Ein betörender Duft

Ein betörender Duft

In den Tessiner Dörfern brennt heute noch fast jede Familie ihren eigenen Grappa. Auch in Mergoscia im Verzascatal pflegt man diese Tradition.

Serpentinen, Steinhäuser und Weinreben prägen das Dorfbild von Mergoscia. Im kleinen Tessiner Bergdorf hat die Schweizer Berghilfe die Sanierung eines Gemeinschaftshäuschens unterstützt – inklusive Dorf-Destillerie.

Im Gemeinschaftshäuschen bei der alten Kapelle Sant’Antonio in Mergoscia findet ein Spezialitätenmarkt statt. Aus dem hinteren Raum strömt ein fruchtiger, leicht betörender Duft. Hier ist Moreno Wildhaber dran, in der dorfeigenen Destillerie Grappa zu brennen. Der junge Forstwart und Architekt führt eine alte Familientradition weiter. Sein Grossvater Emilio Papina war berühmt für seinen feinen Grappa. Moreno hat er all seine Geheimnisse verraten. Und tatsächlich, was hinten aus der riesigen, kupfernen Maschine, die ab und zu ein paar Holzscheite verschluckt und dafür ein Dampfwölkchen ausstösst, herauströpfelt, ist mehr als einfach nur ein Schnaps.

Der Duft ist so intensiv und fruchtig, dass man am liebsten gleich einen kräftigen Schluck nehmen würde. Keine gute Idee, denn das Destillat hat einen Alkoholgehalt von rund 75 Prozent. Vor dem Trinken muss der Grappa noch verdünnt werden. Einer der Neugierigen probiert trotzdem vorsichtig ein paar Tröpfchen und macht gleich ein ganz erstauntes Gesicht. Er habe sich auf eine mittlere Explosion in seinem Mund eingestellt. Doch nichts sei passiert. Kein Kratzen im Hals, kein unangenehmes Brennen. Nur ganz viel Geschmack. Wie fein muss da erst der fertige Grappa sein?

Das Projekt in Kürze

  • Verein Pro Mergoscia
  • Umbau Gemeinschaftshäuschen und Dorf-Destillerie
  • Mergoscia/TI

Am besten sind Americano-Trauben

Sehr fein, soviel sei verraten. Aber woher kommt dieser intensive Geschmack? Da gibt es viele Faktoren: die langsame und sorgfältige Ernte von Hand, das richtige Ansetzen der Maische, der Verzicht auf Zucker, die richtige Temperatur bei der Gärung und beim Brennen. «Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch die Traubensorte», sagt Moreno. Am besten eignen sich die würzigen Americano-Trauben, die wegen ihres hohen Säuregehalts keinen besonders guten Wein abgeben. Moreno baut sie auf einem Stück Land direkt am Stausee unten an. Kürzlich hat er noch ein weiteres angrenzendes Landstück gekauft, auf dem er weitere Reben anbauen will. Zuvor muss das komplett verbuschte Grundstück allerdings noch gerodet werden. «Dafür werden wieder mal ein paar Wochenenden und die Ferien draufgehen. Meine Freundin hat es nicht immer leicht mit mir», schmunzelt er.

Aber Moreno kann nicht anders. Er ist so mit seinem Heimatdorf verbunden, dass er immer irgendwo engagiert ist. Im Gemeinderat, als Helfer bei gemeinsamen Aktivitäten, bei der Pflege und dem Unterhalt von Wiesen und Weiden. Und er ist nicht der einzige. Die initiativen Einwohner und Stammgäste des abgelegenen Dörfchens haben mit Pro Mergoscia extra einen Verein gegründet, der sich um die Pflege und den Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft kümmert. Vor über zehn Jahren startete der Verein, dessen Präsident Morenos Vater Michele ist, sein erstes Projekt. Die Rekultivierung eines alten, überwucherten Kastanienhains. Auch das Gemeinschaftshäuschen mit der Dorf-Destillerie ist ein Projekt von Pro Mergoscia. Und es zeigt kurz nach der Fertigstellung schon erste Früchte: Am Spezialitätenmarkt herrscht viel Betrieb, auch Leute vom Tal unten sind gekommen. Und die Produzenten haben sehr gut verkauft. Wohl wegen des betörenden Dufts aus der Destillerie?

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2017
Grappa-Glacé im Honigkörbchen
Ein cremig-knuspriges Dessert mit Schuss aus Tessiner Trauben.
Zum Rezept