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Die Riesen von Soazza

In Soazza im Misox stehen die ältesten Kastanienbäume der Schweiz. Das Besucherzentrum Nosal bietet Unterkunft für Schulklassen und Gruppen, die bei der Pflege des Kastanienhains helfen.

November 2018 / 

Früher haben die Einwohner von Soazza den Mont Grand bewirtschaftet. Auf diesem Hang neben dem Dorf bauten sie Roggen, Buchweizen, Mais und Gemüse an und weideten ihr Vieh. Zwischen den Feldern und Wiesen auf den Trockenmauerterrassen wuchsen Kastanienbäume, die Schatten spendeten und deren Früchte ein wichtiges Grundnahrungsmittel waren. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele Leute eine besser bezahlte Arbeit und gaben die Landwirtschaft auf. Innert weniger Jahrzehnte eroberte der Wald den Mont Grand. Schnellwachsende Fichten, Lärchen und Birken schossen in die Höhe. Darunter litten nicht nur die Kastanienbäume, die bald nicht mehr genügend Licht bekamen, sondern auch die Biodiversität. «Die Kastanienselven sind ein sehr artenreiches Ökosystem», weiss Luca Plozza vom Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden. Deshalb, und weil die stämmigen Kastanienbäume eine wichtige Funktion im Schutzwald einnehmen, beschlossen Kanton, Gemeinde und Landbesitzer, die Kastanienselve im Mont Grand wieder in Stand zu setzen. Das war vor 20 Jahren. Heute ist das Gebiet wieder licht. Die Kastanienbäume haben wieder Platz zum Wachsen. Für manche kam die Rettungsaktion zu spät. Aber viele konnten erhalten werden. Darunter rund 30 kolossale Exemplare mit einem Stammumfang von über sieben Metern. «Diese Bäume sind zwischen 500 und 800 Jahre alt, die standen schon im Mittelalter hier», sagt Plozza.

Um den Kastanienhain zu erhalten und diese Landschaft, aber auch das Kulturgut den Leuten wieder näherzubringen, hat Plozza die Stiftung Mont Grand gegründet. «Wir bieten Schulklassen, Lehrlingsgruppen, Zivis und auch Privatpersonen die Möglichkeit, bei der Pflege der Kastanienselve mitanzupacken. Zum Beispiel beim Mähen und säubern der Wiesen oder beim Schneiden der Bäume.» Dafür hat die Stiftung mit Unterstützung der Berghilfe 2012 drei alte Rusticos in ein Besucherzentrum mit Gruppenunterkunft, Aufenthaltsraum und Küche umgebaut. «Von Mai bis September ist das Zentrum praktisch immer belegt», erzählt Plozza. Wegen der grossen Nachfrage haben sie dieses Jahr weiter oben am Hang – erneut mit einem Beitrag der Berghilfe – ein weiteres Rustico zu einem Gruppenschlafraum umgebaut. Ausserdem hat die Stiftung einen Biologen eingestellt, der Umweltbildungskurse und Führungen für die Besucher macht.

Die Kastanienfrüchte aus Soazza werden nur im kleinen Stil verwertet. Einmal im Jahr, im Oktober beim Kastanienfest, verkauft die Stiftung Mont Grand einen kleinen Teil davon. Der grosse Rest bleibt liegen und wird von den Hirschen gefressen. «Leider ist das Sammeln der Kastanien sehr aufwändig. Wenn wir jemanden dafür bezahlen müssten, würde das am Ende nicht rentieren», bedauert Lozza. Eine bessere Wertschöpfung bringt der Honig, den die Bienen im Kastanienhain sammeln und den man bei der Stiftung Mont Grand beziehen kann.

Der Kastanienhonig aus Soazza ist bestellbar auf https://www.alpinavera.ch.

 
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Nicht nur im Tessin, auch im angrenzenden Bündner Südtal, dem Misox, wachsen seit jeher Edelkastanien. Früher haben die Menschen in den terrassierten Kastanienhainen von Soazza Korn und Gemüse angebaut und im Herbst die Marroni aufgelesen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Dorfbewohner andernorts Arbeit und bewirtschafteten den Kastanienhain nicht mehr. Schon bald schossen andere Baumarten in die Höhe – zum Leidwesen der Kastanien.
Viele der zum Teil über 500 Jahre alten Kastanien hatten bald nicht mehr genügend Licht und Platz und gingen ein. Um das Kastaniensterben aufzuhalten, beschlossen der Kanton Graubünden, die Gemeinde Soazza und die Landbesitzer vor 20 Jahren, den Kastanienhain wieder in Stand zu setzen...
...nicht nur, weil die «Riesen von Soazza» zu den ältesten Kastanien der Schweiz gehören. Sondern auch, weil der Kastanienhain ein äusserst artenreicher Lebensraum ist. In seinen Trockensteinmauern finden zum Beispiel zahlreiche Eidechsenarten Unterschlupf.
Seit die Birken, Buchen und Fichten gefällt und das Unterholz gelichtet wurden, können die Kastanien wieder wachsen. Damit das auch in Zukunft so bleibt, hat Luca Plozza einen Verein gegründet, der sich um die Pflege des Kastanienhains in Soazza kümmert.
Das ganze Sommerhalbjahr über kommen Schulklassen, Zivildienstleistende oder Lehrlingsgruppen wochenweise, um bei der Landschaftspflege im Kastanienhain mitzuhelfen.
Das Jäten im steilen Gelände ist anstrengend und anspruchsvoll...
...dafür wird man mit einer tollen Aussicht belohnt.
Um die freiwilligen Helfer unterzubringen, hat er Verein Paesaggio Mont Grand mit Unterstützung der Berghilfe drei alte, nicht mehr genutzte Rustici zu einem Besucherzentrum umgebaut.
Im einen Rustico wurde eine Küche eingebaut, im zweiten ein Aufenthaltsraum untergebracht...
... und das dritte Rustico dient als Gruppenschlafraum.
Diesen Sommer hat der Verein oberhalb des Kastanienhains erneut mit Unterstützung der Berghilfe ein weiteres Rusticos zu einer Besucherunterkunft umgebaut.
Im Herbst ist Ernezeit. Einen Teil der Kastanien sammeln Vereinsmitglieder und Dorfbewohner zusammen, um sie beim Kastanienfest im Oktober zu verkaufen. Ein Grossteil der Früchte bleibt jedoch liegen, weil sich die Verarbeitung im grösseren Stil bisher nicht lohnt.

Fotogalerie: Kastanienselve Soazza/GR

Rezept mit Kastanienhonig aus Soazza

Tatsch ist für die Bündner, was der Pancake für die Amerikaner. Mit einem Schuss Kastanienmehl, Kastanienhonig und einem Birnenkompott wird dieser Pfannkuchen zu einem süssen Herbst-Znacht.

Zum Rezept