Familie Berthold in ihrem Paradies

Die junge Bauernfamilie Berthold hat sich in La Motte im Jura eine neue Existenz aufgebaut. Dafür waren Renovationen am Wohnhaus dringend notwendig.

Seit vier Generationen bewirtschaften die Bertholds den Hof im kleinen jurassischen Weiler La Motte im Tal des Doubs. Vor etwas mehr als einem Jahr übernahm Mathieu Berthold mit seiner Frau Mireille den Betrieb und bezog das Haupthaus. Im Nachbarsgebäude leben Mathieus Eltern. Nebst dem Fluss Doubs, Wiesen, Weiden und viel Wald gibt es hier nur noch das einstige Pfarrhaus, ein ehemaliges Restaurant und am Ende eines Seitentälchens mit munterem Bach ein paar Wochenendhäuser. Mathieu Berthold ist 33 Jahre alt. Er war sich lange nicht sicher, welchen Beruf er erlernen sollte. Lehrer konnte es sein, Kleinkindererzieher oder Sozialarbeiter. Zudem zog es ihn in die Ferne. So reiste er mehrere Monate durch Südamerika, jobbte als Kinderbetreuer und merkte allmählich, dass ihm zu Hause gar nichts gefehlt hatte. Er sagt es so: «In der Fremde wurde mir so richtig bewusst, dass meine Wurzeln im Jura liegen.» Auch Mireille stammt von hier. Sie wuchs in Bassecourt auf und arbeitete als Coiffeuse, später als Bus-Chauffeuse. Die beiden kannten sich schon als Teenager, trafen sich im Ausgang und an den Heimspielen des jurassischen Eishockeyclubs Ajoie. Später verlor man sich aus den Augen, doch als sie sich Jahre später zufällig auf der Strasse begegneten, passierte es: Sie verliebten sich. Für Mireille war schon lange klar, dass ihre Wurzeln in der jurassischen Erde gründen. Sie erzählt: «Ich weiss, was mir im Leben wirklich wichtig ist, nämlich eine Familie zu gründen und in diesem wunderschönen Tal zu bauern.» So besuchte sie die Bäuerinnenschule und riss mit ihrer Zielstrebigkeit und Begeisterung auch Mathieu mit. Ja, eine Bauernfamilie wollten sie gründen. 2009 heirateten die beiden, und im vergangenen Juli kam ihr Töchterchen Charlotte auf die Welt. Man versteht, dass es Mireille nach La Motte zog. Das Tal des Doubs ist hier breit, aber dennoch urtümlich. Die Natur ist noch weitgehend unberührt. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Bereits 500 Meter hinter dem Weiler verläuft die Grenze zu Frankreich. Die Zollhäuser an der kaum befahrenen Landstrasse sind längst geschlossen, das kleine Dorf Brémoncourt auf der französischen Seite wirkt verschlafen. Immerhin gibt es dort eine Schule die einzige weit und breit. Wie schon sein Grossvater erlernte der kleine Schweizer Schüler Mathieu das ABC deshalb in Frankreich. Er blieb dort statt dreier Jahre gleich vier Jahre eingeschrieben und rettete damit die Schule von Brémoncourt. Sie wäre sonst mangels Schülern geschlossen worden.

