Der Ausrufer im Val-de-Travers gehört heute der Geschichte an. Früher zog er durch die Dörfer des Tals, um wichtige Neuigkeiten zu verkünden: Strassensperrungen, neue Lieferungen bei den Lebensmittelhändlern oder den Beginn der Weinlese. Denn bis Mitte der 1900er-Jahre konnten sehr viele Menschen nicht lesen noch sich ein Radiogerät leisten. Die Lokalgeschichte der Neuenburger Archive rückt eine spezielle Figur des Val-de-Travers im 19. Jahrhundert ins Rampenlicht: Louis Constant Létondal, genannt «Bibi Blanc» oder «Blanc».
Scherze und Pannen
Louis Constant Létondal wurde am 26. Dezember 1820 in Grand Bayard geboren, einem der Dörfer, die heute die zusammengeschlossene Gemeinde Val-de-Travers bilden. Bis zu seinem Tod im Jahr 1873 übte er das Doppelamt als Korbflechter und Stadtausrufer aus. Er konnte praktisch nicht lesen. Um seine offiziellen Ausrufe vornehmen zu können, musste er Gesetzestexte, Verordnungen oder Bekanntmachungen der Gemeinde vollständig auswendig lernen. Wenn sich ein Text als zu lang oder zu komplex für sein Gedächtnis erwies, liess er sich von einer dritten Person begleiten, die als sein persönlicher «Vorleser» fungierte. Da er nicht lesen konnte, kam es häufig vor, dass er die offiziellen Texte nach eigenem Gutdünken abwandelte und dabei köstliche Fehlinterpretationen und Pannen produzierte, über die sich die Dorfbevölkerung sehr amüsierte.