Weniger Schafe, mehr Gäste

Weniger Schafe, mehr Gäste

Wo bisher Schafe überwinterten, hat Familie Clalüna eine Besenbeiz gebaut.

Marianna und Fredi Clalüna arbeiten gerne und suchen immer wieder neue Herausforderungen. Der Name ihrer neuen Besenbeiz könnte treffender nicht sein : Die «Ustaria La Stalla» ist nämlich genau das – ein Stall.

«Wir haben an die Zukunft gedacht», sagt Marianna Clalüna. «Schafe geben viel Arbeit. Das Scheren und Klauen schneiden ist anstrengend. Was, wenn wir dazu einmal körperlich nicht mehr in der Lage sind? Wir werden ja nicht jünger.» Deshalb haben Marianna und ihr Mann Fredi beschlossen, einen Teil des Stalles als Besenbeiz auszubauen und dafür die Hälfte der rund 120 Schafe abzugeben. Seit Juni gibt es in der Ustaria Mittagessen – gekocht von Marianna – und nachmittags kann man zum Zvieri einkehren. Neben dem landwirtschaftlichen Betrieb mit Schafen, Mutterkühen und Ziegen haben die Clalünas damit ein ganzjähriges agrotouristisches Angebot geschaffen.

Erfahrung haben sie darin bereits. Den ersten Schritt machten sie vor fünf Jahren mit «Schlafen im Stroh». Wenn die Schafe im Sommer auf der Alp waren, legten die Clalünas den Stall mit Strohballen aus, um Berggästen eine rustikale Schlafmöglichkeit zu bieten. Gekochte Mahlzeiten durften sie aus hygienischen Gründen allerdings nicht servieren, dafür ist ein separater Küchenraum erforderlich. «Zum Znacht mussten wir die Gäste ins Dorf schicken in eines der Hotelrestaurants», erzählt Marianna. «Dabei hätten sie lieber bei uns auf dem Hof gegessen.»

Das Projekt in Kürze

  • Ardez/GR

Neue Dorfbeiz für Ardez

Um das touristische Potential richtig ausschöpfen zu können, war ein Ausbau der Infrastruktur nötig. Die Clalünas scheuten das Risiko nicht und waren bereit, viel zu investieren. «Wenn wir etwas machen, dann richtig», ist ihre Devise. Sie teilten den Stall auf, bauten eine abgetrennte Küche und neue Toiletten samt Dusche. Fenster und Türen wurden ersetzt und eine Erdwärmesonde verlegt, damit es in der Besenbeiz auch im Winter gemütlich warm ist. «Ohne die finanzielle Unterstützung der Berghilfe hätten wir das nicht geschafft», sagt Marianna.

Dass der erhoffte Gästezuwachs ausbleiben könnte, darüber machen sich die Clalünas keine Sorgen. «Ich befürchte eher, dass es zu gut laufen wird», meint Fredi schmunzelnd. Kein unbegründeter Verdacht, haben die Clalünas doch bereits in den ersten Betriebswochen mehrere Gruppen-Reservationen fürs «Schlafen im Stroh» und für ein Geburtstagsfest mit fast 40 Personen in der Besenbeiz. «Wir möchten mit der Ustaria nicht nur Touristen ansprechen, sondern auch ein Treffpunkt für die Einheimischen sein und kulturelle Veranstaltungen ausrichten», hält Marianna fest. Die Ustaria sei ein Gewinn für Ardez, denn eine richtige Dorfbeiz habe bisher gefehlt, meint Fredi. «Unsere Beiz ist ungezwungen. An unseren Stammtisch kommen die Bauern auch in Arbeitsmontur und mit Mist an den Gummistiefeln.»

Text und Bilder: Isabel Plana

Erschienen im Juli 2015