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«Über Braggio gäbe es viel zu erzählen.»

Mit grossem Engagement fördern Agnese und Luciano Berta den sanften Tourismus im Calancatal/GR. Sie haben das Angebot in Braggio sukzessive ausgebaut – jüngstes Beispiel ist der Mehrzweckraum, der für Kurse und Seminare optimale Verhältnisse bietet.

August 2013 / 
 
Agnese Berta, Sie haben zusammen mit Ihrer Familie in Braggio ein touristisches Puzzle mit einem breiten Angebot auf die Beine gestellt. Wie geht es dem Projekt?
Grundsätzlich sind wir zufrieden. Bei den Buchungen für die Ferienhäuser hat uns in der ersten Jahreshälfte das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Im Bereich Agrotourismus konnten wir dennoch einige gute Anlässe durchführen. Ich denke da vor allem an das Frühstück auf dem Bauernhof zum Fest von San Giuseppe am 19. März. Er entwickelt sich zu einem Fixpunkt, der uns gut tut und mit dem wir uns schon einen Namen gemacht haben. Dieses Jahr konnten wir 75 Leute bewirten – hauptsächlich mit Produkten, die wir selber herstellen. Darüber hinaus hatten wir auch eine Erstkommunion, einige Geburtstagsfeste und Personalausflüge. Seit Juni sind die Häuser gut besetzt. Gerade jetzt sind wir während einigen Tagen sogar voll ausgebucht. 
 
Erfüllt der neue Mehrzweckraum Ihre Erwartungen?
Der Raum ist eine wahre Freude! Es gibt in Braggio keinen zweiten Raum dieser Dimension. Er hat eine sehr spezielle Ausstrahlung. Die Gäste sind meist überrascht, in Braggio einen so stimmigen Raum anzutreffen, und fühlen sich wohl darin. 
 
Wird der neue Raum auch genutzt?
Der Mehrzweckraum wurde schon für Firmen-Workshops gebucht, auch fanden beispielsweise ein Yoga-Wochenende und ein Sing-Seminar statt. Die Nachfrage entwickelt sich langsam, aber kontinuierlich. Zu Beginn war auch noch nicht alles perfekt eingerichtet; seit kurzem verfügen wir nun über drahtloses Internet. Wir gehen Schritt für Schritt. Geholfen hat uns auch der Bericht in der «Berghilf-Ziitig». Wir wurden mehrfach darauf angesprochen und erhielten durchwegs positive Reaktionen und auch Buchungen. 
 
Welche Rolle spielt bei der Vermarktung Ihre Webseite?
Das Internet ist sehr wichtig für uns. Viele Gäste nehmen auf diesem Weg Kontakt mit uns auf. Auch die Pflege der Webseite ist zeitintensiv. Denn man muss ständig auf Draht sein, sehr schnell auf Anfragen reagieren. Doch wer das nicht will, muss erst gar nicht im Tourismus tätig sein wollen. Ich überlege mir, ob wir unser Angebot noch auf einer Website für Seminare anbieten sollten. Dies würde uns eine neue Zielgruppe erschliessen. 
 
Bieten Sie den Gästen auch Halbpension an?
Vereinzelt kommt es vor, dass wir ganze Gruppen bei uns haben, die inklusive Nachtessen buchen – etwa im September wird der Robert Eller Chor aus Deutschland ein Singseminar durchführen. Schon zum zweiten Mal. Das bedeutet dann sogar Vollpension und ist eine riesige Herausforderung für uns. Gleichzeitig handelt es sich um einen der Höhepunkte des Jahres. Der Chor wird auch ein Konzert veranstalten. Solche kulturellen Anlässe steigern die Attraktivität unserer Region. Generell fehlen uns für einen Halbpension-Betrieb aber die Ressourcen. Denn der Landwirtschaftsbetrieb ist weiterhin sehr intensiv und bringt uns – meinen Mann, meine Tochter, meine Schwägerin und mich – an die Grenzen unser Leistungsfähigkeit. 
 
Die Landwirtschaft wird weiterhin ein wichtiges Standbein bleiben?
Natürlich stellen wir uns die Frage, wie wir uns mittelfristig organisieren. Doch der Landwirtschaftsbetrieb gehört zum Agrotourismus und ist nicht wegzudenken. Im Sommer bringt er uns manchmal an den Rand unserer Kräfte. Denn ein grosser Teil unseres Landes befindet sich  an sehr steilen Hängen, das erfordert beim Heuen sehr viel kraftraubende Handarbeit. Zum Glück sind wir noch fit und können diese strenge körperliche Arbeit bewältigen. Dank sei allen Gästen, die immer wieder beim Heuen mithelfen und mit Heuen ihre Ferien gestalten. Doch das kann nicht bis in alle Ewigkeit so weitergehen. 
 
