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Hängebrügg-Beizli

Entstanden ist die 153 Meter lange Hängebrücke Hohstalden im Berner Oberland aus der Not heraus. Inzwischen ist für Familie Wäfler aus dem Notfall ein Glücksfall geworden. Karin und Martin Wäfler bewirten in ihrem „Hängebrügg-Beizli“ heute Gäste aus aller Welt, die zu ihnen kommen, um die bekannte Hängebrücke zu begehen.

Juni 2018 / 

Auf halbem Weg zwischen Frutigen und Adelboden spannte sich früher ein Konstrukt über die Engstlige, das Wäflers als „Blambbi-Stäg“ bezeichnen. Mehr schlecht als recht liess sich mit diesem Steg der Bergbach überqueren. Als Martin allerdings mit dem neugeborenen Sohn Nils auf dem steilen Weg zur Brücke herunter ausrutschte, wurde er sich der Gefahr erschreckend bewusst. Karin Wäfler erzählt: „Über diesen Weg hätte Nils später einmal zur Schule gehen müssen, das war völlig undenkbar für Martin und mich.“ Die junge Familie machte sich auf die Suche nach Alternativen. Martin Wäfler kontaktierte Theo Lauber, Seilbahnbauer und Inhaber der Firma swissrope aus Frutigen, und schilderte diesem sein Problem. Lauber kannte die Brücke, war schon als Kind darüber gelaufen. Er sah die Gelegenheit, der Familie zu helfen und gleichzeitig eine Referenzbrücke zu bauen, die ihresgleichen sucht. Er berechnete die Statik und konstruierte die Brücke am Computer. Sie sollte Platz für einen Kinderwagen bieten und so breit sein, dass zwei Personen sich problemlos kreuzen können. Die einzigartige Neuheit, deren Urheber Lauber ist, war eine Dämpfung, die zur Folge hat, dass die Brücke sich beim Gehen nicht aufschaukelt, sondern die Schwingungen abschwächt.

Zwei Dickköpfe tun sich zusammen

In der Gemeinde machten sich Wäflers und Lauber nicht nur Freunde. „Viele meinten, das würden wir nie schaffen“, sagt Martin. „Aber diese ablehnende Haltung hat mich nur noch mehr angespornt, Kopf durchzusetzen.“ Dank der Unterstützung vieler Spender und Sponsoren konnten Lauber und Wäflers im Oktober 2006 mit dem Bau beginnen. Nachdem die Stützen errichtet und die Seile gespannt waren, konnte die Brücke mit Hilfe von Freunden und Bekannten innert lediglich zwei Tagen aufgerichtet werden. Einzig das Geländer fehlte noch.

Ein unerwarteter Besucheransturm

Schnell merkten Wäflers, was sie mit dem Bau der Brücke ausgelöst hatten. „Ich staunte nicht schlecht, als die ersten Leute sich bereits ohne den Schutz des Geländers über die Hängebrücke trauten“, so Martin Wäfler. Nach der offiziellen Eröffnung im April 2007 zeigte sich, dass die Wanderer begeistert waren, denn die Brücke verband zwei Wanderstrecken zu einem Rundweg. Bald begannen Karin und Martin Wäfler, die Besucher mit Kaffee zu bewirten. Etwas überrumpelt waren die jungen Wirte schon, nie hätten sie mit einem solchen Erfolg gerechnet. „Am Anfang hatte ich meine Mühe mit den vielen Menschen, die plötzlich alle bei uns vorbei spazierten“, sagt Karin. „Mittlerweile macht es mir riesigen Spass die Faszination unserer Gäste zu sehen.“ Die Besucherzahl wuchs stetig und Wäflers bauten ihr Angebot aus, bald gab es Trockenfleisch- und Hobelkäseplättli von Bauern aus der Umgebung und schon im November 2007 bauten sie ein Fonduestübli für den Winter.

Viel mehr als ein sicherer Schulweg

Martin und Karin haben heute vier Kinder. Nils und seine drei Schwestern, Mia, Fabia und Vera haben einen sicheren Schulweg und die Familie kann von den Einnahmen des „Hängebrügg-Beizli“ leben. Das Beizli ist zum Ganzjahresbetrieb geworden. Bei der Gästebewirtung werden Wäflers tatkräftig unterstützt von ihrer Angestellten Naemi Tschabold, die mittlerweile fast zur Familie gehört. „Ich bin froh, dass wir eigenständig sind“, sagt Martin Wäfler. „Wir haben zwar kaum einen freien Tag, dafür muss ich nicht auswärts arbeiten und kann viel Zeit mit den Kindern verbringen.“ Auch die Gäste schätzen den persönlichen Kontakt mit der Familie Wäfler. „Viele Besucher kommen regelmässig wieder, dann plaudern wir auch mal über etwas Privates“, erzählt Karin.

Von der Brücke profitieren nicht nur Wäflers. Für den Tourismus in Frutigen ist die Brücke wichtig, denn sie ist neben dem Tropenhaus eine zusätzliche Attraktion, die Besucher anlockt. Der Rundwanderweg über die Hängebrücke wurde vom einheimischen Schnitzer Johann Inniger mit Holzskulpturen versehen und ist heute der meistbegangene Wanderweg in Frutigen. Ausserdem hat die Brücke einen regelrechten Hängebrücken-Boom ausgelöst. Theo Lauber hat mittlerweile 28 weitere Hängebrücken gebaut. Zurzeit entsteht in Österreich gerade die längste Fussgängerhängebrücke der Welt mit 404 Metern Länge.

 

Steckbrief

Projektname: Hängebrügg-Beizli Hohstalden

Ort: Frutigen / BE

Projektträger: Familie Wäfler

Projektstart: 2006

Länge der Hängebrücke: 153 Meter

Höhe der Hängebrücke: 38 Meter

Anzahl Stellen im Beizli: 250 Stellenprozent

Angebot: Käse- und Fleischplatten aus der Region

Von Theo Lauber anschliessend gebaute Brücken: 28 Hängebrücken

Kontakt: 033 671 15 83

 

 
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