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Der Alphornbauer

Heinz Tschiemer hat seine Stelle an den Nagel gehängt und sich selbstständig gemacht – als Alphornbauer. Getan hat dies der junge Familienvater aus Idealismus und um seiner Heimatgemeinde Habkern zu neuem Schwung zu verhelfen.

Juni 2013 / 

Ein unverkennbarer Klang tönt durch das Dorf Habkern im Berner Oberland. Ein geerdeter, beruhigender Ton, der hier schon vor Hunderten von Jahren zu hören war. Wer ihm folgt, landet im ehemaligen Dorfladen, in der neuen Alphornwerkstatt Bernatone. Dort steht Heinz Tschiemer zwischen Drehbänken, Schleif-, Fräs- und Bohrmaschinen und probiert ein soeben fertiggestelltes Alphorn aus. Noch vor einem Jahr wäre der Vater von zwei kleinen Buben an einem Werktagsmorgen wie diesem unterwegs gewesen, mit dem Firmenauto auf dem Weg zu einem Kunden. Seine gute Stelle als Aussendienstmitarbeiter einer Firma für Stalleinrichtungen hat er aber eingetauscht gegen Selbstständigkeit, sehr viel Arbeit und wirtschaftliche Ungewissheit. Warum? Heinz Tschiemer zeigt auf das brandneue Alphorn: «Dieses hochwertige Instrument ist vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt hier in Habkern entstanden. Es hat in unserem abgelegenen Bergdorf der Reihe nach dem Förster, dem Säger, meiner Frau Marietta und mir sowie der Künstlerin, die das Enzian-Motiv als Verzierung aufgemalt hat, Arbeit gegeben. Das ist doch genial, oder?»

Aufträge für die Sägerei
Es steckt viel Idealismus hinter der Entscheidung des Ehepaars Tschiemer, aber auch der Zufall half mit. Ganz aus dem Nichts ist Heinz nicht zum Alphornbauer geworden. Sein Vater Hans betreibt in der vierten Generation neben dem Bauernbetrieb eine Sägerei. Dort wird das Holz aus den umliegenden Wäldern zu Balken und Brettern verarbeitet. Die Einzelteile beinahe jedes Holzhauses in Habkern sind in der Sägerei der Tschiemers entstanden. In den 1990er-Jahren wurde ein Instrumentenbauer aus dem Unterland bei Vater Tschiemer vorstellig. Er suchte ganz besonderes Holz für die Produktion von Alphörnern. Fichte musste es sein, dicht an der Waldgrenze ganz langsam gewachsen und möglichst regelmässig. Tschiemer konnte das gewünschte Holz liefern, und es entwickelte sich eine langjährige Partnerschaft. Als der Instrumentenbauer vor einem Jahr aus Altersgründen seine Werkstatt verkaufen wollte, fragte er zuerst bei Tschiemers nach. Heinz, der als Kind Alphorn spielen gelernt hat, aber in den vergangenen Jahren kaum mehr zum Spielen gekommen ist, war sofort interessiert. «Ich fand das Alphornbauen faszinierend und sah darin das Potenzial für unser Dorf», sagt er. Und so entschieden sich Tschiemers nach vielen Diskussionen und einigen schlaflosen Nächten, den grossen Schritt zu wagen. Für den Kauf der vielen Maschinen setzten Tschiemers ihr ganzes Erspartes ein. Viel fehlte nicht, aber trotzdem reichte es nicht ganz. Tschiemers hätten sich zu stark verschulden müssen. Deshalb stellten sie bei der Schweizer Berghilfe ein Gesuch um Unterstützung. «Wir waren unglaublich erleichtert, als die Berghilfe den fehlenden Betrag übernommen hat», sagt Marietta.

