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Vom Bergwald fürs Leben lernen

Der Wald ist das beste Schulzimmer, findet die Stiftung Bildungswerkstatt Bergwald. Dieses Jahr sind die Klassen aus Schülern und Lehrlingen bereits die 20. Saison in den Bergen unterwegs. Meist in alten Militär-Geländewagen, die von der Schweizer Berghilfe mitfinanziert worden sind.

September 2015 / 
Reichenbach im Kandertal, Berner Oberland. Ein wunderschöner Spätsommertag. Langsam windet sich das kleine Auto von Marc Lombard das kleine Bergsträsschen hinauf. Der Geschäftsleiter der Stiftung Bildungswerkstatt Bergwald sitzt am Steuer, sein Kollege Kaspar Zürcher macht den Navigator. «Hier vorne sollte jetzt ein Kiessträsschen links abgehen. Ja, genau, hier hoch.» Die beiden sind auf dem Weg, eine Schulklasse aus dem Zürcher Oberland bei ihrem Einsatz im Bergwald zu besuchen. Bald endet der Kiesweg, am Wegrand steht ein alter grüner Militär-Puch. Beschriftet ist er gross mit «Bildungswerkstatt Bergwald». Aber auch das Logo der Schweizer Berghilfe findet man darauf. Insgesamt 20 solcher ausgemusterten Geländefahrzeuge hat die Bildungswerkstatt Bergwald vor sechs Jahren der Armee abgekauft – mit Unterstützung der Berghilfe. «Unsere Einsatzorte sind teilweise sehr abgelegen und weit verstreut. Da geht es fast nicht ohne geeigneten motorisierten Untersatz», so Marc Lombard.
 
Jetzt geht es zu Fuss weiter. Von der Wiese in den Schutzwald und dann direkt den Hang hinauf. Nach ein paar Metern wird aus dem kaum sichtbaren Trampelpfad ein richtiger kleiner Weg. Von den Regenfällen der vergangenen Tage aufgeweicht und matschig zwar, aber eindeutig von Menschenhand angelegt und befestigt. «Den haben vor einem Jahr auch schon Schulklassen von uns gemacht», erzählt Kaspar Zürcher. Das oberste Stück haben die Zürcher Oberländer Schüler diese Woche weiter gebaut. Jetzt ist eine Gruppe von sechs Jugendlichen daran, den Wald zu pflegen. Das heisst: starke Bäume fördern, indem man andere, in ihrer Nähe wachsende Bäumchen und Gebüsche abschneidet. Die Jugendlichen sind mit Feuereifer an der Arbeit und erklären den Besuchern ganz genau, was sie tun und worauf bei dieser Arbeit zu achten ist. Fast könnte man meinen, sie seien vorgängig instruiert worden, wie sie sich dem Besuch gegenüber zu verhalten hätten. Doch Gruppenleiterin Steffi Klatt, eine Forstingenieurin aus Deutschland, die seit Jahren Lager leitet, wehrt lachend ab. «Wir hatten kein heimliches Briefing. Die Jungen sind einfach stolz auf ihre Arbeit und wollen zeigen, was sie geschafft haben.»
 
Doch auch im Wald ist es selten von Anfang an so harmonisch. Anfangs wird meist gejammert und gestänkert, wenn die Jugendlichen merken, dass sie hier richtig anpacken müssen, dass Regen, Dreck und Mückenstiche dazugehören. Aber nach ein paar Tagen weicht der Koller in der Regel dem Stolz über das Erreichte. Die Jugendlichen fangen an, den Sinn ihrer Arbeit zu sehen, Schlagworte wie Nachhaltigkeit, Biodiversität und Ökologie bekommen plötzlich einen Inhalt. Aber auch das Klassengefüge wird durchgeschüttelt. So stellt sich zum Beispiel der Coolste von allen mit der Handsäge extrem ungeschickt an, und einer, der sonst eher tief in der Hackordnung steht, kann einmal brillieren. Und früher oder später kommt immer die Erkenntnis: Wir schaffen es nur gemeinsam. «In Punkto Klassenzusammenhalt haben wir bisher ausschliesslich positives Feedback von den Lehrpersonen erhalten», sagt Marc Lombard. «So ein Lager hat schon Wunder gewirkt bei Klassen, die so schwierig waren, dass an einen regulären Schulbetrieb nicht mehr zu denken war.» Aber auch ganz klassischen Unterrichtsstoff vermitteln die pädagogisch geschulten Forstspezialisten, welche die Lager leiten. Das Fällen eines Baumes mit der Handsäge lässt sich prima mit einer Physikstunde kombinieren.
 
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Fotogalerie: Bilder zum Projekt Reichenbach/BE