Zwischen Heuen und Schulbank

Zwischen Heuen und Schulbank

Die Bergbäuerin Fränzi Gasser hat eine Weiterbildung in Coaching gemacht.

Bei Familie Gasser gehören seit 18 Jahren Pflegekinder dazu. Um der Praxis auch die entsprechende Theorie zur Seite zu stellen, drückt Fränzi Gasser die Schulbank. Später will sie mit dem erworbenen Wissen Bauernfamilien in schwierigen Situationen beraten.

Oberhalb von Lungern am Brünig: Eine typische Bergbauernfamilie ist am Heuen. Vater und Sohn bedienen Mäher und Zettler, die Töchter und die Mutter sammeln mit Rechen und Bläser das gemähte Gras zusammen. Dennoch ist Familie Gasser alles andere als eine Klischee-Bergbauernfamilie. Das zeigen nur schon die beiden dunkelhäutigen jungen Frauen, die ebenfalls kräftig mit anpacken. Es sind beides Pflegekinder, die inzwischen schon seit acht Jahren bei Gassers leben und Teil der Familie geworden sind.

«Mein Mann Glois und ich waren immer schon sehr offen», sagt Fränzi Gasser. So ergab es sich vor 18 Jahren praktisch von selbst, dass sie auf ihrem Hof Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen aufnahmen – obschon sie selbst gerade erst eine Familie gegründet hatten. Meist waren es straffällig gewordene Jugendliche, teils solche aus zerrütteten Familien. «Wir haben viel erlebt. Gutes und Schlechtes», so Fränzi. Es sei wunderschön gewesen, mitzuerleben, wenn jemand durch die körperliche Arbeit und den geregelten Tagesablauf auf dem Bauernhof den Rank schaffe und wieder in die Gesellschaft zurückfinde. Auch wenn Ehemalige Jahre später plötzlich an der Haustüre klingelten und stolz von ihrem neuen Leben erzählten, tat ihr das richtig gut. Wenn hingegen plötzlich der ganze Hof voller Polizei war, weil eines der temporären Familienmitglieder wieder etwas ausgefressen hatte, dann dachten Gassers schon mal ans Aufgeben.

Zehn Jahre lang waren ständig wechselnde Pflegekinder Teil der Familie. Doch irgendwann stimmte es nicht mehr. Die eigenen Kinder wollten mehr Konstanz, fingen an zu rebellieren. Da nahmen Gassers zwei Flüchtlingsmädchen auf, deren Mutter sich aus psychischen Gründen nicht um sie kümmern konnte. «Wir dachten, es wäre für ein paar Monate», sagt Fränzi. Das war vor acht Jahren, und Lidia und Chissola sind heute immer noch Teil der Familie. Sie sind mit Gassers vier Kindern zusammen aufgewachsen, haben in Lungern Freunde gefunden und gehen inzwischen hier in die Lehre.

Das Projekt in Kürze

  • Bergbauernfamilie
  • Finanzierung einer Ausbildung
  • Lungern/OW

​Theorie gibt Sicherheit

In all den Jahren mit Pflegekindern überwogen die positiven Erfahrungen deutlich. Nur manchmal, in schwierigen Situationen, da wünschte sich Fränzi eine entsprechende Ausbildung. «Ich wusste eigentlich schon, dass ich alles richtig mache. Aber wenn ich zur Praxis auch die Theorie gehabt hätte, dann hätte mir das Sicherheit gegeben.» Aber für eine Ausbildung war weder Zeit noch Geld vorhanden. Also blieb es bei einer fernen Idee. Eine Idee, die plötzlich neuen Auftrieb bekam, als Fränzi vor zwei Jahren in einem Magazin ein Inserat für einen Studiengang «Coaching in Alltag, Therapie und Beratung» in Luzern sah. «Das wäre genau das Richtige», sagte sie sich. Aber der Kurs war zu teuer. Erst ein Jahr später, als das gleiche Inserat wiederum abgedruckt wurde, machte sie Nägel mit Köpfen. Ein bisschen Erspartes war vorhanden, und für den Rest bat sie bei der Schweizer Berghilfe um Unterstützung. Und bekam sie. «Wenn eine zusätzliche Ausbildung dazu verhelfen kann, das Einkommen einer Familie zu verbessern, sind wir sehr gerne zur Stelle», sagt Geschäftsführerin Regula Straub. «Frau Gasser möchte das Gelernte nicht nur einsetzen, um die Pflegekinder besser betreuen zu können, sondern auch, um Bauernfamilien in schwierigen Situationen zu unterstützen. Eine Dienstleistung, die sie zum Teil von zu Hause aus anbieten und gut mit Hof und Familie unter einen Hut bringen kann.»

Inzwischen ist bei ihrer Ausbildung bereits die Halbzeit erreicht. «Es ist sehr spannend, aber auch sehr streng», lautet Fränzis Zwischenbilanz. «Vor allem den Lernaufwand zu Hause habe ich unterschätzt.» Aber auch mental sei die Ausbildung anstrengend. Es geht viel um Konfliktbewältigung, ums eigene Auftreten und um Psychologie. «Da muss man erst ganz viel an sich selbst arbeiten, bevor man anderen helfen kann.» Bei Mitschülerinnen seien schon Partnerschaften zerbrochen und Familienstreitereien losgetreten worden. «Das ist mir zum Glück erspart geblieben.» Sicher auch, weil die Familie sehr verständnisvoll reagierte. «Alle unterstützen mich und nehmen mir Arbeit ab, wo immer es geht.» Was ihr jedoch niemand abnehmen kann: Auch nach einem langen Tag beim Heuen, wenn der Nachwuchs in den Ausgang verschwindet, dann warten sie auf dem Küchentisch: die Schulbücher.

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im September 2017