«Die Bevölkerung muss den Dorfladen mittragen»

«Die Bevölkerung muss den Dorfladen mittragen»

Dorfläden haben es schwer. Vor allem im Berggebiet. Fragen und Antworten zur Unterstützung von Dorfläden bei der Berghilfe.

Dorfläden stellen die Versorgung in Bergdörfern sicher. Deshalb unterstützt die Schweizer Berghilfe Dorfladen-Projekte. Worauf es dabei ankommt, erklärt der verantwortliche Projektleiter Raphael Jaquet.


Warum unterstützt die Schweizer Berghilfe Dorfladen-Projekte?

Raphael Jaquet: Dorfläden versorgen Bewohner und Feriengäste im Berggebiet mit den Gütern des täglichen Bedarfs. Häufig bieten die Dorfläden mehreren Bewohnern eine Arbeitsstelle, mehrheitlich Teilzeitstellen. Durch den Vertrieb von regionalen Produkten kann eine zusätzliche Wertschöpfung für die Region generiert werden. Dorfläden übernehmen häufig auch eine Zentrumsfunktion. Nachdem vielerorts Poststellen, Restaurants und Bankfilialen geschlossen wurden, wirkt der Dorfladen oft als einzig verbleibender sozialer Treffpunkt der Bevölkerung und der Gäste eines kleinen Bergdorfes. Vor allem für ÖV-orientierte Gäste, die zum Einkaufen keine weiten Wege zurücklegen wollen, dürfte die Existenz eines Dorfladens bei der Wahl der Destination ein entscheidendes Kriterium darstellen.

Wie viele Dorfläden hat die Schweizer Berghilfe bisher unterstützt?

Die Schweizer Berghilfe hat in den vergangenen zehn Jahren 50 Dorfladenprojekte geprüft und die grosse Mehrheit davon unterstützt. Wir haben dabei diverse Betreibermodelle, Organisationsformen und Besonderheiten von solchen Projekten kennengelernt. Knapp 2,3 Millionen Franken flossen in den Erhalt von Lebensmittelgeschäften in Bergdörfern.

Ist es ein Erhalt um jeden Preis?

Nein, ein Dorfladen braucht eine gute Verankerung im Dorf und muss einen Mindestumsatz erzielen, um überhaupt zukunftsfähig zu sein. Die Margen auf Lebensmittel sind gering, notwendige Ersatzinvestitionen lassen sich bei mangelndem Umsatz kaum selbst finanzieren. Wir unterstützen Dorfladenprojekte, unabhängig der Rechtsform oder des Betreibermodells, wenn die lokale Bevölkerung den Laden mitträgt. Zum Beispiel, wenn sich eine Genossenschaft oder ein Verein für den Erhalt einsetzt. Entscheidend ist auch, ob in der näheren Umgebung alternative Einkaufsmöglichkeiten vorhanden sind. Zusätzlich achten wir auf den Marktanteil des Dorfladens, – ein wichtiger Indikator für eine gute Verankerung in der Bevölkerung. Die Ausgaben für Lebensmittel belaufen sich pro Haushalt und Jahr im Durchschnitt auf rund 7500 Franken. Sind die Umsatzzahlen gemessen an diesem Potenzial bescheiden, ist die Verankerung und auch die wirtschaftliche Zukunft des Dorfladens fragwürdig.

Welchen Mindestumsatz setzt die Schweizer Berghilfe voraus bei der Unterstützung eines Dorfladens?

In der Regel unterstützen wir Dorfläden ab einem Umsatz ab 250'000 bis zu maximal 1 Million Franken. Darüber besteht keine Unterstützungsnotwendigkeit. Dorfläden mit einem Umsatz unter 500'000 Franken sind betriebswirtschaftlich höchst kritisch zu beurteilen. In der Regel können sie nur längerfristig betrieben werden, wenn sich beispielsweise ein Verein oder die Gemeinde an den Defiziten beteiligt oder die Lokalitäten kostengünstig oder -frei zur Verfügung stellt. Dorfläden mit einem Umsatz unter einer Viertelmillion sind ein Auslaufmodell, wirtschaften oft defizitär. Eine Unterstützung der Berghilfe ist bei diesen Dorfläden nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Die geplanten Investitionen und Massnahmen des Projekts müssten hier schon eine klare Umsatzsteigerung erwarten lassen.

Für welche Investitionen im Rahmen eines Dorfladen-Projekts können Gesuche an die Berghilfe gestellt werden?

Das hängt unter anderem von der Umsatzhöhe ab. Dorfläden mit einem kleineren Umsatz zwischen 250'000 und 500'000 versuchen wir in erster Linie zu erhalten, etwa indem wir die Erneuerung von Kühlanlagen oder bauliche Sanierungsmassnahmen unterstützen. Bei Dorfläden mit einem Umsatzpotenzial von einer halben bis einer Million Franken hingegen unterstützen wir auch grössere Investitionen, die der Förderung des Geschäfts dienen, wie zum Beispiel eine neue Ladeneinrichtung oder eine Gesamterneuerung.

Können Sie uns ein Beispiel eines gelungenen Dorfladen-Projekts nennen, das die Berghilfe unterstützt hat?

Der Dorfladen in Bristen im Kanton Uri ist für mich exemplarisch. 400 Einwohner zählt das Dorf im Maderanertal. Sie leben abgelegen, die Strasse runter nach Amsteg ist steil und eng. Als das Ehepaar, das 30 Jahre lang den Dorfladen geführt hatte, ans Aufhören dachte, fand sich kein Nachfolger für das Geschäft. Ein Dorf ohne Laden konnten sich aber viele Bristner nicht vorstellen. Sie taten sich zusammen, berieten, diskutierten, und gründeten schliesslich an einer Gemeindeversammlung die Genossenschaft Dorfladen Bristen. 80 Prozent aller Einwohner kauften Genossenschaftsscheine. Dieses klare Bekenntnis zum Dorfladen ermutigte die Initianten – und sprach für eine Unterstützung seitens der Berghilfe.

 Familie mit Kindern beim Einkaufen im Dorfladen in Guttet-Feschel im Wallis.
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Unterstützung für Dorfläden
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