Starke Frauen aus Ton

Bei Anna-Madlaina Jordan in Guarda gibt es starke Frauen zuhauf. Sie liegen und sitzen ums Haus – bei jedem Wetter. Die Figuren erfunden hat ihre Mutter vor über 20 Jahren als Antwort auf ein veraltetes Rollenbild. Heute machen die Figuren einfach Freude – den Erschafferinnen und den Betrachtern.

Im Dachstock des Engadiner Hauses herrscht eine hei­tere Stimmung. Vor der Töpferin Anna­-Madlaina Jordan sitzt eine halbfertige, ausladende Frauenfigur aus Ton auf einem Drehtisch. Gerade setzt Anna­-Madlaina den Kopf auf den Torso und verstreicht vorsichtig den dunklen Ton am Hals. Die Töpferin tritt einen Schritt zurück, begutachtet ihre Figur kritisch und lacht dann herzhaft. «Nein, dir muss ich noch etwas mehr Charme einhauchen», kommentiert sie den Gesichtsausdruck ihrer Figur und beginnt, die Partie zwischen Augen und Nase zu bearbeiten. Im Hinter­grund arbeiten zwei Kursteilnehmerin­nen an ihren Figuren. Die Frauen werfen scherzhafte Kommentare in die Runde.

Anna­-Madlaina hat die Töpferei und das Kurswesen vor drei Jahren von ihrer Mutter Verena Jordan­-Culatti übernommen. Vor dem Haus in Guarda sitzen und liegen mitten im Winter sommerlich bekleidete Frauenfiguren auf Fenstersimsen oder Treppenab­sätzen. Die Figuren wirken mit den pausbäckigen lächelnden Gesichtern und den rundlichen Körpern anste­ckend fröhlich. Doch was heute Erhei­terung auslöst, war vor 20 Jahren eine glatte Provokation.

Das Projekt in Kürze

  • Töpferei
  • Rakuplatz
  • Guarda/GR

Rollenbilder hinterfragen

«Damals war das hier so, dass der Mann alles bestimmte», sagt Verena Jordan­Culatti. Auch sie ist heute in der Werkstatt und gerade dabei, eine Frauenfigur zu formen. «Ich wollte etwas machen, das einen Kontrapunkt dazu setzt. Da habe ich aus Ton eine leicht bekleidete Frau geformt, die so gar nicht dem gängigen Schönheits­ideal entsprach, und sie vor dem Haus auf die Brüstung gesetzt. Die Figur nannte ich «Starke Frauen braucht das Land». Damit bin ich ziemlich ange­eckt. Zum Glück löste das dann aber auch einen Austausch aus zwischen der lokalen Bevölkerung und mir.»

Als gelernte Töpferin war Verena vor 37 Jahren aus dem Unterland nach Guarda gezogen. Die emanzipierte Städterin traf auf eine Lebenswelt, die von klaren Rollen für Männer und Frauen geprägt war. In dieser hatten sich die Frauen um Haus und Kinder zu kümmern. Die Männer arbeiteten auswärts und hatten das Sagen bei allen Dingen, die das öffentliche Leben betrafen. «Einerseits war ich froh, hier leben und arbeiten zu dürfen. Andererseits eckte ich ständig an, weil ich halt mitreden wollte. Das war schon ein Kulturschock», sagt sie.

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Erreichtes weiterführen

«Das hat sich seither stark verändert», ergänzt die Tochter Anna­-Madlaina. «Es macht mich glücklich und zufrie­den, dass ich die Kurse mit den Frauenfiguren weiterführen darf. Für mich hat es aber nichts Politisches mehr, mir macht es einfach Freude, die Figuren zu formen und die Tradition meiner Mutter weiterzuführen.» Und diese Freude gibt sie gern an Kurs­teilnehmende weiter, mit dem Ziel, ganz von der Töpferei leben zu kön­nen. Drei bis vier Tage dauert es, bis eine Figur fertig ist. «Mir gefällt, dass ich bei meinen Figuren meine Kreati­vität fliessen lassen kann und sie keinem gängigen Schönheitsbild ent­sprechen müssen», sagt Anna­-Madlaina. «Da kann man auch mal den Bauch etwas stärker wachsen lassen, das ist äusserst befriedigend bei der kreativen Gestaltung.» Stark wirken die Tonfrauen immer noch, wenn auch anders: Kaum ein Fuss­gänger, der sich beim Vorbeigehen nicht rasch nach ihnen umdreht – und mit einem Schmunzeln weitergeht.

Text: Alexandra Rozkosny

Bilder: Yannick Andrea, Max Hugelshofer

Erschienen im Dezember 2022
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