Vier Monate Schatten

Weil er an einem steilen Nordhang liegt, sieht der Hof von Famile Küttel im Riemenstaldental vier Monate lang keinen Sonnenstrahl. Manchmal zieht es Erna Küttel den gegenüberliegenden Berghang hoch in die Sonne.

«Am 21. Oktober geht hier die Sonne unter, und am 21. Februar kommt sie wieder. Das sind genau vier Monate ohne einen Sonnenstrahl. Viele Leute sagen mir, sie würden trübsinnig werden an so einem Ort. Aber ich bin es gewohnt. Und wir haben hier immerhin keinen Hochnebel. Den fände ich viel schlimmer. Wir sehen die Sonne wenigstens. Und wenn ich es gar nicht mehr aushalte, dann packe ich meine beiden Kinder, den vierjährigen Mike und die zweijährige Ramona, gut ein und mache einen Spaziergang auf die andere Talseite rüber. Im Dorf kommt die Sonne bereits deutlich früher zurück. Und mit jedem Meter, den man die gegenüberliegende Talseite hinaufläuft, wird es noch besser.

Bei diesen Spaziergängen wechseln wir nicht nur die Talseite, sondern auch den Kanton. Unser Hof und das Land liegen im Kanton Uri, das Luftlinie nur ein paar hundert Meter entfernte Dorf Riemenstalden gehört zu Schwyz. Das macht gewisse alltägliche Dinge komplizierter. Immerhin haben wir es geschafft, dass unsere Kinder dereinst in Riemenstalden in die Schule gehen dürfen und nicht den ganzen Weg ins nächste Urner Dorf Sisikon runter müssen. Wir sind sowieso eher in Richtung Schwyz orientiert und fühlen uns als Schwyzer, auch wenn wir eine Urner Autonummer haben.


Das Projekt in Kürze

  • Bergbauernfamilie
  • Stallanbau
  • Riemenstalden/SZ

Fussmarsch oder Schatten?

Mein Mann Erwin ist im Kanton Schwyz aufgewachsen, auf einem Bergbauernbetrieb am Gersauer Berg. Dort hatte es im Winter weder eine Strasse noch eine Seilbahn. Als er zu mir ins Riemenstaldental gezogen ist, hat er also einen Tausch gemacht: vier Monate zu Fuss gehen gegen vier Monate Schatten. Er hätte wohl mehr Mühe mit dem Sonnenentzug, wenn er im Winter nicht am Sessellift auf dem Stoos arbeiten würde. Da kann er regelmässig Sonne tanken.

Der Hof läuft auf mich, weil ich die nötige Ausbildung absolviert habe. In der Praxis teilen wir uns aber die Aufgaben. Den Winter über, wenn Erwin zu 100 Prozent auswärts arbeitet, übernehme ich den Hauptteil der Arbeit im Stall bei den Schafen. Im Sommer, vor allem beim Heuen, sieht es dann wieder anders aus. Dann helfen auch meine Eltern noch tatkräftig mit. Trotzdem sind wir in den vergangenen Jahren an unsere Grenzen gestossen. Das hat wieder mit der Nordausrichtung unseres Hofs zu tun. Die sorgt dafür, dass das gemähte Heu sehr feucht ist und lange zum Trocknen liegenbleiben muss. Beim Reinholen wird dann meistens alles ziemlich hektisch. Vor allem, wenn Gewitter angesagt sind. Darum wollen wir unseren Stall ausbauen. Er wird ein kleines bisschen länger. Vor allem aber gibt es ein höheres Dach und damit Platz für einen gebraucht gekauften Heukran. So können wir beim Einräumen wertvolle Stunden sparen. Ausserdem fällt der körperlich anstrengendste Teil der Arbeit weg. Vielleicht können wir dann im Sommer sogar mal ein paar Stunden lang die Sonne geniessen.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im November 2020
Die Unterstützung
Mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe konnte Familie Küttel den Schafstall erweitern und sich einen dringend benötigten, gebrauchten Heukran anschaffen.