Das Vieh kommt zuerst

Das Vieh kommt zuerst

Ein neuer Stall mit angebautem Wohnhaus macht das Leben von Familie Tomamichel leichter.

Im einzigen deutschsprachigen Dorf im Tessin bewirtschaftet Familie Tomamichel ihren Landwirtschaftsbetrieb. Dank neuem Stall mit angebautem Wohnhaus ist die Zukunft des Hofs gesichert.

Sanft redet Ruth Tomamichel auf die Kuh ein, während sie energisch an den Zitzen zieht. Die Milch schiesst in zwei dünnen Strahlen in den Kessel, der sich langsam füllt. Ruth und ihr Mann Alberto melken noch von Hand. Genau so, wie es ihre Vorfahren in diesem abgelegenen Bergdorf seit Hunderten von Jahren gemacht haben. «Ich liebe die Ruhe und das Gefühl der Verbundenheit zur Kuh, das beim Handmelken entsteht.» Traditionen sind Tomamichels wichtig, deshalb pflegen sie zu Hause auch das Walserdeutsch, das von den Einheimischen in Bosco Gurin gesprochen wird, seit die Walser im Mittelalter über Italien aus dem Wallis eingewandert sind. Aber die Zeit ist nicht stehen geblieben für Familie Tomamichel. Die neun Kühe und das Jungvieh stehen in einem ganz neuen und hellen Stall. Im Herbst ist er fertig geworden, nach langer Bau- und Planungszeit. Die verschiedenen alten Ställe, in denen das Vieh bisher untergebracht war, waren alle mindestens 90 Jahre alt, niedrig, dunkel und so eng, dass die Kühe sich durch den Türrahmen regelrecht hindurchquetschen mussten. Die Tierschutzvorschriften erfüllten diese Ställe nicht mehr. Kein Vergleich dazu ist die neue Unterkunft der Kühe. Sie ist hell und grosszügig, die Tiere haben viel Platz.

Die Kühe haben ihr neues Zuhause schon bekommen, die Menschen müssen noch ein bisschen warten. An den Stall angebaut steht das neue Wohnhaus der Tomamichels. Noch wohnt die Familie mit den drei Kindern in der engen und zugigen Dreizimmermietwohnung im alten Zollhaus von Bosco Gurin. Bis sie ins einfache, aber grössere und vor allem gut isolierte neue Heim ziehen kann, dauert es noch ein paar Monate. Denn der Innenausbau muss erst noch gemacht werden. Das erledigt Alberto, der nebenbei selbstständig als Schreiner arbeitet. So können die Kosten niedrig gehalten werden. Auch der gleichzeitige Bau von Stall und Haus hat grosse Einsparungen ermöglicht. Dennoch hätte die Familie die Investition nicht aus eigener Kraft stemmen können. «Ohne die Unterstützung der Schweizer Berg-hilfe hätten wir nicht bauen können. Und ohne den neuen Stall hätten wir mit der Landwirtschaft aufhören müssen», sagt der 49-jährige Alberto. «Wir sind sehr dankbar, dass es nicht so weit gekommen ist.» Zumal der Betriebsnachfolger bereits in den Startlöchern steht. Der 19-jährige Sohn Elia ist gerade daran, an seine Ausbildung als Landmaschinenmechaniker eine landwirtschaftliche Lehre anzuhängen. Er will den Betrieb unbedingt einmal übernehmen.

Bis zu dieser Umstellung dauert es noch einige Jahre. Eine weitere Änderung steht aber jetzt an. Im neuen Stall haben Tomamichels neu eine einfache Kessel-Melkmaschine. Deren Inbetriebnahme haben sie aber bislang noch hinausgeschoben. «Die Melkmaschine bringt uns sicher eine Arbeitserleichterung», sagt Ruth, während sie vom Melkschemel aufsteht und der Kuh liebevoll die Flanke tätschelt, bevor sie den vollen Kessel wegträgt. «Das ist gut und für die Zukunft absolut notwendig. Aber ich bin halt doch ein bisschen traurig, das Handmelken aufzugeben.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2014

Das Projekt in Kürze

  • Bergbauernfamilie
  • Stallneubau
  • Bosco Gurin/TI