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«Der Bau hat das Dorf aus dem Stillstand erweckt.»

2011 schlossen sich die Forstbetriebe von „Forst Goms“ mit Einwohnern und Firmen der Gemeinde Ernen/VS zusammen, um eine zentrale Holzschnitzelheizung im 500-Seelen-Dorf zu bauen. . Die Schweizer Berghilfe unterstützte die „Genossenschaft Holzschnitzelheizung Ernen“ bei ihrem Vorhaben. Inzwischen sind dutzende Haushalte angeschlossen, darunter auch jener von Gemeindepräsidentin und Genossenschafts-Vorstandsmitglied Christine Clausen.

Januar 2015 / 
Frau Clausen, wann konnten die Bauarbeiten zur Holzschnitzelheizung abgeschlossen werden?
Die erste Etappe, bei der 42 Häuser angeschlossen wurden, wurde im Oktober 2013 beendet. Die zweite Etappe mit weiteren 38 Häusern muss noch abgeschlossen werden. Sie ist noch nicht ganz fertig, weil in Ernen der erste Schnee früher fiel als erwartet.
 
Wie gross ist der Anteil der Erner Haushalte, die an die Heizung angeschlossen sind?
Von den Einheimischen ist sicher schon die Hälfte angeschlossen. Für die Leute, die in Ernen nur eine Zweitwohnung haben, ist ein Anschluss weniger interessant, weil sie die gleiche Grundgebühr bezahlen, die Heizung aber nur unregelmässig brauchen. Trotzdem gibt es auch bei denen viele, die ihre Haushalte anschliessen lassen. Viele denken sehr ökologisch.
 
Sind seit Beginn der Arbeiten schon neue Haushalte dazugekommen?
Es kommen ständig neue hinzu. Der Erfolg des Projektes hat viele Leute umgestimmt, die nicht von Anfang an dabei waren. Deshalb werden wir nach Abschluss der zweiten Bauetappe laufend kleinere Ergänzungen an der Holzschnitzelheizung vornehmen müssen.
 
Wie konnte der Bau finanziert werden?
Mit den Geldern der Berghilfe, der  Gemeinde, der Genossenschafter und des Kantons - und dank viel ehrenamtlicher Arbeit. Der dreiköpfige Vorstand der Genossenschaft hat ohne Bezahlung gearbeitet und die Projektleitung übernommen. Das war ziemlich aufwändig. Die Mitglieder des Vereins Energieregion Goms, die uns mit Know-how unterstützt haben, arbeiteten auch ehrenamtlich. Und die Gemeinde stellte einen Verwaltungsmitarbeiter frei für die Hilfe beim Bau der Holzschnitzelheizung. Die Unterstützung der Berghilfe war für unser Vorhaben aber elementar. Ich glaube, ohne diese Hilfe hätten wir nicht den Mut gehabt, das anzupacken.
 
Verlief bei den Bauarbeiten alles wie geplant?
Nein. Die grösste Schwierigkeit war es, in einem Dorf mit über 500-jährigen Häusern Leitungen dort zu verlegen, wo schon so viele andere vergraben sind. Von diesen alten Leitungen gab es keine Pläne, was es wahnsinnig schwierig machte, die neuen zu platzieren. Das führte zu grossen Verzögerungen. Die zweite Etappe verlief soweit wesentlich besser, weil da vor allem auf unbebautem Gelände gearbeitet wurde.
 
Fast alle Erner unterstützten den Bau der Holzschnitzelheizung. Woran lag diese grosse Zustimmung Ihrer Meinung nach?
Über die Holzschnitzelheizung wurde kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima abgestimmt. Das war sicher mit ausschlaggebend. Bei internationalen Krisen rückt die lokale Versorgung in den Vordergrund. Ausserdem steht die gesamte Bevölkerung hinter „Forst Goms“ – dem Zusammenschluss von Forstbetrieben aus der Region, der uns die Holzschnitzel liefert. Und das Heizen mit der Holzschnitzelheizung ist sehr komfortabel: Man hat nichts mehr mit der Heizung zu tun, es ist bereits für alles gesorgt. Man braucht keinen Kaminfeger und keinen Ölbrennerservice. Und weil es nur noch eine zentrale Heizung für alle gibt, bleibt in den Häusern mehr Platz. Ich kann jetzt meine ganzen Gartensachen im Heizungsraum lagern und mein Mann hat Platz, um Material aus seiner Schreinerei unterzubringen. Was auch toll ist: Weil es im Keller nicht mehr so warm ist, können wir dort wieder Käse lagern.
 
Kamen während den schwierigen Bauarbeiten keine Zweifel am Projekt auf?
Es gibt immer mehr oder weniger optimistische Leute, insgesamt waren sie aber sehr geduldig. Sie sind aber schon froh, wenn die Bauarbeiten endlich fertig sind. Der Bau der Heizung hat das Dorf aber auch aus dem Stillstand erweckt. So haben viele Leute die Arbeiten zum Anlass genommen, ihr Haus zu renovieren oder den Keller aufzuräumen. Und in sanierten Häusern müssen die Bewohner weniger heizen - was wiederum Kapazität gibt, um neue Haushalte an die Heizung anzuschliessen. Vor allem die älteren Bewohner schätzen es ausserdem, dass dank den Arbeiten mal wieder etwas läuft im Dorf.
 
Sind Sie zufrieden mit der Heizung?
Ich bin sehr zufrieden. Aber die letzten Jahre waren schon eine schwierige Zeit für den Vorstand der  Genossenschaft. Wir mussten viel lernen, alles war Neuland. Die Holzschnitzelheizung ist aber ganz klar ein gelungenes Projekt für das Dorf Ernen. Es ist schön, in einem so naturnahen Gebiet ein solch ökologisches Projekt realisieren zu können.
 
Bemerken Sie beim Heizen einen Unterschied zur früheren Ölheizung?
Nein. Auch die Preise sind, wenn man die Investitionen für Brenner und dergleichen mitberücksichtigt, mit vereinzelten Abweichungen etwa gleich. Es gibt zwar Kunden, die sagen, die Wärme jetzt sei angenehmer, aber das ist wohl rein psychologisch (lacht). Das Heizsystem in den Häusern hat sich ja nicht geändert. Aber die Leute schätzen es, dass die Luft im Dorf jetzt besser ist als mit den vielen Ölheizungen.
 
Was sind die nächsten Ziele?
Die angefangene zweite Bauetappe abschliessen. Ausserdem dort im Dorf, wo diese Möglichkeit besteht, noch mehr Haushalte an die Heizung anschliessen. Und wenn dann alles funktioniert, wollen wir Rückstellungen für Reparaturen machen und einen kostendeckenden Betrieb realisieren, bei dem auch die anfangs ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiter entschädigt werden können.
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