Leeres Ladenlokal belebt
Zur Entscheidung, auf die Alphornwerkstatt zu setzen, hat auch die Tatsache beigetragen, dass einer der beiden Dorf-läden Habkerns just zu diesem Zeitpunkt schliessen musste. Ein grosser Raum mit Schaufenstern, mitten im Dorfkern, wurde plötzlich nicht mehr gebraucht. «Es wäre für das Dorf gar nicht gut gewesen, wenn eine solche Liegenschaft nur als Lagerraum genutzt worden wäre», sagt Heinz. «Mit unserer Werkstatt bleibt das Zentrum lebendig.»
Wenn alles nach Plan läuft, bringt die Alphornwerkstatt sogar neue Besucher nach Habkern. Heinz will Führungen durch seine Werkstatt anbieten und Touristen zeigen, wie die traditionellen Alphörner entstehen. Eine Zusammenarbeit mit Interlaken Tourismus ist aufgegleist, die ersten Gruppen sind bereits durch die Werkstatt geführt worden. Gesehen haben sie einen Betrieb, in dem mit modernen Methoden traditionelle Instrumente hergestellt werden. Im Durchschnitt fertigt Heinz pro Woche ein Alphorn. Ein qualitativ erstklassiges Alphorn, wie er betont, für das Kunden ungefähr 3500 Franken bezahlen. «Es ist eine Wissenschaft für sich, ein richtig gutes Alphorn zu bauen. Wenn die Qualität aber stimmt, habe ich keine Probleme, so viele zu verkaufen, wie ich herstellen kann.» Jetzt gilt es erst einmal, das vom Vorgänger übernommene Wissen umzusetzen und Erfahrungen zu sammeln. Heinz Tschiemers Ziel ist aber, möglichst bald einen Mitarbeiter anstellen zu können. Und somit nochmals einen Beitrag daran zu leisten, dass Habkern lebendig bleibt.

 

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Heinz Tschiemers Berufsleben dreht sich neuerdings ums Alphorn. Bis er ein brandneues Exem- plar stolz präsentieren kann, steht eine ganze Woche Arbeit an.
Alles beginnt mit der Auswahl des richtigen Holzes. Nahe der Waldgrenze und deshalb langsam gewachsen sollte es sein. Die Sägerei der Familie Tschiemer liefert schon seit Jahren Holz für Alphörner.
Diese Form wird direkt auf den Holzstamm gelegt, um herauszufinden, ob der Wuchs des Holzes geeignet ist.
In der Werkstatt werden die ausgewählten Bretter dann bearbeitet.
Die einzelnen Teile des Alphorns werden per CNC-Technik gefräst.
Beim Schleifen ist allerdings noch viel Handarbeit gefragt.
Auch das Einsetzen der Verbindungsstücke aus Kunststoff geschieht mit viel Feingefühl von Hand.
Auf den Alphornbecher kommt zum Schutz des Instruments ein Ring aus stabilem Nussbaumholz. Diesen fertigt Heinz Tschiemer auf der Drehbank an.
Unterstützung erhält Heinz von seiner ganzen Familie. Der kleine Matthias hilft seinem Vater fürs Leben gern...
...und Ehefrau Marietta umwickelt die Alphörner jeweils mit Peddigrohr.
Dies hat auf den Klang des Alphorns keine Auswirkungen, schützt das Instrument aber vor Schlägen.
Bei ihrer Arbeit steht Marietta im Schaufenster des ehemaligen Dorfladens von Habkern.
Mit der Eröffnung ihrer Alphorn-Werkstatt haben Tschiemers dafür gesorgt, dass das Ladenlokal mitten im Dorf weiterhin genutzt wird.
Meist liefern Tschiemers ihre Alphörner auf Bestellung. Im Laden haben sie aber immer auch einige Exemplare und verschiedene Mundstücke zum Verkauf auf Lager.

Fotogalerie: Bilder zum Projekt Habkern/BE

Video: Habkern/BE: Der Alphornbauer.

Das Alphorn.

Wann genau das erste Alphorn gebaut wurde, weiss heute niemand mehr. In der Schweiz wurde es 1527 erstmals schriftlich erwähnt. Im 18. Jahrhundert geriet das Instrument, als Bettelhorn verspottet, fast in Vergessenheit, da die verarmte Landbevölkerung damit musizierte. Mit der Romantik und dem Tourismus im 19. Jahrhundert wurde zusammen mit der Folklore auch das Alphorn wiederentdeckt. Heute gilt das Alphorn als ein Schweizer Nationalsymbol. Es gehört aufgrund der Anblastechnik zu den Blechblasinstrumenten, obwohl es fast vollständig aus Holz besteht.

Video: Alphornbauer, Habkern