Scheidepunkt auf 3025 Meter über Meer

Scheidepunkt auf 3025 Meter über Meer

Ein hochalpiner Wanderweg ermöglicht seit Sommer 2019 den Aufstieg zur dreifachen kontinentalen Wasserscheide im Gotthardmassiv.

Auf 3025 Meter über Meer liegt eine der unbekanntesten Weltattraktionen: die dreifache kontinentale Wasserscheide im Gotthardmassiv. Nun kommt man auch ohne Klettererfahrung rauf.

3025 Meter über Meer, eine Felsplatte im Gotthardmassiv, in der Nähe des Witenwasserenstocks. Hier beginnt alles. Wenn es hier oben regnet, dann bläst auch meist ein rauer Wind. Kommt dieser aus Süden, tropft das Regenwasser am nördlichen Ende der Felsplatte hinunter, fliesst irgendwann in die Reuss und von dort aus via Aare und Rhein in die Nordsee. Bläst der Wind von Norden, fliesst das Wasser ins Bedrettotal und von dort aus via Ticino und Po in die Adria. Ostwind hingegen treibt die Niederschläge via Rhonegletscher und Rhone ins Mittelmeer.

«Dreifache kontinentale Wasserscheide» heisst das im Fachjargon. Auf der ganzen Welt gibt es nur eine Handvoll davon. Und diejenige im Gotthardmassiv war bis vor einigen Jahren kaum jemandem bekannt. «Als ich davon gehört habe, konnte ich es kaum glauben», sagt Paul Dubacher. «Da haben wir eine Weltattraktion quasi vor unserer Haustür und keiner weiss etwas davon.» Paul beschloss, dies zu ändern. Er ist der richtige Mann dafür, schliesslich hat er bereits den Vier-Quellen-Weg realisiert, der auf insgesamt 85 Kilometern Länge die Quellen der Flüsse Rhein, Reuss, Ticino und Rhone verbindet. Die Erweiterung zur dreifachen kontinentalen Wasserscheide wäre da quasi das Tüpfelchen auf dem i.

Doch die Realisation eines Wanderwegs im hochalpinen Gebiet ist kein Zuckerschlecken. Von der nahegelegenen Rotondohütte aus führt der Weg eine gewaltige Geröllhalde hoch. «Als ich die zum ersten Mal sah, musste ich leer schlucken», erinnert sich Paul. Denn Geröll kann rutschen. Und um den Weg sicher zu machen, muss aus grossen Steinen eine Art Fundament gelegt werden. Mit einfachsten Hilfsmitteln, denn Maschinen bringt man mit halbwegs vernünftigem Aufwand hier nicht rauf. Vier Sommer lang waren Pauls Männer, oft unterstützt von Zivilschutzeinheiten, an der Arbeit. Jetzt ist der Weg fertig.

Erschienen im Juni 2019

Das Projekt in Kürze

  • Stiftung Vier-Quellen-Weg
  • Hochalpiner Wanderweg
  • Realp/UR

Kein Spaziergang

Es ist natürlich kein Spazierweg geworden, gute Ausrüstung und etwas Kondition sollte man schon mitbringen. Aber für einen teilweise weiss-blau-weiss markierten Alpinwanderweg ist er sehr gut ausgebaut. Der 73-jährige Paul nimmt ihn immer noch regelmässig unter die Füsse. Gut zwei Stunden dauert der Aufstieg von der Rotondohütte aus, dann ist sie endlich erreicht, die legendäre Felsplatte. Paul kennt in der Gegend jeden Gipfel, jeden Pass und alle Wege, die dorthin führen. Zum touristischen Hotspot wird keiner davon werden, auch nicht, wenn eines Tages jedes Kind die Wasserscheide kennen sollte.

Dafür ist der Aufstieg viel zu aufwändig und anstrengend. Dennoch, erste positive Folgen zeigen die neuen Wanderwege bereits: Die Übernachtungszahlen in der Rotondohütte waren noch nie so gut wie im vergangenen Sommer. Das liege sicher auch am guten Wetter, meint Hüttenwartin Pia Biondi. Aber es sei auffallend, dass immer mehr Alpinisten extra wegen der dreifachen kontinentalen Wasserscheide ins Gotthardmassiv kämen. «Für uns ist das ein Segen.»

Oben bei der Felsplatte zeigt Paul mit Hilfe eines mühsam heraufgeschleppten Wasserkanisters, wie das Wasser in drei verschiedene Richtungen abfliessen kann. Kurz kann man seinen Lauf nachverfolgen, dann verschwindet es zwischen den Felsen. Aber eins ist sicher: Es tritt weiter unten wieder an die Oberfläche. Je nach Wind in ganz unterschiedliche Richtungen.

vier-quellen-weg.ch/wasserscheide

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im Juni 2019