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Sechs Frauen für einen Purzelzwärg

Die beste Lebensversicherung für ein Bergtal sind junge Familien. Damit diese nicht abwandern, braucht es entsprechende Angebote. Sechs junge Frauen im Walliser Lötschental haben die Sache in die eigenen Hände genommen und eine Spielgruppe gegründet.

November 2014 / 
Ganz ohne Tränen geht es noch nicht. Während die meisten Kinder schon drinnen am Spielen sind, klammert sich der kleine Samuel in der Garderobe draussen noch an Mamas Bein fest und will nicht loslassen. «Es ist schon viel besser als ganz am Anfang, aber ganz haben wir den Ablöseprozess wohl noch nicht hinter uns», sagt Nadja Bellwald schmunzelnd. Das Drama ist von kurzer Dauer. Zwei Minuten später sitzt Samuel mit den dreizehn anderen Kindern im Kreis und singt das Lied vom Purzelzwärg.
 
Purzelzwärg, so heisst die frisch gegründete Spielgruppe des Lötschentals. Dass es sie überhaupt gibt, ist der Initiative von sechs jungen Müttern zu verdanken. Eine davon ist Nadja Bellwald. Für sie war klar, dass sie ihre drei Kinder vor dem Kindergarten in eine Spielgruppe schicken würde. «Es tut den Kleinen gut, wenn sie früh mit Gleichaltrigen in Kontakt kommen und nicht nur immer mit mir, meinem Mann und den Geschwistern zusammen sind», sagt sie. Die nächste Spielgruppe war jedoch in Niedergesteln, zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt. «Ich dachte mir schon lange, dass es hier im Tal auch so etwas geben müsste», erinnert sie sich. 
 
Sofort Feuer und Flamme
Sie erkundigte sich nach den Voraussetzungen für den Betrieb einer Spielgruppe und fand heraus, dass dazu ihre pädagogische Ausbildung als Kindergärtnerin und Primarlehrerin ausreichen würde. Sofort nahm sie das Telefon in die Hand und rief ein paar befreundete junge Mütter aus dem Tal an. «Jede einzelne war sofort Feuer und Flamme von der Idee», so Nadja Bellwald. 
 
Das war im Februar. Ein halbes Jahr später war der Purzelzwärg Realität. Die Zeit dazwischen war für Nadja Bellwald und ihre Kolleginnen Julia Rieder, Caroline Erbetta, Cordula Ritler, Anna Ritler und Chantal Werlen aber sehr streng. Viel Freizeit und Herzblut steckten sie in die Spielgruppe. Sie gründeten einen Verein, schrieben Eltern im Tal an, machten Werbung. Sie führten Verhandlungen mit den vier Gemeinden des Tals, bekamen finanzielle und moralische Unterstützung für den Betrieb sowie einen Raum im ehemaligen Schulhaus in Ferden. Diesen peppten sie selbst auf, strichen die Wände bunt. Was nun noch fehlte, waren passende Möbel, Bücher und ein paar Spielsachen. Hier halfen Freiwilligenarbeit und Engagement nicht mehr weiter. Denn Geld besass der neu gegründete Verein kaum. Da wandten sich die jungen Frauen an die Schweizer Berghilfe. Der ehrenamtliche Experte Alois Arnold prüfte das Projekt vor Ort und kam zum Schluss, dass eine Unterstützung sinnvoll sei. «Eine Initiative wie diese trägt massgeblich dazu bei, dass junge Familien mit Kindern in ihrem Tal bleiben und nicht abwandern. Und ein Bergtal, in dem keine Kinder mehr wohnen, hat keine Zukunft», sagt er. 
 
Nachfrage ist riesig
«Wir sind unglaublich dankbar für die Unterstützung. Dank der Berghilfe konnten wir Nägel mit Köpfen machen und sogar beim lokalen Schreiner einen kleinen Spielturm mit Rutschbahn in Auftrag geben», so Nadja Bellwald. «Der ist heute der grosse Hit bei allen Kindern.» Nicht nur die Kinder sind vom neuen Angebot überzeugt, sondern vor allem auch die Eltern. Für Francine Rieder aus Wiler war sofort klar, dass sie ihre Tochter Anouk in die neue Spielgruppe schicken würde. «Mit meinen beiden älteren Kindern musste ich jeweils extra ins Tal runter fahren. Dafür ging immer ein halber Tag drauf. Jetzt bin ich in fünf Minuten mit dem Postauto hier.» So wie Francine Rieder denken offenbar viele Eltern im Lötschental. Denn bereits im ersten Jahr kommen mehr als die Hälfte aller Kinder der entsprechenden Jahrgänge in die Spielgruppe. «Dieser Erfolg freut uns riesig und macht uns auch ein bisschen stolz», sagt Nadja Bellwald. Ebenso stolz sind die Kinder. «Ich bin jetzt ein Purzelzwärg», sagt Anouk im Brustton der Überzeugung.
 
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