Kinderbetreuung als Standortvorteil

Kinderbetreuung als Standortvorteil

Schweizer Berghilfe unterstützt ausserfamiliäre Kinderbetreuungsangebote. Zwei Beispiele aus Frutigen und Arosa.

Kinderkrippe, Mittagstisch, Ufzgiclub – die ausserfamiliäre Kinderbetreuung ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und ein klarer Standortvorteil. In den Bergen ist das Angebot allerdings noch bescheiden. Die Schweizer Berghilfe unterstützt Initiativen, die etwas dagegen unternehmen. Zwei Beispiele.

Unter dem Dach sind die Piraten los. Die vier Jungs haben das Spielzimmer in ein Seeräuberschiff verwandelt und trotzen gerade einem wilden Sturm. Damit ihr Kahn auf seiner Kaperfahrt nicht von den Mädchen geentert werden kann, haben sie die Treppe verbarrikadiert und sind bereit, jede Angreiferin abzuwehren. Der Kampfeseifer der Mädchen hält sich allerdings in Grenzen. Sie sind am Basteln und interessieren sich nicht für die lärmigen Buben.

Alltag beim Mittagstisch der Kita Kinderzimmer in Frutigen. Hier bekommen täglich bis zu zehn Kindergarten- und Schulkinder einen gesunden Zmittag, ein offenes Ohr und eine liebevolle Betreuung. Ursula Wandfluh hat die Kita vor fünf Jahren gemeinsam mit ihrer Schwägerin Martina Klossner eröffnet, nach einer langen Phase der Planung, des Abwägens und der Unsicherheit. «Für uns war klar, dass ein Dorf wie Frutigen eine Kinderkrippe braucht», erinnert sie sich. «Die Frage war nur: Ist die Nachfrage gross genug?» Die Sorgen stellten sich als unbegründet heraus. Schon nach wenigen Monaten konnte Ursula Wandfluh eine erste Mitarbeiterin einstellen. Heute haben bereits 18 Frauen eine Anstellung bei der Kita Kinderzimmer. Es sind ausgebildete Betreuerinnen, Köchinnen, Praktikantinnen und eine Lernende. In Frutigen und dem neuen, fünf Kilometer entfernten Standort Reichenbach werden insgesamt knapp 80 Kinder betreut. Viele von ihnen nur einen Tag pro Woche, einige jeden Werktag.

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Die Schweizer Berghilfe unterstützt Projekte, die ein ausserfamiliäres Kinderbetreuungsangebot in den Bergen schaffen. Erfahren Sie mehr über die Kriterien für Gesuche in diesem Bereich.
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Frutigen: Betreuung ohne Unterbruch

Vor gut einem Jahr ist der Mittagstisch dazugekommen. «Viele Mütter konnten dank unseres Angebots arbeiten gehen, bis ihr Nachwuchs in den Kindergarten kam. Ab dann plötzlich nicht mehr.» Mit dem Mittagstisch ist die Betreuung der Kinder nun bis in die sechste Klasse gewährleistet. Und bei Bedarf können die Schüler auch am Nachmittag nach dem Unterricht nochmals vorbeikommen, um unter Aufsicht zu spielen oder die Hausaufgaben zu machen. Der Mittagstisch ist in einem Gebäude direkt neben der Krippe untergebracht, wo früher einmal eine Autowerkstatt war. Entsprechend gab es viel umzubauen. Zu viel für die noch bescheidenen finanziellen Reserven der Kita. Die Schweizer Berghilfe unterstützte mit 15'000 Franken den Einbau einer Küche und den Bau eines Spielplatzes.

Die Berghilfe unterstützt Projekte in der ausserfamiliären Kinderbetreuung besonders gern, wie Geschäftsführerin Regula Straub erklärt: «Unser Ziel sind belebte Berggebiete. Junge Familien bleiben aber nur in den Bergen, wenn sie eine Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da sind Betreuungsangebote einfach eine Voraussetzung.»

 Ursula Wandfluh und Martina Klossner haben in Frutigen die Kita Kinderzimmer gegründet.
Ursula Wandfluh und Martina Klossner haben in Frutigen die Kita Kinderzimmer gegründet.

Arosa: Zusammenarbeit mit Skischule

Das gilt auch für Arosa, wo vor einem guten Jahr die Kita «Sunnastrahl» ihren Betrieb aufnehmen konnte. Hier waren die Probleme die gleichen wie in Frutigen: Mütter konnten nicht arbeiten gehen, weil sie keine Betreuung für ihre Kinder fanden. Hier ging eine Gruppe aktiver Frauen einen anderen Weg. Sie gründeten einen Verein, damit die lang ersehnte Krippe in den Räumlichkeiten der Skischule eröffnet werden konnte. Auch beim Betrieb ist die Zusammenarbeit mit der Skischule eng. Die Leiterin, Sozialpädagogin Sarah Haberthür, ist auch für die Kinderbetreuung in der Skischule zuständig. Da liegt es auf der Hand, dass die Krippe tageweise Kinder von Feriengästen aufnimmt, während die Eltern mal eine Aktivität ohne Nachwuchs geniessen.

Die Planung wird dadurch natürlich nicht einfacher. Aber die ist in Arosa sowieso eine besondere Herausforderung. «Hier gibt es viele Frauen, die nur in der Saison im Tourismus arbeiten. In der Zwischensaison brauchen sie natürlich keine externe Kinderbetreuung», sagt Sarah Haberthür. So ist es im Frühling und Herbst jeweils nur ein kleines Grüppchen Kinder, das im «Sunnastrahl» betreut wird, im Sommer und Winter hingegen wuseln ganz viele Knirpse mit knallorangem «Sunnastrahl»-Käppli auf dem neuen Rasenstück hinter der Krippe umher. Ein Rasen, den es nur dank der Krippe gibt. Skischule und Krippe sind nämlich in Gebäuden untergebracht, die auf dem Dach eines grossen Parkhauses stehen. Die Umgebung bestand nur aus Beton und Kies – nicht ideal zum Spielen. Das Aufschütten von Humus und das Ansäen von Rasen war teuer. Der Verein konnte die Kosten für die Arbeiten nur mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe stemmen. Doch die 25'000 Franken sind gut investiertes Geld. Heute ist der Aussenbereich mit dem Sandkasten und einem Tipi-Zelt bei den Kleinen so beliebt, dass die Betreuerinnen dem Betteln der Kinder oft auch bei strömendem Regen nachgeben und nach draussen gehen. Die orangen Käppli nützen schliesslich nicht nur gegen die Sonne.

Text und Bilder: Max Hugelshofer

Erschienen im November 2019
 Kinder beim Spielen im Kinderhort Sunnastrahl in Arosa.