Leckereien aus dem Heizungsraum

Dank Sanierungen im Wohnhaus konnte die Bäuerin Veronika Lehmann eine eigene Backstube einrichten. Ihre Backwaren verkauft sie auf dem nahegelegenen Wochenmarkt.

«Nein, das frühe Aufstehen macht mir nichts aus. Es ist ja nur einmal pro Woche. Und ausserdem bin ich gelernte Bäckerin/Konditorin, also von früher her noch etwas abgehärtet. Aber vor allem macht es mir einfach Spass, in meiner kleinen Backstube zu hantieren. Wenn ich den ersten Teig ins Rührwerk gebe, schläft auf unserem Hof oberhalb von Signau im Emmental noch alles. Manchmal stelle ich mich zwischendurch eine Minute lang vors Haus und geniesse einfach für einen Moment die Stille der Nacht. Manchmal stelle ich aber auch das Radio an und singe laut mit, wenn ein gutes Lied kommt je nach Stimmung. Die Backstube ist mein kleines Reich. Ihre Entstehungsgeschichte ist eine Mischung aus Pech und Glück. Pech war, dass unsere alte Holzheizung in der Küche den Geist aufgegeben hat und es gleichzeitig auch noch durch das Dach des ehemaligen Schweinestalls geregnet hat. Weil wir erst kurz zuvor für unsere 40 Mastschweine einen neuen Stall mit Auslauf gebaut haben, und auch die Schulden vom tiergerechten Umbau des Kuhstalls vor 13 Jahren noch nicht abgezahlt waren, konnten wir die neue Heizung und die Dachsanierung nicht selbst finanzieren. Glück war, dass die Schweizer Berghilfe den fehlenden Betrag übernommen hat. So konnten wir im alten Schweinestall unter einem sanierten Dach die neue Stückholzheizung montieren. Die Heizung füllt nur einen Teil des Raumes aus. Und weil dieser nun isoliert und trocken ist, haben sich ganz neue Nutzungsmöglichkeiten ergeben.Jeder in der Familie hatte ein Auge darauf geworfen. Mein Mann Peter und mein 16-jähriger Sohn Lukas hätten sich gerne eine grössere Werkstatt eingerichtet, und meine 12-jährige Tochter Marion hatte auch schon Vorstellungen, was sie mit dem Platz machen wollte. Aber ich habe mich durchgesetzt. Dabei war ebenfalls das Glück auf meiner Seite. Just in dem Moment, als wir mit Bauen fertig waren, setzte sich eine der drei Bäuerinnen, die seit 20 Jahren in Signau auf den Markt fahren, zur Ruhe. Die beiden Verbliebenen haben mich angefragt, ob ich ihren Platz übernehmen wolle. Also habe ich mir meinen Traum erfüllt und meine eigene Backstube eingerichtet. Das Rührwerk habe ich über das Internet ersteigert, den Profi-Backofen einer Bekannten aus dem Dorf abgekauft, die sich selbst einen neuen angeschafft hat. Darin backe ich nun jede Woche ungefähr 20 Kilo Brot und Zopf. Manchmal fritiere ich nebenbei noch Zigerkrapfen oder Berliner. Und am Vorabend mache ich immer einige Torten und Stückli wie Rumkugeln, Nussgipfel oder Spitzbuben. Ich bin inzwischen schon ein Jahr mit dabei und weiss ziemlich genau, was die Kunden mögen und wie viel ich verkaufen kann. Sehr zum Leidwesen vom Rest der Familie. Die überzähligen Süssigkeiten, die ich am Anfang regelmässig wieder mit nach Hause gebracht hatte, wurden nie alt.

Zwischen zwei Brotladungen gehts in den Stall

So gegen fünf Uhr steckt jeweils die dritte oder vierte Ladung im Ofen. Mit der Ruhe ist es dann vorbei: Peter und der Ätti mein Schwiegervater arbeiten gemeinsam im Stall und melken die 16 Kühe. Auch ich muss mein Reich verlassen. Jetzt heisst es, die Waren zusammenpacken und ins Auto verstauen. Ich verkaufe nicht nur Backwaren, sondern auch Früchte und Gemüse, Eier, vorgekochte Suppen im Einmachglas, eingelegtes Gemüse und selbst gemachten Sirup. Im Sommer dauert nur schon das Abwägen und Aufschreiben von allem, was ich mitnehme, eine ganze Weile. Dabei das Brot im Ofen nicht zu vergessen, ist eine Herausforderung. Etwas später, so gegen sechs Uhr, muss ich zwischen zwei Ofen-ladungen die Schweine versorgen. Umziehen, Futter anrühren, füttern, ausmisten, wieder umziehen und das Brot aus dem Ofen nehmen viel Spatzig habe ich da nicht. Spätestens um sieben Uhr muss alles fertig sein. Unser alter Kombi ist dann jeweils bis unters Dach beladen, und auch auf dem Beifahrersitz ist kein Platz mehr. Noch schnell etwas essen, und dann geht es los. Vorsichtig fahre ich die kurvigen sieben Kilometer ins Dorf hinunter. Meistens treffen wir drei Bäuerinnen gleichzeitig in Signau auf dem Markt ein. Also genau genommen wird es erst ein Markt, wenn wir unseren Stand aufgebaut haben wir sind nämlich die einzigen Marktfahrerinnen. Aber unser Angebot ist wirklich breit. Wir sprechen uns immer ab und sorgen dafür, dass wir uns gut ergänzen. Wir haben viele Stammkunden, und die sagen uns immer wieder, dass sie sich ein Signau ohne unseren kleinen Markt nicht vorstellen könnten. Auch ich kann mir kaum mehr vorstellen, wie es war, bevor ich meine Backstube hatte. Damals arbeitete ich noch regelmässig als Hilfskraft in einer Gärtnerei. Das ist nun nicht mehr nötig. Eine Goldgrube ist das Marktfahren zwar nicht gerade, aber es ist ein richtig gutes Gefühl, wenn man mit dem, was auf dem eigenen Hof gewachsen und entstanden ist, zum Einkommen beitragen kann. Das gibt mir auch Hoffnung für die Zukunft. Wenn wir künftig weiter auf Direktvermarktung setzen, bietet der Hof später auch unseren Kindern noch eine Existenz.»

Weitere Informationen unter: http://www.maeritfrauen-signau.ch/

Erschienen im Juni 2012

Das Projekt in Kürze

  • Signau/BE