«Die Nachfrage ist kein Problem»

Oliver Huber, Gründer von Nomady, über Angebot und Nachfrage, spannende Kooperationen und den Balanceakt zwischen Wachstum und Werten.

Als ihr vor anderthalb Jahren den «Zinno Ideenscheck» entgegennehmen konntet, wart ihr noch zu zweit. Jetzt strahlen mir von euerer Website schon fünf Leute entgegen.

Oliver Huber: Ach, mit den Teamfotos auf der Website hinken wir immer etwas hinterher. Wir sind inzwischen sogar zu neunt.

War dieses schnelle Wachstum so geplant?

Ja, die Entwicklung ist ziemlich genau so, wie wir sie uns bei der Gründung vorgestellt hatten. Nicht nur beim Personal. Auch mit den 130 Camps, so nennen wir unsere Übernachtungsplätze in der Natur, die wir inzwischen über die ganze Deutschschweiz verteilt anbieten, sind wir sehr zufrieden.

War da nicht auch viel Glück dabei? Die Pandemie hat euch in die Hände gespielt und bei den Schweizerinnen und Schweizern die Lust aufs Campen im eigenen Land geweckt.

Es ging schon in den Monaten vor dem Pandemieausbruch schön voran. Aber klar, Corona hat die Nachfrage deutlich erhöht. Das brachte uns aber auch unter Zugzwang. Unsere Camps waren alle ausgebucht und wir mussten unter Hochdruck weitere Gastgeber finden. Auch heute noch ist das Angebot der Flaschenhals. Die Nachfrage ist kein Problem.

Bleibt das auch nach Ende der Coronakrise so?

Davon bin ich überzeugt. Natürlich werden die Leute auch wieder längere Reisen ins Ausland machen, aber viele haben im vergangenen Sommer die Schweiz und ihre Schönheiten neu entdeckt. Für Kurztrips wird die Schweiz hoch im Kurs bleiben. Und das ist auch gut so. Aus ökologischer Sicht sowieso, aber auch, weil man sich beim Campen in den Bergen viel besser erholen kann als auf einem Wochenendtrip nach London.

Zurück zu euren Camps. Wie kommt ihr zu neuen, schönen Plätzen?

Das ist die grosse Herausforderung. Bewährt hat sich die Zusammenarbeit mit verschiedensten Organisationen, zum Beispiel mit der Berghilfe. Als im «Berghilfe Magazin» eine Reportage über unser «Gassli-Camp» im Safiental erschien, meldeten sich in der Folge viele Bergbauern, die ebenfalls ein schönes Fleckchen Land hatten, auf dem sie Camper willkommen heissen wollen. Auch mit verschiedenen Tourismusorganisationen haben wir gute Erfahrungen gemacht. Am meisten gebracht hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung Integration.

Auch eine von der Schweizer Berghilfe unterstützte Organisation.

Genau. Die Stiftung kümmert sich um die Platzierung von Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen bei Bauerfamilien und betreibt im Emmental und Entlebuch zwei eigene Schulen.

Oliver Huber, Gründer von Nomady

Wo liegen da die Gemeinsamkeiten mit Nomady?

Auf den ersten Blick machen wir beide tatsächlich etwas komplett anderes. Ich lernte Verwaltungsratspräsident Urs Kaltenriederer auch in einem ganz anderen Zusammenhang kennen. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm natürlich auch von Nomady. Er fand unsere Idee sehr spannend. Wir merkten bald, dass wir ähnlich ticken und gleiche Werte haben. Uns ist zum Beispiel beiden sehr wichtig, dass unsere Partner, die Landwirte, ein zusätzliches Nebeneinkommen auf dem Betrieb erwirtschaften können und dass die Wertschöpfung bei ihnen bleibt. Zum Auftakt unserer Zusammenarbeit schrieb die Stiftung Integration alle Bauern an, bei denen sie Jugendliche platziert haben und stellten ihnen Nomady vor. Dadurch ergaben sich schon einige neue Camps. Urs und seine Leute vermittelten uns aber auch viele Kontakte in der Region und agierten als Türöffner. Mit riesigem Erfolg: Heute haben wir in keiner Region so viele Camps.

