«Ohne Internet würde ich mich einsam fühlen»

Auf der Alpage des Grands-Plats de Bise wird Gruyère-Käse produziert. Die zur Alpkäserei gehörende Kompostanlage wurde von der Berghilfe mitfinanziert.

Am äussersten Zipfel des Vallée de Joux im Waadtländer Jura liegt auf einer Anhöhe zwischen bewaldeten Hügeln die Alpage des Grands-Plats de Bise. Auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde schaut den Sommer über Tobias Lüthi zum Rechten obwohl er erst 19 Jahre alt ist. Den Drittlehrjahrsstift schreckt die grosse Verantwortung nicht ab. Schliesslich wird er bereits in wenigen Wochen seinen eigenen Bergbauernbetrieb übernehmen.

Ohne Internetleitung hätte ich ein Problem hier auf der Alp. Wenn Abends so gegen 19 Uhr die ganze Arbeit erledigt ist, setze ich mich vor den Computer und logge mich bei Facebook ein. Auf diese Weise bleibe ich auch auf der Alp mit meinen Freunden in Kontakt. So fühle ich mich nie einsam, auch wenn ich viel alleine bin. Manchmal kommen ein paar Freunde sogar vorbei und holen mich ab für in den Ausgang. Ich bin gerne im Ausgang. Aber richtig Gas geben kann ich jetzt nicht. Ich muss morgens um 3.45 Uhr aufstehen. Da büsst man hart dafür, wenn man zu spät ins Bett gekommen ist. Als erstes muss ich jeweils die 130 Kühe auf der Weide holen. Jede einzeln. Alleine kommen sie morgens nie. Bei dieser Arbeit sind wir meist zu zweit oder zu dritt. Die Alpage des Grands-Plats de Bise wird von drei Landwirten gemeinsam betrieben. Jede Familie hilft bei der Arbeit mit. So kommt jeden Tag jemand rauf und hilft mir, die Kühe zu holen und sie zu melken. Wir essen jeweils noch gemeinsam Frühstück, dann bin ich meist wieder alleine für die Tiere und die Weiden verantwortlich. Den Tag über bessere ich Zäune aus, rücke dem Unkraut auf den Wiesen zu Leibe und pflege kranke Kühe. Um 16 Uhr wird es schon wieder Zeit, die Kühe zum zweiten Mal zu melken. Wenn ich zügig arbeite, liegt in der Mittagspause auch noch ein kurzer Besuch auf Facebook drin.

Lieber draussen als in der Käserei

Manchmal helfe ich zwischendurch auch beim Käsen. Ganz alleine bin ich hier oben nämlich nicht. Der Käser, Ernest Marti, wohnt auch hier. Er produziert jeden Tag acht grosse Gruyère-Käse. Jeder davon wiegt 33 Kilogramm. Es ist ein gutes Krafttraining, die vielen grossen Laibe zu wenden und abzuwischen. Diese Arbeit mache ich sehr gerne. Sonst interessiert mich das Käsen nicht besonders. Ich bin lieber draussen bei den Tieren oder mit Maschinen am Arbeiten. Ab und zu gibt es auch beim speziellen Kompost noch etwas zu tun. Er ist eine Eigenheit auf dieser Alp. Die Schotte, die beim Käsen entsteht, darf wegen des hohen Säuregehalts nicht einfach ausgekippt werden. Darum haben sie hier früher auch viele Schweine gehalten. Die haben die Schotte aufgefressen. Aber das rentiert nicht mehr, weil der Preis für Schweinefleisch im Keller ist. Heute wird die Schotte mit einer Pumpe regelmässig über den Komposthaufen gesprüht. Die Mikroorganismen, die dort leben, zersetzen die ätzenden Stoffe in der Schotte. Was übrig bleibt, kann man als Dünger verwenden. Beim Bau der Kompostanlage wurde mein Chef, Jean-François Pittet, von der Schweizer Berghilfe unterstützt. Das finde ich super. Ich kannte die Berghilfe vorher nicht, und es hat mich überrascht, dass so viele Leute aus dem Flachland spenden, um der Bergbevölkerung zu helfen.

Sparen beim Essen

Den Job hier auf der Alp verdanke ich meinem Bruder. Er war bereits Lehrling bei meinem Chef, allerdings unten im Tal. Ich hatte für das dritte Lehrjahr noch keinen Platz, da habe ich ihn angefragt. Der Chef hat Ja gesagt, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich fest auf der Alp bleibe. Ich war erst nicht ganz so begeistert, habe aber zugesagt. Vergangenen Herbst war ich schon ein paar Wochen hier. Den Winter über hatte ich dann während einem halben Jahr Schule, und seit Mai bin ich nun wieder hier oben. Es gefällt mir viel besser, als ich vermutet hätte. Aber es ist schon alles ziemlich anders als bei meinen ersten beiden Praktika, bei denen ich im Berner Jura und im Kanton Freiburg war. Der grösste Unterschied neben dem vielen Alleinsein und dem frühen Aufstehen ist der Haushalt. Bisher hat immer die Bäuerin für alle gekocht und meine Kleider gewaschen. Jetzt muss ich selbst für mich sorgen. Manchmal koche ich mit dem Käser zusammen, meist esse ich aber nur Brot und Käse. Je weniger ich fürs Essen ausgebe, desto mehr bleibt mir von meinem Lohn übrig.

Vorfreude auf den eigenen Betrieb im Berner Jura

Dass ich viel Verantwortung übernehmen kann, gefällt mir. Ich bin es allerdings auch gewöhnt. Nach meinem Lehrabschluss werde ich direkt den Betrieb meiner Eltern übernehmen. Bereits jetzt erledige ich dort an meinen freien Wochenenden bereits die Büroarbeit und helfe mit. Wir betreiben einen Hof mit Bergrestaurant in Eschert im Berner Jura. Allerdings erst seit einigen Monaten. Vorher hatten wir einen Betrieb in einem Nachbardorf. Dort wurde uns aber die Pacht gekündigt. Meine Eltern wollten sich nur auf die Suche nach etwas Neuem machen, wenn ich wirklich den Betrieb übernehmen wollte. So habe ich schon mit 16 eine Entscheidung für mein ganzes Leben getroffen. Sie fiel nicht schwer. Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als Bauer zu sein. Die Suche nach einem neuen Betrieb war hingegen sehr schwierig. Zwei Jahre lang war alles in der Schwebe. Fast in der ganzen Schweiz haben wir Betriebe angeschaut, aber nichts hat gepasst. Der Druck wurde riesig. Der Versteigerungstermin für unser Vieh und die Maschinen stand schon fest, als es dann doch noch geklappt hat. Beim neuen Hof war ich von Anfang an bei allen Entscheidungen mit dabei, auch wenn meine Eltern am Anfang noch die Besitzer sind. Anfangs werden sie noch die meiste Arbeit auf unserem Betrieb erledigen, und ich werde zusätzlich bei einem anderen Bauern arbeiten, um noch mehr Erfahrungen zu sammeln. Ich freue mich extrem auf die neue Herausforderung, besonders auf das Führen des Restaurants. Ich bin gerne unter Leuten, und dort wird mir auch zu Gute kommen, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin. Weil meine Mutter aus dem Baselbiet stammt, spreche ich nicht nur Französisch, sondern auch Schweizerdeutsch. Ich bin top motiviert, auch wenn es sicher streng wird. Viel Zeit für Facebook und Ausgang wird dann wohl nicht mehr bleiben.»

Erschienen im August 2012

Das Projekt in Kürze

  • Vallée de Joux/VD