Rhino, der Retter

Der Betrieb von Familie Zimmermann ist nur via Wanderweg zu erreichen. Ein neues Transportfahrzeug hat grosse Erleichterung gebracht.

Unten liegen Vitznau und der Vierwaldstättersee, darüber thront die Rigi. Dazwischen wohnt die siebenköpfige Familie Zimmermann auf ihrem Bergbauernhof. Eine Strasse führt nicht hin, nur ein steiler und schmaler Wanderweg. Seit Zimmermanns ein kleines Geländefahrzeug haben, leben sie nicht mehr ganz so abgeschieden. Davon profitiert vor allem Mutter Brigitt.

«Es ist sehr streng, hier oben zu leben. Aber ich möchte dennoch nicht mit denen am See unten tauschen. Wir haben unsere Ruhe, die Aussicht über den Vierwaldstättersee beeindruckt mich immer wieder, und die Kinder haben viel Platz zum Spielen, mitten in der Natur. Wenn unser Hof nur besser erschlossen wäre. Eine Strasse führt nicht zu uns, nur der Wanderweg. Natürlich, wir haben die Rigi-Zahnradbahn. Die hält nur 100 Meter von unserem Haus entfernt. Das Problem ist, dass die Fahrten immer weniger und die Lücken zwischen den einzelnen Zügen immer grösser werden. So wurde kürzlich der 12.15-Uhr-Zug in der Zwischensaison gestrichen. Das heisst, dass unsere Kinder am Mittag nach der Schule plötzlich nicht mehr nach Hause konnten.

«Ich möchte kein anderes Leben»

In solchen Situationen denkt man manchmal schon kurz ans Aufgeben. Aber mein Mann Bärti ist hier oben geboren, der Hof ist fast schon ein Teil von ihm. Auch ich bin auf einem Bergbauernhof aufgewachsen und möchte kein anderes Leben. Und wir haben bis jetzt noch für jedes Problem eine Lösung gefunden. Diejenige des Transportproblems heisst Rhino. Das ist ein kleines Gefährt, eine Mischung aus Vierradtöff und Auto. Es ist neben einem Motocrosstöff das einzige Gefährt, mit dem man den Berg hochkommt. Mit Ketten funktioniert es sogar, wenn 30 Zentimeter Schnee liegen. Das haben wir ausprobiert, als wir den Rhino getestet haben. Mehr Schnee haben wir hier am Sonnenhang auf 700 Meter über Meer selten. Deshalb wussten wir, dass ein Rhino unsere Rettung wäre. Aber wir konnten ihn uns nicht leisten. Was unser kleiner Hof und Bärtis Arbeit bei einer Gartenbau- und Forstwirtschaftsfirma einbringen, reicht gerade zum Leben und dafür, den Hof in Schuss zu halten. Unerwartete Investitionen liegen einfach nicht drin. Weil die Situation aber von Fahrplanwechsel zu Fahrplanwechsel schlimmer wurde, fragten wir bei der Schweizer Berghilfe um Unterstützung an. Wir waren extrem erleichtert und dankbar, als wir die Nachricht erhielten, dass die Berghilfe einen schönen Teil des Kaufpreises übernimmt.

«Ich spare mehrere Stunden»

Es ist unglaublich, wie sehr dieses kleine Fahrzeug unser Leben vereinfacht hat. Alles ist viel leichter geworden. Ich spare an manchen Tagen mehrere Stunden. Ich bin diejenige, die am häufigsten am Steuer des Rhino sitzt. Das fängt am Vormittag an mit meinen Eierfahrten. Ich habe über die vergangenen Jahre Schritt für Schritt zwei Herden mit 180 Legehennen aufgebaut. Ich beliefere den Volg in Vitznau und viele Hotels und Restaurants. Die Hühner sind inzwischen ein genauso wichtiger Betriebszweig geworden wie die Kalbermast mit den vier Milchkühen oder die drei Dexter-Mutterkühe. Ich packe also am Vormittag zwischen 100 und 300 Eier auf die Ladefläche des Rhino. Ebenfalls auf der Ladefläche habe ich dem fünfjährigen David ein sicheres Plätzchen eingerichtet. Und der zweijährige Manuel sitzt im Kindersitz auf dem Beifahrersitz. Die beiden Kleinen sind bei allem, was ich den Tag über mache, dabei. Der zwölfjährige Ivan, die zehnjährige Angela und der achtjährige Simon sind bereits mit dem Bähnli in die Schule gefahren, wenn ich die Eier ausliefere. Mit dem voll bepackten Rhino fahren wir zum Parkplatz in Vitznau unten. Dort steigen wir ins Auto um. Damit kann ich dann direkt zu den Hotels und Restaurants fahren. Früher war das alles viel komplizierter. Immer musste ich aufpassen, dass ich die Kleinen rechtzeitig parat hatte um das Bähnli nicht zu verpassen, sonst hiess es warten. Mit der Bahn fuhren wir gemeinsam nach unten. Dort musste ich die Eier am Bahnhof stehen lassen und mit den Kindern an der Hand zu Fuss zum gut fünf Minuten entfernten Parkplatz gehen, um das Auto zu holen. Dann fuhren wir wieder zurück zum Bahnhof, um die Eier einzuladen, bevor die Tour endlich beginnen konnte. So ging es immer – beim Eier-Ausliefern, beim Einkaufen, oder wenn ich zur Bank oder auf die Post musste.

Jetzt ist es zum Glück viel einfacher. Ich kann am Mittag die ganze Bande im Dorf unten abholen. Ich schlafe auch besser. Die Angst vor einem medizinischen Notfall oder einem Unfall bei schlechtem Wetter, wenn die Rega nicht fliegen kann, war immer irgendwo im Hinterkopf. Der Rhino sorgt dafür, dass wir nicht mehr ganz so fest von der Umwelt abgeschnitten sind. Das macht den Alltag leichter, und ich komme eher wieder mal dazu, mich über die schöne Aussicht auf den See zu freuen.»

Erschienen im November 2012

Das Projekt in Kürze

  • Vitznau/LU