«Die Bevölkerung muss den Dorfladen mittragen»

Dorfläden haben es schwer. Vor allem im Berggebiet. Fragen und Antworten zur Unterstützung von Dorfläden bei der Berghilfe.

Dorfläden stellen die Versorgung in Bergdörfern sicher. Deshalb unterstützt die Schweizer Berghilfe Dorfladen-Projekte. Worauf es dabei ankommt, erklärt der Projektleiter Patrick Zollinger.


Warum unterstützt die Schweizer Berghilfe Dorfladen-Projekte?

Patrick Zollinger: Dorfläden versorgen Bewohner/innen und Feriengäste im Berggebiet mit den Gütern des täglichen Bedarfs. Häufig bieten die Dorfläden mehreren Bewohnern eine Arbeitsstelle, mehrheitlich Teilzeitstellen. Durch den Vertrieb von regionalen Produkten kann eine zusätzliche Wertschöpfung für die Region generiert werden. Dorfläden übernehmen häufig auch eine Zentrumsfunktion. Nachdem vielerorts Poststellen, Restaurants und Bankfilialen geschlossen wurden, wirkt der Dorfladen oft als einzig verbleibender sozialer Treffpunkt der Bevölkerung und der Gäste eines kleinen Bergdorfes. Vor allem für ÖV-orientierte Gäste, die zum Einkaufen keine weiten Wege zurücklegen wollen, dürfte die Existenz eines Dorfladens bei der Wahl der Destination ein entscheidendes Kriterium darstellen.

Wie viele Dorfläden hat die Schweizer Berghilfe bisher unterstützt?

Die Schweizer Berghilfe hat seit 2010 knapp 50 Dorfladenprojekte geprüft und die grosse Mehrheit davon unterstützt. Wir haben dabei diverse Betreibermodelle, Organisationsformen und Besonderheiten von solchen Projekten kennengelernt. Knapp 2,5 Millionen Franken flossen in den Erhalt von Lebensmittelgeschäften in Bergdörfern.

Ist es ein Erhalt um jeden Preis?

Nein, ein Dorfladen braucht eine gute Verankerung im Dorf und muss einen Mindestumsatz erzielen, um überhaupt zukunftsfähig zu sein. Die Margen auf Lebensmittel sind gering, notwendige Ersatzinvestitionen lassen sich bei mangelndem Umsatz kaum selbst finanzieren. Wir unterstützen Dorfladenprojekte, unabhängig der Rechtsform oder des Betreibermodells, wenn die lokale Bevölkerung den Laden mitträgt. Zum Beispiel, wenn sich eine Genossenschaft oder ein Verein für den Erhalt einsetzt. Entscheidend ist auch, ob in der näheren Umgebung alternative Einkaufsmöglichkeiten vorhanden sind. Zusätzlich achten wir auf den Marktanteil des Dorfladens, – ein wichtiger Indikator für eine gute Verankerung in der Bevölkerung. Die Ausgaben für Lebensmittel belaufen sich pro Haushalt und Jahr im Durchschnitt auf rund 7500 Franken. Sind die Umsatzzahlen gemessen an diesem Potenzial bescheiden, ist die Verankerung und auch die wirtschaftliche Zukunft des Dorfladens fragwürdig.

Welchen Mindestumsatz setzt die Schweizer Berghilfe voraus bei der Unterstützung eines Dorfladens?

In der Regel unterstützen wir Dorfläden ab einem Umsatz von 400'000 bis zu maximal 1 Million Franken. Darüber besteht keine Unterstützungsnotwendigkeit. Dorfläden mit einem Umsatz unter 400'000 Franken sind betriebswirtschaftlich höchst kritisch zu beurteilen. In der Regel können sie nur längerfristig betrieben werden, wenn sich beispielsweise ein Verein oder die Gemeinde an den Defiziten beteiligt oder die Lokalitäten kostengünstig oder -frei zur Verfügung stellt. Dorfläden mit einem Umsatz unter CHF 400'000 sind ein Auslaufmodell und wirtschaften oft defizitär. Die geplanten Investitionen und Massnahmen des Projekts eines Dorfladens mit einem Umsatz unter CHF 400'000 müssten schon eine klare Umsatzsteigerung erwarten lassen, um unterstützungsfähig zu sein.

Für welche Investitionen im Rahmen eines Dorfladen-Projekts können Gesuche an die Berghilfe gestellt werden?

Das hängt unter anderem von der Umsatzhöhe ab. In der Regel unterstützen wir Projekte von Dorfläden mit einem Umsatz zwischen CHF 400'000 und CHF 1'000'000. Dies können die Erneuerung von Kühlanlagen oder bauliche Sanierungsmassnahmen sein. Aber auch grössere Investitionen, die der Förderung des Geschäfts dienen, wie zum Beispiel eine neue Ladeneinrichtung oder eine Gesamterneuerung.

Können Sie uns ein Beispiel eines gelungenen Dorfladen-Projekts nennen, das die Berghilfe unterstützt hat?

Der Dorfladen in Bristen im Kanton Uri ist für mich exemplarisch. 400 Einwohner zählt das Dorf im Maderanertal. Sie leben abgelegen, die Strasse runter nach Amsteg ist steil und eng. Als das Ehepaar, das 30 Jahre lang den Dorfladen geführt hatte, ans Aufhören dachte, fand sich kein Nachfolger für das Geschäft. Ein Dorf ohne Laden konnten sich aber viele Bristner nicht vorstellen. Sie taten sich zusammen, berieten, diskutierten, und gründeten schliesslich an einer Gemeindeversammlung die Genossenschaft Dorfladen Bristen. 80 Prozent aller Einwohner kauften Genossenschaftsscheine. Dieses klare Bekenntnis zum Dorfladen ermutigte die Initianten – und sprach für eine Unterstützung seitens der Berghilfe.

Gibt es auch innovative Formen von Dorfläden, welche sie unterstützen?

Ja, diese gibt es. Ein solches Projekt ist z.B. der digitale Dorfladen in Cerniat im Kanton Fribourg. Hier waren die Umsatzzahlen zu niedrig, bzw. die Personalkosten zu hoch. Der Laden stand vor der Schliessung. Die Betreiber haben sich dann aber dazu entschlossen, den Laden radikal umzubauen und digital zu gestalten. Heute ist es möglich, dort 24 Stunden lang einzukaufen, mit Selbstbedienung und QR Code als Einlass. Wir haben darüber auch in unserem Berghilfe Magazin berichtet.

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