Hier kommen Kinofans auf ihre Kosten

Im ganzen Engadin gab es bis vor kurzem nur in Pontresina ein Kino. Dank Rebekka Kern und weiteren, engagierten Kulturfans hat seit diesem Jahr ein zweites geöffnet, einquartiert im ehemaligen Bahnhof Lavin.

Wenn die rote, fein geschwungene Leuchtschrift «Cinema“ am Geländer vor dem Bahnhof Lavin hängt, dann wissen Eingeweihte: Heute abend läuft hier ein Film. Und alle anderen werden neugierig. Genau das war das Ziel von Rebekka Kern, Mitglied im Verein «Staziun». «Die Neon-Leuchtschrift war nicht ganz günstig», sagt sie, «aber es hat sich gelohnt».

Seit 15 Jahren Jahren betreibt der Verein Staziun ein Bistro im ehemaligen Wartesaal des Bahnhofs und zeigte gelegentlich auch Filme im alten Schopf gleich daneben. Das kam so gut an, dass sich der Verein entschloss, im denkmalgeschützten Gebäude ein permanentes Kino einzubauen.

Plötzlich auch noch Filmtechnikerin

Mit viel Herzblut und dank Spenden von Gönnern konnte der Raum fachmännisch gedämmt, eine gestufte Bühne für die Sitzreihen sowie eine Leinwand und eine Tonanlage eingebaut werden. Schreiner bauten speziell für das Kino 25 bequeme Stühle. Diese lassen sich stapeln, die Bühne kann man senken und so den Raum auch als Partyraum nutzen. Das Herzstück steht gleich daneben im Gang: Ein Rack mit Computer und Servern für die Filmtechnik.

«Ursprünglich planten wir, für die Filmtechnik mit Klosters zusammen zu arbeiten. Ein halbes Jahr vor der ersten Vorführung sagten sie uns aber ab. Und dann mussten Jürg Wirth, mein Partner, und ich uns reinknien, weil wir die einzigen vom Verein sind, die hier in Lavin wohnen. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mal noch lernen werde, Filme für die Vorführung zu programmieren. Aber wenn es dann funktioniert, ist es umso lässiger.»

Keine Filmrollen mehr nötig

Weder Rebekka noch Jürg stammen aus Lavin. Sie zogen vor 19 Jahren hierher, als Jürg Wirth die Chance bekam, zusammen mit dem Bauer einen Hof in einer Betriebsgemeinschaft zu pachten. Schliesslich konnten sie ihn sogar ganz übernehmen. «Wir sind damals nach Lavin gezogen ohne die Absicht lange zu bleiben. Aber nun gefällt es uns hier sehr, nur ein Kino fehlte mir noch. Ich finde einfach, Filme im Kino schauen ist etwas anderes als im Fernseher.»

Dass es überhaupt so kleines Kinos geben kann, ist der Digitalisierung zu verdanken. Heute müssen keine Filmrollen mehr hin- und her geschickt werden. Kinobetreiber klären mit dem jeweiligen Verleiher, welchen Filme sie wie oft zeigen wolle. Bezahlt wird pauschal oder anhand der Eintritte. Der Film wird dann digital auf den Server geladen, einige Filme sind noch zusätzlich verschlüsselt für eine bestimmte Zeit. Einen Einschränkung gibt es dennoch: «An Blockbuster zu kommen ist für uns fast unmöglich. Die Verleiher solcher Filme wollen viele Eintritte. Schwerpunkt unseres Programms sind darum Studio-Filme und Filme von kleinen Produzenten», sagt Rebekka Kern.

Doch das Programm kommt in der Region gut an. Nach den ersten vier Monaten zeigt sich: Der Verein kann die Kosten mit den Eintritten decken. Und das ohne externe Unterstützung oder Sponsoren.

Text und Fotos: Alexandra Rozkosny

Erschienen im September 2022
Staziun Cinema
Der Verein Staziun Lavin betreibt im ehemaligen Bahnhof von Lavin von Freitag bis Sonntag jeweils ein Bistro. Kinovorführungen gibt es jeweils Freitag- und Samstagabends, manchmal auch Sonntags. Diese Woche im Programm am Freitag und Samstag: Il Bucco / Sonntag Matinée: Hebammen – auf die Welt kommen
staziun-lavin.ch/cinema/