Alpage du Bois-Raiguel
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Ein Weltenbummler als Älpler

Natürliche Zutaten, von Hand verarbeitet, lokal hergestellt. Dafür steht Marcel Bühler. Auf seiner Alpage du Bois-Raiguel im Berner Jura betreut er nicht nur eine grosse Kuhherde. Er käst auch, betreibt ein Restaurant und vermietet neu Gästezimmer. 

September 2017 / 

«Wenn man nie weggeht, kann man auch nicht schätzen, was man zu Hause alles hat. Darum nehme ich mir jeden Winter die Zeit, auf Reisen zu gehen. Ich kaufe mir ein Ticket, steige in den Flieger – und lasse mich davon überraschen, was mich erwartet. Ohne Pläne, ohne Reservationen. So komme ich am einfachsten in Kontakt mit der Bevölkerung. Das macht für mich das Reisen aus. 103 Länder habe ich schon besucht, überall habe ich Menschen kennengelernt, die ich heute als Freunde bezeichne.

Einmal hätte es mich sogar fast nach Nordkorea verschlagen. Ich lernte den heutigen Machthaber, Kim-Yong-Un, hier im Berner Jura kennen. Er ging damals in Liebefeld bei Bern in ein Internat. Er war ein kleines, bleiches Bürschchen, das nicht viel sagte und vom Botschaftspersonal verhätschelt wurde. Der Botschafter kaufte regelmässig Strausseneier bei der Familie eines Freundes hier in der Nähe. Einmal war Kim mit dabei, und mein Kollege und ich nahmen ihn mit zum Schlitteln. Das war ganz lustig. Nachher hat er uns in seine Heimat eingeladen. Ich wäre gegangen, aber mein Kollege hat kalte Füsse bekommen.

Melken, käsen, kochen

Fürs Reisen habe ich nur im Winter Zeit. Im Sommerhalbjahr ist Alpzeit, dann habe ich kaum eine freie Minute. Um fünf stehe ich auf. Jeden Tag, denn die Kühe wollen schliesslich gemolken werden. 40 Stück sind es, ausserdem haben wir noch Rinder, Kälber und Schweine auf der Alp. Insgesamt rund 120 Tiere. Die Schweine und Rinder gehören mir, die Milchkühe meinem Bruder. Wir arbeiten zusammen, aber jeder auf eigene Rechnung. Nur so gibt es keinen Streit. Alles andere ist Gugus. Ich kümmere mich auf der Alp um sein Vieh, er erledigt für mich das Heuen und schaut wie im Winter, wenn ich auf Reisen bin, auf meinem Talbetrieb in Courtelary nach dem Rechten.

Nach dem Melken wird gekäst. Am Anfang des Sommers, wenn die Kühe am meisten Milch geben, füllt die Vorabendmilch und die frische Milch vom Morgen das Käsekessi fast komplett. Zwei grosse Gruyère-Laibe gibt das. Sieben Tonnen pro Sommer. Daraus mache ich unter anderem 2000 Portionen Fondue in der Métairie. Ich produziere aber nicht nur Gruyère. Auch Halbhart- und Weichkäse, zig verschiedene Arten, 2 Tonnen pro Saison. Abwechslung ist wichtig, wenn man den Käse im eigenen Restaurant vermarktet. Ich kann ein schönes, vielseitiges Käseplättchen anbieten – ausschliesslich mit eigenem Käse. Das kann nicht jeder. Es ist mir wichtig, möglichst wenig zuzukaufen. Das Gemüse und der Salat kommen aus dem Garten, der Speck und die Würste von den Alpschweinen hinter dem Haus. Und im Herbst gibt es jedes Wochenende Metzgete. Aber auch Butter mache ich selber, und der Schlagrahm für aufs Glace kommt bei mir nicht aus der Dose, sondern von meinen eigenen Kühen.

