlichen Mitarbeitern bestehende Gremium, das über die Anträge entscheidet, hat die Unterstützung bewilligt. Für Häfligers bedeutet dies: Sie können ihr neues Wohnhaus bauen.
 

 
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Lagebesprechung in der Dorfbeiz. Urs Ambühl (links) und Hans-Jürg Hiltbrand bereiten  sich auf den Besuch beim Gesuchsteller vor.
Erst der Augenschein vor Ort ermöglicht es den Experten, eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Fotogalerie: Einführung ehrenamtlicher Experte