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«Wir hätten nicht gedacht, dass es so gut funktioniert.»

75 Urner Bäuerinnen erwirtschaften zusätzliches Einkommen für ihre Familien, indem sie ausserhalb ihres Hofs professionelle Dienstleistungen anbieten: Sie kümmern sich um Jung und Alt, kochen für ganze Familien, helfen bei der Hausarbeit, übernehmen Reinigungsaufträge oder beliefern Anlässe mit selbstgemachten Urner Spezialitäten. Ein Dienstleistungspaket, das von vielen Kunden geschätzt wird. Entstanden ist der Haushaltservice vor zehn Jahren dank der Initiative von vier Urner Bäuerinnen.

Im Kanton Uri mit seinen gut 35 000 Einwohnern hat die Berglandwirtschaft eine lange Tradition. Die meisten der circa 620 Landwirtschaftsbetriebe sind klein und befinden sich im steilen Gelände. Viele sind Mehrstufenbetriebe, das heisst die Bauernfamilien wechseln ihren Wohn- und Arbeitsort mehrmals im Jahr, je nach Vegetationsstand. Die Bauernfamilien sind sich viel Arbeit gewohnt, dennoch bleibt das Einkommen gering. Deshalb überlegten sich eine Gruppe von Urner Bäuerinnen, wie sie das Familieneinkommen aufbessern könnten. Mit Unterstützung des Bäuerinnenverbands Uri wagten sie 2005 ein Experiment: Sie boten gemeinsam ihre Erfahrung und ihre Arbeitskraft an und gründeten den „Haushaltservice der Urner Bäuerinnen“.
 
Gefragte Dienstleistungen – professionell vermittelt
Ein typischer Auftrag sieht so aus: Eine Bäuerin kocht auswärts das Mittagessen für die Kinder einer Familie. Am Nachmittag schaut sie zu ihnen und erledigt nebenbei den Haushalt. Pia Marty, Präsidentin des Haushaltservices sagt: „Unsere Bäuerinnen betreuen Kinder und Betagte, arbeiten im Haushalt, übernehmen Garten- und Reinigungsarbeiten und helfen beim Einkaufen.“ Mehr als 130 Daueraufträge sind registriert. Mittlerweile können die Bäuerinnen gar aufwändige Baureinigungen machen. „Einzig Pflegearbeiten übernehmen wir nicht, das ist Aufgabe der Spitex“, sagt Marty. Aus den anfänglich vier sind in zehn Jahren 75 Bäuerinnen geworden, die flexibel im Einsatz sind. Zentrale Bedeutung haben dabei die drei professionellen Vermittlerinnen: Sie kennen die Fähigkeiten der einzelnen Bäuerinnen bestens und verteilen die Einsätze möglichst passend zu den Bedürfnissen der Auftraggeber. „Der Sommer ist organisatorisch eine Knacknuss, weil etwa ein Drittel der Bäuerinnen auf der Alp sind“, sagt Pia Marty.
 
Möglichst guter Stundenlohn für die Bäuerinnen
Edith Gisler, Bäuerin und Mutter von drei Kindern, gehört zu den vier Frauen, die 2005 mit dem Haushaltservice starteten. „Eine gewisse Unsicherheit war vorhanden. Wir wussten ja gar nicht, ob das Bedürfnis da ist“, sagt sie. Mit einem kleinen Startkapital von 2000 Franken legten sie los. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Betrug der Umsatz im ersten Jahr noch 10 000 Franken, erwirtschafteten die 75 Bäuerinnen im Jahr 2014 beachtliche 900 000 Franken, was rund 26 000 Arbeitsstunden entspricht. Die Kunden bezahlen für die Dienstleistungen zwischen 33 und 36 Franken pro Stunde. Erklärtes Ziel ist es, den Bäuerinnen einen möglichst guten Stundenlohn zu zahlen. „Der sichere Nebenverdienst für die Bäuerinnen ist unser Ziel“, sagt Pia Marty.
 
Auch das Catering ist erfolgreich
Die Mitarbeiterinnen des Haushaltservices sind motiviert – viele empfinden die Einsätze ausserhalb ihres Bauernhofs als Bereicherung. Pia Marty sagt: „Da kommen häufig versteckte Talente zum Vorschein. Unsere Bäuerinnen sind nicht nur ausgezeichnete Köchinnen, zuverlässig und pünktlich, sondern können auch sehr gut mit den verschiedenartigen Menschen umgehen.“ Die vielen Daueraufträge bestätigen, dass es die Kunden schätzen, wenn dieselbe Mitarbeiterin regelmässig bei ihnen arbeitet. Auch die angebotenen Cateringdienstleistungen werden rege bestellt. „Wir arbeiten je nach Auftrag in verschiedenen Teams und bereiten die gewünschten Spezialitäten zuhause vor. Die Anlässe selbst führen die Teams dann gemeinsam beim Kunden durch“, erklärt Pia Marty. Das Geschäft läuft bestens, auch für die nahe Zukunft sind die Auftragsbücher voll. Einzig ein praktisches Auto mit professioneller Putzausrüstung fehlt den Bäuerinnen noch. So könnten sie sich das mühsame Umpacken ersparen, bevor sie zu einem Auftraggeber fahren. „Sollten wir den Prix Montagne gewinnen, wissen wir genau, was wir mit dem Geld machen“, sagt Pia Marty. „Hoffentlich klappt es. Dann könnten wir uns diesen Traum erfüllen.“

Steckbrief

Projektname: Haushaltservice der Urner Bäuerinnen
Ort
Altdorf / UR
Projektträger: Haushaltservice der Urner Bäuerinnen GmbH
Projektstart: 2005
Angebotene Dienstleistungen: Arbeiten im Haushalt und Garten, Kinder- und Senioren-betreuung, Bauendreinigungen, Catering
Anzahl Angestellte: 75 Bäuerinnen aus dem Kanton Uri
Arbeitsvolumen: 26 000 Arbeitsstunden (entspricht ca. 13 Vollzeitstellen)
Stundenansatz: zwischen 33 bis 36 Franken