Der Doppelgänger aus der Werkstatt

Der Doppelgänger aus der Werkstatt

Der Aargauer Gernot Schneider findet im Verzascatal seinen 40 Jahre jüngeren Doppelgänger – dank der Inseratekampagne der Schweizer Berghilfe.

Es ist ein seltsames Mail, das da in meinem Postfach landet. Ob ich ihm das Sujet unserer Inseratekampagne schicken könnte, schreibt mir da ein gewisser Gernot Schneider. Er werde immer wieder von Freunden darauf angesprochen, dass wir dort ein Bild von ihm verwenden würden. Das fragliche Inserat zeigt allerdings Fabrizio Bacciarini aus dem Verzascatal in seiner neuen Werkstatt, die er mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe bauen konnte. Ich schicke Herrn Schneider das gewünschte Sujet, zusammen mit einem Link zur Reportage über Fabrizios Werkstatt, die ich vor einigen Jahren geschrieben hatte, und dem Hinweis, dass er wohl im Verzascatal einen Doppelgänger besitze.

Ich kann es mir nicht verkneifen, den unbekannten Herrn Schneider nach einem Bild von sich selbst zu fragen. Es nimmt mich schon wunder, wie gross die Ähnlichkeit ist. Kurz darauf steht fest: verblüffend gross. Schneider hat mir ein Bild geschickt, auf dem er Fabrizio Bacciarini wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Eineiige Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden, können die beiden allerdings nicht sein: Das Foto von Gernot Schneider stammt aus den 1980erJahren. Inzwischen habe er etwas weniger Haare und mehr Falten, schreibt er. Aber dafür hat er beim Lesen des Artikels über Fabrizio weitere Gemeinsamkeiten entdeckt. Auch er sei Ingenieur, auch er bastle gerne in seiner Werkstatt und auch er habe schon einige Erfindungen gemacht. Spontan schreibe ich zurück: Wollen wir Fabrizio gemeinsam besuchen?

Schon wenige Wochen später ist es soweit: Fabrizio und der unbekannte Der Direktvergleich zeigt: Gernot Schneider (im Bild von 1984 auf einer Bergtour) hat dank der Inseratekampagne der Berghilfe in Fabrizio Bacciarini einen jüngeren Doppelgänger gefunden. Herr Schneider, der auf der Fahrt nach Brione im Verzascatal zu Gernot geworden ist, stehen sich in Fabrizios Werkstatt gegenüber. Die Ähnlichkeit ist auch live erstaunlich, obschon die beiden natürlich schon aufgrund des Altersunterschieds niemand verwechseln würde. Noch eindrücklicher ist jedoch, wie sich die beiden von der ersten Sekunde an verstehen. Schon nach wenigen Minuten fachsimpeln sie in einer Mischung aus Deutsch und Italienisch über Photovoltaik, über die unzähligen Möglichkeiten computergestützter Steuerungen und über die Befriedigung, ein komplexes Problem mit einer einfachen Maschine gelöst zu haben. Ganz klar: Hier haben sich zwei gefunden. Auch wenn es keine getrennten Zwillinge sind.

Text: Max Hugelshofer

Erschienen im März 2021