Sich erholen, wo früher Schmuggler zechten

Bei Chiasso, am südlichsten Zipfel der Schweiz dominieren Industrieanlagen und graue Häuserzeilen. Nur 15 Kilometer entfernt, am Fuss des Monte Generoso herrscht das Grün dichter Wälder vor. Dort verwandelt sich das kleine Dorf Scudellate gerade in ein Hotel.

Autolärm kennt Scudellate unter der Woche fast nur, wenn der öV-Bus die engen Kurven des Valle Muggio zum kleinen Dorf hochfährt. Oder wenn eine der wenige Einwohnerinnen eine Besorgung macht. Ansonsten dominieren die Vögel, das Rauschen der Blätter und das Gurgeln des Bergbachs Breggia die Klangwelt.

Das kleine Dorf liegt ganz am Ende eines etwas versteckten Tals nördlich von Chiasso auf rund 900 Metern über Meer. Nur 500 Meter entfernt verläuft die italienische Grenze. Bis in die 1960er Jahre kamen darum die Kinder des benachbarten, italienischen Erbonne hier zur Schule. Und Schmuggler sicherten sich mit nächtlichen Wanderungen ihr Familieneinkommen. Auch deswegen war Scudellate – obwohl am Ende der Strasse – lange belebt. Davon profitierte auch die Osteria Manciana. Doch wie überall in den kleinen Bergdörfen, zogen immer mehr Familien weg, das Schulhaus schloss und der Schmuggel wich auf andere Routen aus. Das Dorf drohte auszusterben.

Das Projekt in Kürze

  • Hotelbetrieb
  • Restaurant und Gästehaus
  • Scudellate/TI

Mit verstreutem Hotel Dorf beleben

Das wollte Oscar Piffaretti ändern. Der Sohn der Wirtsfamilie, der seine Kindheit in der Osteria Manciana verbrachte, hatte eine verrückte Idee: Er wollte das Dorf mit einem speziellen Konzept wieder beleben, mit einem «Albergo diffuso», auf Deutsch «verstreutes Hotel». Es ist das erste dieser Art im Tessin. Claudio Zanini liess sich vom Enthusiasmus Piffarettis und vom Ort anstecken und zusammen gründeten sie eine Stiftung.

Alte Kühlschränke
Verstreut im Tal gibt auch es einzigartige, uralte Kulturgüter zu entdecken, wie eine restaurierte Mühle aus dem 6. Jahrhundert oder die alten Kühlschränke, Nevéra genannt.
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Stimmengwirr in alten Gassen

Mit viel Enthusiasmus und Liebe zum Ort machten sich die beiden daran, einige Gebäude am Ende des Valle Muggio zu renovieren. Die bestehende Osteria wurde komplett erneuert und fungiert als Rezeption, Speisesaal und Mini-Hotel. Das ehemalige Schulhaus gleich gegenüber wurde zum Gästehaus mit Mehrbettzimmern umgebaut. Und daneben wurde in noch einem alten Wohnhaus ein etwas gehobeneres Bed&Breakfast La Casa dei Gelsi eingerichtet. So können bis zu 50 Gäste in Scudellate übernachten. Für das verschlafene Bergdorf, das kaum noch 15 ganzjährige Bewohner zählt, bedeutet die Eröffnung des Albergo diffuso im Sommer 2021 eine komplette Neuausrichtung. Eine, die aber eigentlich einfach an die alten Zeiten anknüpft, als noch Kinderlärm und Menschenstimmen durch die Gassen hallten.

Zum Albergo Diffuso

Text: Alexandra Rozkosny

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2023
Die Unterstützung
Damit das Albergo diffuso starten konnte, musst die Trägerschaft sowohl die Osteria wie das Ostello gleichzeitig umbauen und renovieren. Das verursachte hohe Projektkosten, welche der Verein nicht vollständig selbst finanzieren konnte. Möchten auch Sie unterstützen?
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