Nach dem Essen übernachten

Tagsüber und bis am späten Abend bin ich für die Gäste da. Ich habe zwar drei Saisonangestellte und je nach Bedarf Aushilfen. Meine Mutter packt mit an und auch meine Lebenspartnerin unterstützt mich. Aber es gibt immer mehr als genug zu tun. Vor allem jetzt, wo ich auch noch Zimmer anbiete. Die Idee dazu kam von meinen Gästen. Immer wieder hörte ich abends, dass es doch viel angenehmer wäre, wenn man nicht mehr nach Hause fahren, sondern gleich hier oben auf der Alp übernachten könnte. Also habe ich den leerstehenden Dachstock ausgebaut und vier einfache, aber gemütliche Zimmer eingerichtet. Die Schweizer Berghilfe hat mich dabei unterstützt, weil ich all mein Erspartes bereits vorher in den Ausbau der Métairie, des Schweinestalls und der Gaststube gesteckt hatte. Weil ich fast alles selbst machen konnte, war der Umbau zwar nicht so teuer, aber halt auch nicht gratis. Vor allem die Erneuerungen der WCs, die nun rollstuhlgängig sind, waren aufwändiger als gedacht.

Jetzt bin ich sehr glücklich darüber, wie alles herausgekommen ist. Die ersten Gäste durfte ich schon beherbergen, und alle waren sehr zufrieden. Klar, die Tage werden dadurch noch länger. Manchmal denke ich fast, es lohnt sich gar nicht mehr, ins Bett zu gehen. Aber das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst, dass ich mich verausgabe, das habe ich zum Glück nie. Denn der Stress hört ja auch wieder mal auf. Das ist das Schöne an der Alpzeit. Im Frühling freue ich mich wahnsinnig darauf, dass sie anfängt. Im Herbst freue ich mich, dass es endlich vorbei ist. Und dass ich mich aufmachen und ein neues Land entdecken kann.»
 

 

Kommentare

Erika Peter-Thommen | 13. September 2017 - 20:25
Ich würde gerne einmal auf der Alpage du Bois-Raiguel übernachten. Haben Sie Email, Telefon von Marcel Bühler?
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maxhugelshofer | 18. September 2017 - 11:13
Ja: bois-raiguel@hotmail.com Viel Spass
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In die Métairie du Bois-Raiguel von Marcel Bühler kommen die Gäste von weit her.
Bekannt ist Marcel für seine einfachen, natürlichen Gerichte...
...deren Zutaten fast ausschliesslich von der eigenen Alp kommen.
Hauptlieferanten sind die Kühe.
Mit dem Jungvieh sind es 120 Stück, gemolken werden rund 40 davon.
Aus der Milch macht Marcel jedes Jahr neun Tonnen Käse.
Zig verschiedene Spezialitäten sind dabei, weiche, harte und halbharte Sorten.
Aber auch jedes Jahr Gruyèrekäse für über 2000 Portionen Fondue.
Mit dem Käsen alleine ist es nicht getan. Die Laibe wollen auch gepflegt werden.
Die Vielfalt der hergestellten Käse ist kein Zufall. «Ich will nichts dazukaufen, meinen Gästen aber trotzdem ein vielfältiges Käseplättli anbieten können.»
Auf der Alpage du Bois-Raiguel kommt auch der Schlagrahm nicht aus der Dose, sondern wird selber aus der Kuhmilch hergestellt.
Die beim Käse anfallende Schotte kriegen die Alpschweine zu fressen. Sie liefern einen wichtigen Beitrag zur vielfältigen Speisekarte.
Gekochter Schinken passt zur Rösti aus den eigenen Kartoffeln genauso gut wie...
...saftige Schweins-Koteletten.
Doch nicht nur beim Fleisch achtet Marcel auf kurze Transportwege und geschlossene Kreisläufe.
Der Salat stammt ebenso aus dem Garten wie ein grosser Teil des verwendeten Gemüses.
Die Alp liegt inmitten eines grossen Wandergebiets.
Es kehren hier aber bei weitem nicht nur Wanderer ein. Das feine Essen und die gemütliche Atmosphäre haben Marcel viele Stammkunden eingebracht.
Sinnbildlich für die Métairie du Bois-Raiguel: Tradition und Moderne ergänzen einander.
Neu kann man hier sogar übernachten. Unter dem Dach hat Marcel mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe einige einfache, aber gemütliche Gästezimmer eingerichtet.

Fotogalerie: Bois-Raiguel