Deutlich schlechter vertreten seid ihr in der Westschweiz und in der italienischsprachigen Schweiz.

Wir haben ein paar Plätze, aber die sind uns ohne grosses Zutun zugeflogen. Aus ganz pragmatischen Gründen haben wir uns zuerst auf die Deutschschweiz konzentriert, um den Aufwand kleiner zu halten. Uns war klar: Wenn wir aktiv in der Westschweiz und im Tessin neue Gastgeber suchen, dann müssen wir auch in der Lage sein, in deren Sprachen mit ihnen zu kommunizieren. Das hat für mich auch etwas mit Respekt zu tun. Bei der jüngsten Aufstockung des Teams habe ich darauf geachtet, diese Sprachkompetenzen hinzuzugewinnen. Neu haben wir nun eine Kundenbetreuerin, die bilingue aufgewachsen ist, sowie einen neuen Mitarbeiter, dessen Muttersprache Italienisch ist. Aktuell sind wir daran, unsere Website dreisprachig zu machen. Dann sind wir bereit für den Rest der Schweiz.

Und das Ausland?

(Lacht) Das kommt dann in einem späteren Schritt dran. Wir werden jetzt nicht nach Australien expandieren, aber irgendwann den ganzen Alpenraum abdecken zu können, wäre sicher spannend. Unsere Kunden machen ja auch nicht Halt an der Landesgrenze. Wir wissen, dass viele von ihnen auch in Slowenien oder Frankreich Camps wünschen, die unseren Standards entsprechen.

Worauf legt ihr bei euren Camps denn Wert?

Ein Nomady-Camp muss etwas Besonderes sein. Einfach nur ein Kiesplatz vor einer Scheune reicht nicht. Die Gäste müssen wirklich das Gefühl haben, sich mitten in der Natur zu befinden. Die meisten Gastgeber haben auch eine Feuerstelle eingerichtet und stellen sogar Brennholz zur Verfügung. Das «Gschpüri», worauf es unseren Gästen ankommt, haben nicht alle interessierten Landwirte von Anfang an. Im persönlichen Gespräch leisten wir da viel Aufklärungsarbeit.

Was aber Zeit in Anspruch nimmt

Ja. Aber es lohnt sich. Auch als wir im vergangenen Sommer händeringend neue Plätze suchten, sind wir bei der Qualität keine Kompromisse eingegangen und haben auch immer wieder vorgeschlagene Camps abgelehnt.

Wählerisch seid ihr auch bei euren Finanzierungspartnern.

Es muss einfach passen. Wir sind zwar auf Investoren angewiesen, aber wir arbeiten nur mit Leuten, die unsere Werte teilen und unser junges Unternehmen mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung weiterbringen können. Wir konnten schon einige spannende Persönlichkeiten überzeugen. So sind zum Beispiel Globetrotter-Chef André Lüthi oder Silvan Engeler, Mitbegründer der Messenger-App Threema bei uns eingestiegen.

Du selbst hast ja deinen Job bei einer Bank an den Nagel gehängt, als du Nomady gegründet hast. Unter anderem, weil du bei der Arbeit mehr in die Natur rauskommen wolltest. Was ist davon übriggeblieben als Chef eines wachsenden Start-ups?

Mein Berufsleben spielt sich schon wieder vermehrt am Computer, in Videocalls und am Telefon ab. Aber ich lasse es mir nicht nehmen, immer wieder selbst rauszugehen, neue Camps zu besichtigen und mit Gastgebern zu reden. Denn das ist das Herzstück unserer Arbeit – und meine grosse Leidenschaft.

Text: Max Hugelshofer

Erschienen im März 2021
Moderne Nomaden mitten in den Alpen
Nomady bringt Camper und Besitzer von besonderen Fleckchen Erde zusammen. Zum Beispiel Familie Zbinden aus Zürich und die Bergbauernfamilie Waldburger aus dem Safiental.
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