Überlegen Sie sich, jemanden einzustellen?
Diese Gedanken machen wir uns tatsächlich immer wieder. Vor allem während der Sommermonate könnten wir Unterstützung gut gebrauchen – entweder für den Landwirtschaftsbetrieb oder die Arbeit in der Küche respektive im Gästebetrieb. Aber das ist nicht so einfach. Wir können nicht viel bezahlen und doch kommt nur eine qualifizierte, kompetente Arbeitskraft in Frage. Dieses finanzielle Risiko können wir im Moment nicht auf uns nehmen. Es braucht noch etwas Anlaufzeit.
 
Also stellt sich die Frage für Sie im Moment nicht, das Angebot noch auszubauen?
Doch, doch. Das ist eine Frage, die uns im Moment sehr stark beschäftigt. Unsere Tochter Aurelia hat im Rahmen der Bäuerinnenprüfung untersucht, wie wir das Potenzial im Bereich Agrotourismus noch besser ausschöpfen könnten. Doch im Moment fehlen mir Zeit und die Ruhe, die vorhandenen Ideen im Detail zu überdenken – denn Ideen hätten wir noch viele.
 
Zum Beispiel?
Über Braggio gäbe es so viel zu erzählen, man könnte vieles zeigen: Zum Beispiel wurde eine erste Seilbahn, die früher nur für Matrial und die Post benutzt wurde, vor 120 Jahren noch mit einer Handkurbel betrieben. In Braggio gibt es eine alte Mühle und eine ehemalige Schnapsbrennerei. Es wurde Speckstein abgebaut und Holzkohle produziert. Gewaschen wurde an einem Bach. Eine Art geschichtlicher Rundgang wäre höchst spannend. 
 
Können Sie das alles selber bewältigen?
Nein, um das zu organisieren braucht es ein Team. Dasselbe gilt für die Organisation von Anlässen, etwa im kulturellen Bereich, welche ein Publikum über Braggio hinaus ansprechen würden. Ich würde gerne Diskussionsrunden organisieren, zu politischen und wirtschaftlichen Themen. Doch auch dazu fehlen mir im Moment die Ressourcen. Man müsste entsprechend Werbung machen und es bräuchte eine kompetente Diskussionsleiterin oder einen Moderator. Vor allem in der Nebensaison oder im Winter wäre es schön, wenn wir mehr Gäste hätten. In dieser Zeit könnte ich mich auch intensiver um die Gäste kümmern. Im letzten Winter haben wir eine Vollmond-Schneeschuhwanderung mit Start an der Seilbahnstation  organisiert. 20 Personen nahmen daran teil. Ich kochte anschliessend Gulaschsuppe – es wurde ein wunderschöner und sehr gemütlicher Abend.  
 
Bei all dieser vielen Arbeit, die Sie haben: Haben Sie das gesamte Projekt auch schon in Frage gestellt?
Wie sich das Projekt entwickelt hat und was uns alles bisher gelungen ist, erfüllt mich mit einer riesigen Freude. Ich habe zwar sehr viel investiert, bin jedoch sehr froh, es durchgezogen zu haben. Die Gäste, die zu uns kommen, sind immer wieder eine grosse Bereicherung für uns. Davon können alle im Dorf profitieren. So freue ich mich beispielsweise auch auf das offene Singseminar im Oktober, für das sich jedermann anmelden kann und das hoffentlich ausgebucht sein wird. 
 

Kommentare

Burch Marie-Theres | 24. Juli 2017 - 23:32
Liebe Agnese und Fam.! Ich bin sehr angetan über deine Schaffenskraft, dein Ideenreichtum und dein Durchhaltewillen! Tante grazie! Ich kenne den Bergbauernalltag persönlich, wie viel Handarbeit es benötigt! Bin 70 Jahre alt und wohne in Obwalden, leider nicht so ums Eck vom Calancatal. Sonst würde ich gerne helfen kommen! Alles Gute! Marie-Theres Burch, Rütistrasse 4 6063 Stalden OW
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