Ein neuer Stall für die Gesundheit

Ein neuer Stall für die Gesundheit

Sein Vater hätte es lieber gesehen, wenn er etwas anderes gemacht hätte. Aber Gian Paul wollte unbedingt Bergbauer werden.

Der neue Laufstall erleichtert dem Engadiner Bergbauern Gian Paul Gilly die Arbeit gewaltig. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er ihn endlich bauen konnte.

Wenn Gian Paul Gilly durch Zuoz geht, etwa um am Bahnhof sein Postfach zu leeren, dreht er alle paar Minuten den Kopf in Richtung Südosten. Denn dann sieht er auf der gegenüberliegenden Talseite, ennet dem Inn, seinen neuen Stall. «Ich freue mich jedes Mal darüber. Und stolz bin ich auch», sagt er. Es hat viel Durchhaltevermögen, eine Menge Arbeit und auch etwas Glück gebraucht, um so weit zu kommen.

Hier im Oberengadin, auf 1700 Meter über Meer Landwirtschaft zu betreiben, ist per se kein Zuckerschlecken. Der Winter dauert acht Monate, im Sommer muss möglichst viel Futter für die Tiere eingebracht werden. In der Zeit des Heuens gibt es darum kaum eine freie Minute. Ausserdem hat im touristisch stark genutzten Engadin die Landwirtschaft starke Konkurrenz. Die mehr oder weniger ebenen Flächen am Talboden, welche die Bauern am rationellsten mähen könnten, eignen sich auch für Golfplätze, Schwimmbäder oder Gewerbeliegenschaften am besten. Wenn dann ein Bauer wie Gian Paul sehr wenig Eigenland besitzt und auf Pachtflächen angewiesen ist, dann muss er mit steilen und zerstückelten Parzellen vorlieb nehmen.

Doch Gian Paul macht die strenge Arbeit mit Begeisterung. «Ich habe als junger Mann versucht, vom Bauern wegzugehen und habe die Lehre als Landmaschinen-Mechaniker im Unterland gemacht. Aber ich habe das Engadin und vor allem die Tiere viel zu sehr vermisst.» Also kam er zurück und arbeitete bei den Eltern auf dem Betrieb, um diesen später einmal zu übernehmen. Bis es soweit war, dauerte es dann noch viele Jahre, da sein Vater Mühe hatte, den Betrieb zu übergeben. «Er hätte es lieber gesehen, wenn ich etwas anderes gemacht hätte. Er fand, die Berglandwirtschaft habe keine Zukunft mehr», sagt Gian Paul. Darum war der Vater auch dagegen, dass sein Sohn Schulden machen und all sein Erspartes in einen neuen Laufstall investieren wollte. Doch Gian Paul setzte seinen Willen durch.

Das Projekt in Kürze

  • Bergbauer
  • Neuer Laufstall
  • Zuoz/GR

Dem Körper viel zugemutet

Ein komplizierter Dreieckshandel war nötig, um nur schon einen geeigneten Bauplatz zur Verfügung zu haben. Und die hohen Kosten liessen ein erstes Projekt platzen. Doch Gian Paul gab nicht auf, optimierte und verkleinerte den geplanten Bau. Doch bis schliesslich der Bagger auffahren konnte, dauerte es fast zehn Jahre. Doch auch dann wäre der Bau ohne die finanzielle Unterstützung durch die Schweizer Berghilfe nicht möglich gewesen. «Ich bin unendlich dankbar für diese Hilfe. Das hat mir meine Existenz gesichert.» Nun, da der Stall im Betrieb ist und jeden Tag die Arbeit massiv erleichtert, sei wohl auch der Vater etwas stolz. «Gesagt hat er es nie. Aber er ist halt einer, der nicht so über seine Gefühle spricht.»

Mit seinen 80 Jahren ist er mehr denn je ein Chrampfer, arbeitet jeden Tag auf dem Betrieb mit. «Körperlich hat die strenge Arbeit Spuren hinterlassen. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht selbst kaputtarbeite», sagt Gian Paul. In den vergangenen Jahren hat auch er seinem Körper bei der schweren und ineffizienten Arbeit in den kleinen und dunklen Ställen im Wohnhaus und auf dem Maiensäss viel zugemutet. Alles war Handarbeit, sowohl Futter wie auch Mist mussten mit der Schubkarre hin und her gefugt werden. Beim Melken schleppte Gian Paul täglich schwere Milchkannen über enge Treppen hinauf und hinab. «Die Arbeit im neuen Stall ist um ein Vielfaches einfacher.» Und auch den Tieren geht es besser. «Früher haben sie mir manchmal richtig leid getan, wie sie da den ganzen Tag in diesen dunklen Löchern standen.»

Gian Paul züchtet selbst Braunvieh. Seine Kühe sind etwas kleiner als die auf hohe Milchleistung gezüchtete Rasse Brown Swiss, aber dafür auch viel robuster. Im neuen Stall hat er mehr Platz als vorher und konnte so seine Herde durch Nachzucht etwas vergrössern. 20 Milchkühe, zehn Rinder und ungefähr zehn Kälber sind es aktuell. Die Milch liefert er an die höchstgelegene Molkerei Europas in Bever, die daraus verschiedene Engadiner Spezialitäten herstellt. «Es läuft gut im Moment, ich hatte viel Glück», sagt Gian Paul. Nur einen Wunsch hat der 44-Jährige noch offen: «Es wäre schön, einmal selbst eine Familie zu haben.» Bisher hätte ihm nur schon für eine Freundin die Zeit gefehlt, weil er rund um die Uhr am Arbeiten war. «Aber das sieht ja nun zum Glück ein bisschen besser aus.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2015