Möglichst viel selbst renoviert Es wird im abgelegenen Tal des Doubs mehr geschlossen als eröffnet. Industrie gibt es kaum, die Touristen bringen wenig Geld. In La Motte machen sie höchstens Halt, um eine etwas verloren am Flussufer stehende Kirche zu fotografieren, in der nur noch einmal im Monat die Messe gehalten wird. Meistens fotografieren sie dann auch noch das von Obstbäumen umstandene Haus der Bertholds. Es ist ein stattlicher Bau aus dem Jahr 1840, doch beim Eintreten erkennt man sofort den schlechten Zustand. Mathieus Eltern haben zwar das Dach und die Fassaden renoviert. Aber die diesem Flusstal eigene Feuchtigkeit nistet sich in allen Ecken ein. Besonders schlimm war es in der dunklen Küche, die statt eines Herdes nur über zwei elektrische Kochplatten verfügte. Zwar lebt das junge Bauernpaar sehr sparsam. Trotzdem reichten die Ersparnisse nicht, um die nötigen Renovationen auszuführen. Deshalb gelangten die Bertholds an die Schweizer Berghilfe, die ihnen mit einem Beitrag half, ihre Zukunft auf ein gesundes Fundament zu stellen. «Wir renovieren nach Möglichkeit selbst», sagt Mathieu, während er die neue, eben fertig gewordene Küche zeigt: «Aber ohne finanzielle Unterstützung würden wir es nicht schaffen.» Und Mireille ergänzt: «Ich müsste weiterhin auswärts arbeiten, damit es mit dem Geld reicht. Zusätzlich zur Arbeit auf dem Hof und der Betreuung unseres Kindes wäre dies aber kaum möglich gewesen.» So beginnt sich die junge Bauernfamilie nun einzuleben und auf dem rund 50 Hektar grossen Betrieb einzuarbeiten. Die Eltern von Mathieu unterstützen die Familie mit wertvollen Ratschlägen und vielen kleinen Dienstleistungen der Vater hilft als Teilzeitangestellter aus. Der Talboden ist feucht, denn der Doubs tritt regelmässig über die Ufer. Deshalb ist Ackerbau hier nicht möglich. Vergrössern lässt sich der Betrieb auch nicht im Gegenteil. Ringsum steht dichter Wald an den felsigen Abhängen, der Jahr für Jahr ins Weidland hineinwächst und zurückgedrängt werden muss. Da am Abhang gewachsenes Holz minderwertig ist, lässt es sich nicht verkaufen, sondern bloss verfeuern. Aus all diesen Gründen gibt es auch für die Bertholds der vierten Generation keine Alternativen zur bewährten Milchwirtschaft. Der Hof ist gross genug dafür. Derzeit stehen gut 20 Kühe im Stall, dazu kommen Rinder und Kälber, zwei Pferde und Hühner. «Die halbwilden Katzen, die sich bei uns heimisch fühlen, zählen wir schon gar nicht mehr», lacht Mireille.

Es wartet viel Arbeit Sie selbst möchte diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn immer möglich, wird sich die Familie selbst versorgen. Es gibt einen grossen Bauerngarten vor dem Haus, einen kleinen Kartoffelacker und übers Land verteilt insgesamt über hundert Obstbäume aller Art. Während Mireille in der neuen Küche Joghurt herstellen will, plant Mathieu, den alten Brotofen in einem baufälligen Nebengebäude wieder in Betrieb zu setzen und auch wie früher Schinken zu räuchern. Wenn es doch einmal etwas dazuzukaufen gilt, fahren die jungen Bertholds nicht etwa in das vor der Haustür liegende Frankreich, sondern in die weiter entfernten Schweizer Dörfer. Die Solidarität mit den Schweizer Produzenten ist ihnen wichtig. Zudem gibt es nicht allzu viele Berührungspunkte mit den französischen Nachbarn. Man grüsst sich natürlich über die Grenze hinweg, und der Nachbarbauer leiht sich jeweils die Kartoffel-Setzmaschine aus. «Aber wir fühlen uns so nahe an der Grenze ganz besonders stark als Schweizer», betont Mathieu.Auf dem Hof in La Motte ist vieles angefangen und noch unfertig. Der Jungbauer und die Jungbäuerin beschreiben es so: «Für uns ist alles neu, die Übernahme des Betriebs, die Renovationen und die Tatsache, dass wir nun zu dritt sind. Aber unser Ziel ist klar: Wir wünschen uns, auch in Zukunft von unserem Hof leben zu können, in Harmonie zu existieren und die Natur und die Tiere zu respektieren.» Es wartet noch sehr viel Arbeit auf die vorerst noch kleine Familie. Aber das war schon für die früheren Generationen der Bertholds so. Und alle blieben sie dort, in der paradiesischen Abgeschiedenheit von La Motte.

Erschienen im März 2012

Das Projekt in Kürze

  • La Motte/JU