Weniger konsequent, dafür erfolgreich

Mit dem Hotel Ucliva in Waltensburg hat Ursula Wilhelm einen Neustart gewagt. Sie hat dabei nicht nur das serbelnde Hotel auf Vordermann gebracht, sondern auch gleich eine neue Heimat gefunden.

«Ich kann perfekt Schweizerdeutsch, nur hat das noch niemand gemerkt», erklärt Ursula Wilhelm mit einem verschmitzten Grinsen. Tatsächlich hört man aus ihrem Akzent eher Wien heraus als Waltensburg. Dennoch ist sie, die erst vor fünf Jahren in dieses kleine Bergdorf in der Surselva gekommen ist, bereits mustergültig integriert: «Ich bin in vier Vereinen. Einen davon habe ich gleich selbst gegründet.» Dass sie in der zweiten Hälfte ihres Lebens hier eine Heimat gefunden hat, ist zu grossen Teilen dem Zufall geschuldet.

Ursula Willhelm ist Gastgeberin mit Leib und Seele. Sie kam schon als junge Frau in die Schweiz und arbeitete lange im Oberengadin, bevor sie die Führung eines Hotels auf der Lenzerheide übernahm. Als dieses verkauft wurde, war für die 55-Jährige
die Zeit reif für einen Neuanfang.

Das Projekt in Kürze

  • Hotel
  • Neue Nasszellen
  • Waltensburg/GR

Angeschaut aus reiner Neugierde

Denn kurz zuvor war ihre damalige Beziehung zu Bruch gegangen, und gleichzeitig zog ihr Sohn fürs Studium ins Unterland. «Ich war also völlig frei», erinnert sich Ursula Willhelm. Sie spielte mit dem Gedanken, sich eine Stelle in einem Stadthotel zu suchen – und sah stattdessen das Inserat, in dem die Genossenschaft Ucliva ihr Hotel zur Pacht ausgeschrieben hatte.

Sie schaute sich das Hotel, das kurz zuvor aus wirtschaftlichen Gründen hatte schliessen müssen, aus reiner Neugierde an. Und sah viel Potenzial. Das Ucliva ist nicht irgendein Hotel. Es stand in den 1980er-Jahren als Leuchtturmprojekt für einen nachhaltigeren Tourismus, war genossenschaftlich geführt und galt als erstes Öko-Hotel der Schweiz. Doch nach Boomjahren in den 2000ern ging das Konzept irgendwann nicht mehr auf und die Genossenschaft musste den Betrieb einstellen und das Gebäude zur Pacht ausschreiben.

Als Ursula Wilhelm 2017 das Ucliva nach zwei Monaten Schliessung wiedereröffnete, machte sie vieles neu. Das Bio-Konzept warf sie über den Haufen. «So konsequent wie es umgesetzt wurde, hat es sich einfach nicht gerechnet», sagt sie. Doch der nachhaltige Ansatz gefiel ihr. Also setzte sie in erster Linie auf lokale Produkte und baute deren Anteil stetig aus. Inzwischen kommen im Sommer sogar die Schnittblumen für die Tischdeko aus dem Nachbardorf. «Ich bin fast sicher, dass wir heute umweltfreundlicher sind als damals, als noch alles ausnahmslos Bio war», sagt die Gastgeberin.

Malen, Yoga, Visionen und Wandern
Ins Hotel Ucliva in Waltensburg kommen traditionell nicht nur ruhesuchende Feriengäste. Pächterin Ursula Wilhelm setzt auch auf Seminare, Workshops und Veranstaltungen. Thematisch ist für alle etwas dabei. Kulinarik, Kunst, Körper, Kulturgeschichte – alles abgedeckt. Ob man von Küchenchef Jan Ludvik lernen will, wie man einen perfekten Burger zubereitet, Yoga mit Wandern verbinden oder einfach nur ein schönes Konzert besuchen will, ein Blick auf den Veranstaltungskalender auf der Website des Hotels lohnt sich. Demnächst steht zum Beispiel «Malen und Meditation» auf dem Programm.
Hotel Ucliva

Sogar das Kulturangebot ist lokal

Ebenfalls vorwiegend aus der Region stammt das Kulturangebot des Ucliva. Und es beschränkt sich nicht nur auf die Abteilung «Bündner Autoren» in der Hotelbibliothek. Regelmässig finden in der gemütlichen Lobby Lesungen von lokalen Schriftstellerinnen
und Schriftstellern statt und draussen im Garten gibt es eine Bühne für Konzerte. «Auch das ist eher zufällig entstanden», erzählt Ursula. Sie habe sich schon immer für Kultur interessiert. Aber weil sie mehr oder weniger ständig arbeite, könne sie nicht an Konzerte oder in Ausstellungen gehen. «Da musste ich mir die Kultur halt zu mir holen.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im Dezember 2022
Die Unterstützung
Die Zimmer im Hotel Ucliva wirken auch Jahre nach ihrer letzten Sanierung noch modern, doch die Nasszellen wurden von den Gästen als nicht mehr zeitgemäss kritisiert. Die Schweizer Berghilfe unterstützte die Genossenschaft beim Einbau moderner Badezimmer.