Digital auf der Alp

Digital auf der Alp

Die Firma Alptracker holt das «Internet der Dinge» auf die Alp. Im Klein Melchtal wird eine Herde Hochlandrinder digital überwacht. Das macht die Betreuung der Tiere und die Bewirtschaftung der Alp effizienter.

Die schottischen Hochlandrinder von Jessica McCardell wirken mit ihrem zotteligenFell und den riesigen Hörnern wie Zeitreisende aus der Urzeit. Was sie um den Hals tragen, ist allerdings die Zukunft. Es sind mobile Sender, sogenannte Alptracker, die in regelmässigen Abständen die Position jedes einzelnen Tieres übermitteln. Zuerst per Funk an einen auf der gegenüberliegenden Talseite montierten Empfänger und von dort aus auf das Mobiltelefon oder den Computer von Jessica. Der Nutzen: Sie weiss immer genau, wo sich ihre Tiere aufhalten. So sieht sie, wie sich ihre «Schotten» auf der Weide bewegen, kann die Bewegungsmuster der Herde aufzeichnen. Das ermöglicht ihr eine bessere Bewirtschaftung der Weide. Auch die Sicherheit wird optimiert.

Das System schlägt Alarm, wenn eines der Tiere sich länger nicht bewegt. «Dank dem Alptracking sind meine schottischen Hochlandrinder noch besser überwacht.» Trotzdem nimmt Jessica die lange Fahrt von Kerns ins Klein Melchtal und die halbstündige Wanderung hoch zur Alp mehrmals pro Woche auf sich. «Trotz der vielen Vorteile kann die Digitalisierung die regelmässige persönliche Kontrolle und den Kontakt mit den Tieren nie ersetzen», sagt sie.

Das Projekt in Kürze

  • Älplerin
  • Alptracker
  • Klein Melchtal/OW

Schwieriger Anfang

Heute hat Jessica bei ihrem Kontrollgang Begleitung. Stefan Aschwanden, Gründer der Firma Alptracker und Entwickler des Systems, wandert mit. Der erste Stopp gilt dem Empfänger auf der gegenüberliegenden Talseite. Dort tauscht Stefan die Antenne durch ein neueres Modell aus. Neu ermöglicht das System eine Kommunikation in zwei Richtungen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Etwa beim Herdenschutz. Wird ein Tier in einer Schafherde angegriffen, gerät diese in Panik. Aus den daraus entstehenden Bewegungsmustern, die von den Alptrackern an den Hälsen der Tiere aufgezeichnet werden, schlägt das System Alarm und es können direkt Vergrämungsmassnahmen wie Licht oder Lärm ausgelöst werden. Alles, was es dafür braucht, sind ein paar gut platzierte Bauscheinwerfer oder ein Lautsprecher.

Stefan ist davon überzeugt, dass sein System noch lange nicht ausgereizt ist: «Mittels handelsüblicher Sensoren und unserer Übermittlungstechnik kann beispielsweise auch der Wasserstand eines abgelegenen Brunnentrogs überwacht werden. So können wir das Internet der Dinge auf die Alp bringen.»

Noch ist die Firma Alptracker in der Aufbauphase. Stefan arbeitet vor allem in der Freizeit an seinem Herzensprojekt, eine Person ist fest angestellt. Landesweit tragen aber auf immerhin schon über 50 Alpen die Schafe oder Rinder einen Tracker um den Hals. Je mehr es in einem Gebiet sind, desto günstiger wird das System. So hoffen Stefan und Jessica, dass auch im Klein Melchtal noch weitere Älpler und Viehbesitzer die Digitalisierung auf ihre Alpen lassen. Jessica ist überzeugt: «So sieht die Zukunft aus.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im September 2020
Alptracker
Weil es sich bei der Ausstattung von Jessica McCardells Hochlandrindern mit Alptrackern um ein Pilotprojekt mit grossem technischem Aufwand handelt, sind die Investitionskosten pro Tier relativ hoch. Die Berghilfe übernahm einen Teil dieser Kosten, um die Technologie zu fördern und die Forschung zu unterstützen.
alptracker-ag.ch