Eine moderne Grossfamilie

Eine moderne Grossfamilie

Auf dem Balmeggberg lebt eine Gemeinschaft nach dem Prinzip der Selbstversorgung. An Kursen gibt sie ihr Wissen weiter und erarbeitet so ein Zusatzeinkommen.

Angefangen hat alles im Jahr 2004. Simone und Toni Küchler lebten mitten in der Stadt. Sie arbeitete als Kindergärtnerin, er führte als diplomierter Umweltnaturwissenschaftler ein eigenes Beratungsbüro. Während seines Studiums hatte Toni Feuer gefangen für die Ideen der Permakultur, deren Methoden eine weitgehende Selbstversorgung ermöglichen. Noch gibt es in unseren Klimazonen wenig Erfahrungswissen über dieses Prinzip, und Toni brannte darauf, sein theoretisches Wissen in der Praxis einzusetzen. «Wir wussten damals noch nicht genau, wie unser neues Leben aussehen sollte. Nur, dass wir an unserer Selbstversorgung arbeiten und gemeinsam mit anderen Leuten leben wollten», sagt Toni. Da entdeckte ein Freund ein Zeitungsinserat, in dem ein Hof im Emmental zum Verkauf angepriesen wurde. Wenige Monate später waren Küchlers Besitzer des Balmeggbergs.

Inzwischen hat es Zuwachs gegeben. Zu Simone und Toni gehören der siebenjährige Silvan und die fünfjährige Ronia. Vergangenes Jahr sind Sandra Lanz und Alexander Bätscher mit Matéo (8) und Micha (5) eingezogen. Bereits seit vier Jahren als feste Bewohner des Balmeggbergs gehören Janine Laube und Marco Büttner zur Gemeinschaft. Solche Lebensformen sind im Emmental eigentlich gar nichts Neues. Toni: «Vor hundert Jahren haben hier Grossfamilien ganz ähnlich gelebt.»

Jurten für Workshops und Seminare

Gemeinsam haben die Balmeggbergler viel erreicht. Sie haben einen grossen Garten und eine Pilzzucht angelegt, Hühner- und Hasenställe, Unterstände und einen grossen Lehmofen gebaut und den Obstgarten erweitert. Sie haben im steilen Gelände drei Holzplattformen gebaut, auf denen sie im Sommer jeweils Jurten aufstellen. Darin halten sie selbst und befreundete Kursleiter Workshops und Seminare ab. Vom Yoga-Kurs bis zur Fachtagung über den Heilkräuteranbau ist alles dabei. Und es rentiert: «Wir konnten in den vergangenen Jahren gut die Hälfte unserer Ausgaben durch den Betrieb der Jurten decken», sagt Toni. «Unser Ziel ist es, komplett von dem zu leben, was der Balmeggberg uns bringt. Wir sind aber realistisch genug um zu wissen, dass unsere verschiedenen Nebenjobs wohl immer nötig sein werden – und auch schöne Verbindungen nach aussen schaffen.» Simone arbeitet als Betreuerin in einer Tagesschule, Alexander ist in einer Notschlafstelle in Biel tätig, und Toni hat sein Büro nach Trubschachen gezügelt und hilft, in der Region innovative unternehmerische Projekte mit erneuerbaren Energien und der Holznutzung anzuschieben.

Das Projekt in Kürze

  • Selbstversorger
  • Bau eines Kursraums
  • Trub/BE

​Auch im Winter Kurse halten

Schritt für Schritt haben die Balmeggbergler ihre Träume in die Realität umgesetzt. Doch bei ihrem bisher grössten Bauprojekt kamen sie nicht mehr alleine weiter. In unzähligen Arbeitsstunden bauten sie während des ganzen vergangenen Jahres den Ökonomieteil des Bauernhauses aus. Wo früher ein ungenutzter Stall und ein Heuboden waren, befinden sich nun zusätzlicher Wohnraum, ein Atelier und vor allem ein grosser Gemeinschaftsraum, der für Kurse genutzt werden kann. «Dieser Raum ist sehr wichtig für uns. Er gibt uns die Möglichkeit, in Zukunft nicht nur in den Jurten Kurse abzuhalten und so einen noch grösseren Anteil unserer Einnahmen hier vor Ort zu erwirtschaften», sagt Toni. «So kommen wir unserem Ziel, vom Balmeggberg zu leben, ein grosses Stück näher.» Die eigenen Ersparnisse reichten für dieses Projekt nicht aus. Zwar konnte aus dem Bekanntenkreis weiteres Geld aufgetrieben werden. Ausschliesslich auf diese Darlehen, die zum Teil schnell zurückbezahlt werden müssen, hätten sich die Balmeggbergler aber nicht abstützen können, so Toni. Dadurch wäre die künftige Entwicklung ausgebremst worden. «Der Beitrag der Berghilfe nimmt Druck weg.»

Für den Umbau verwendeten die Balmeggbergler ausschliesslich Holz aus dem eigenen Wald und selbst gebrannte Ziegel aus eigenem Lehm. Marco, der für den Bau verantwortlich war, arbeitete im vergangenen Jahr ausschliesslich auf der hofeigenen Baustelle. Vieles machte er gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus dem Freundeskreis der Bewohner, manchmal forderte er auch Verstärkung von lokalen Schreinern und Zimmerleuten an. Durch den Bau sei er plötzlich viel verankerter in der Umgebung als zuvor. «Nun kann ich die Hand zum Gruss gleich oben lassen, wenn ich durchs Dorf fahre», lacht er. Solche Projekte, Tonis Arbeit im Tal und die vier Kinder, die im Dorf in Spielgruppe, Kindergarten und Schule gehen, haben die Bewohner von Balmeggberg der Dorfbevölkerung nähergebracht. Mit den Nachbarn habe man es schon seit Beginn sehr gut. «Am Stammtisch schütteln wohl immer noch einige den Kopf über die Unterländer mit ihren komischen Ideen», sagt Sandra. Aber in erster Linie seien die Leute froh, dass der Balmeggberg wieder bewohnt sei, nachdem er jahrelang meistens leer stand. Bei vielen ist aus anfänglicher Skepsis Respekt geworden. Und ein paar Bauern aus dem Dorf wagen nun sogar selbst Versuche mit der Permakultur: Die Pilzzucht auf dem Balmeggberg gibt bei geringem Arbeitsaufwand so viel Ertrag, dass ringsherum Kopien wie Pilze aus dem Boden schiessen. Für Toni Küchler und seine Freunde ist dies ein Kompliment und auch eine Bestätigung, dass sie sich auf dem rechten Weg befinden.

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im November 2012