Diese Sägerei steht unter Strom

Diese Sägerei steht unter Strom

In Russo im Onsernonetal steht die «Segheria Coletta». Hier entstehen aus den Bäumen der umliegenden Wälder Sägereiprodukte. Neu laufen die Maschinen mit Strom.

Nur 8000 Liter Diesel hatten Platz in den vier Tanks im Keller der Segheria Coletta. Und alle acht bis zehn Monate quälte sich ein Tanklastwagen das enge und steile Strässchen durch das Onsernonetal hinauf, um sie wieder aufzufüllen. «Es war stumpfsinnig», sagt Säger Bruno Jäggi. «Der Generator lief den ganzen Tag, auch wenn ich die Maschinen mal für einige Zeit nicht brauchte.» Jäggi wollte die Sägerei ans Elektrizitätsnetz anschliessen, doch daraus wurde wegen der damit verbundenen Kosten vorerst nichts. Bis im vergangenen Sommer der Brief vom kantonalen Amt für Umweltschutz kam. Darin wurde Jäggi mitgeteilt, dass der Generator so nicht weiterbetrieben werden dürfe.

Aus Gewässerschutzgründen hätte er in eine Betonwanne verlegt und aufwendig abgedichtet werden müssen – keine Option bei einem 30 Jahre alten Gerät. Ein herber Rückschlag für Jäggi, der sich erst kurz zuvor als Pächter der Sägerei, in der er bislang als Angestellter arbeitete, selbstständig gemacht hatte. Es sah so aus, als würden seine Bemühungen, die einzige Sägerei im Tal zu erhalten, fehlschlagen. Denn der 47-Jährige hatte bereits sein gesamtes Erspartes in die Übernahme der Maschinen gesteckt und konnte die Kosten für den Anschluss ans Stromnetz zu einem so frühen Zeitpunkt nicht tragen. «Ich hatte manche schlaflose Nacht», sagt er. Erst als er von einem Bekannten den Tipp bekam, bei der Schweizer Berghilfe um Unterstützung nachzufragen, und bald darauf einen positiven Bescheid erhielt, konnte er wieder optimistisch in die Zukunft blicken.

Das Projekt in Kürze

  • Sägerei
  • Stromanschluss
  • Russo/TI

Massive Einsparungen

Schon bald darauf wurde die Sägerei an den Strom angeschlossen. Seither verbraucht sie nur noch die Energie, die wirklich benötigt wird. Das spürt Jäggi bei den Stromrechnungen. Diese sind zwischen einem Drittel und der Hälfte niedriger als der Betrag, den er früher im selben Zeitraum für Diesel ausgeben musste. «Das bringt schon etwas, gerade in der harten Anfangsphase, in der es auf jeden Franken ankommt», sagt Jäggi. Ausserdem freut es ihn, dass nun die Umweltbelastung durch seine Sägerei kleiner ist. «Es ist mein Ziel, nachhaltig zu produzieren und nur erneuerbare Energien zu nutzen», sagt er. «Gerade an einem so wilden und schönen Ort wie hier sollte man alles dafür tun, um die Schadstoffemissionen so niedrig wie möglich zu halten.» Das enge Bergtal ist schon fast zu seiner neuen Heimat geworden. Seine Wohnung in Biasca hat Jäggi zwar noch, nutzt sie aber kaum noch. Von Montag bis Samstag ist er in der Sägerei. Immer. Er schläft auch dort, im Militärschlafsack in einem Raum unter dem Dach. «Ewig will ich das nicht so machen, aber am Anfang muss ich mich halt richtig reinknien.» Zu schaffen macht ihm nicht der fehlende Komfort, sondern die Einsamkeit. Zwar hat er sich im Tal schon mit vielen Leuten angefreundet, kennt jeden und sagt, er fühle sich bereits richtig integriert, trotzdem ist er oft allein in seiner Sägerei.

Zum Glück herrschte dort anfangs eine Mäuseplage, so dass Jäggi sich eine Katze anschaffen musste. Jetzt leistet der schwarz-weisse Kater Rambo seinem Herrchen Gesellschaft und weicht ihm nur dann von der Seite, wenn die Säge richtig laut aufheult. Auch wegen Rambo denkt Jäggi immer häufiger daran, seine Wohnung in Biasca aufzugeben und in die Nähe der Sägerei zu ziehen. Bevor er diese Entscheidung trifft, will Jäggi aber sicher sein, dass er mit seiner Sägerei tatsächlich auf dem richtigen Kurs ist. Bis jetzt sieht alles danach aus. Die Aufträge kommen herein, und Jäggi hat mehr als genug zu tun. Er kann sogar regelmässig Leute aus der Umgebung für einige Stunden Hilfsarbeit anstellen. Sein Ziel ist, bald einen festen Mitarbeiter beschäftigen zu können. Dann hätte er mit seiner Sägerei nicht nur erreicht, dass das Holz des Onsernone im Tal selbst statt in Italien verarbeitet wird, sondern auch der Entvölkerung dieser abgelegenen Gegend entgegengewirkt.

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im Juni 2013