Quer durchs Bild wandern

Ueli Bieri bannt die offensichtliche und versteckte Schönheit des Entlebuchs mit Stift und Aquarellfarben auf Papier. Sein Wissen übers Zeichnen und die Natur gibt er an Kursen und geführten Wanderungen weiter. Wie heute bei «Hike and Sketch» zwischen Entlebuch und Schüpfheim.

Der Himmel ist mir erstaunlich gut gelungen. Und auch das alte Bauernhaus neben der Schule Hasle kann man mehr oder weniger wiedererkennen in meinem Zeichenblock. Ein bisschen mehr Rot für die Ziegel wäre nicht schlecht, denke ich. Zehn Sekunden später ist das Bild ruiniert. Es war zu viel Rot, und das Dach erinnert nun an einen Tatort mit gewaltiger Blutspur. «Es ist wichtig, den Zeitpunkt zum Aufhören nicht zu verpassen», meint Ueli Bieri, als er sich kurz darauf mein Bild anschaut.

Wir sind unterwegs auf «Hike and Sketch» durchs zentrale Entlebuch. Eine zehnköpfige Gruppe, man kennt sich. Nebst mir gibt es nur noch einen weiteren «Neuling». Wenn es ums Zeichnen geht, dann bin ich allerdings der einzige ohne jegliche Erfahrung.

Start ist am Bahnhof Entlebuch, die Route führt gut sieben Kilometer den Bächen Entle, Bibere und Kleine Emme entlang nach Schüpfheim. Angesagt ist eine gemütliche Wanderung mit zwischenzeitlichen Stopps, bei denen gemalt wird. Fast jede Woche bietet Ueli solche Ausflüge an. Nebst Kursen, mehrtägigen Ausflügen und Workshops. Er hat auch mehrere Bücher mit seinen Bildern herausgegeben und zeichnet im Auftrag. Seit sechs Jahren lebt der ehemalige Lehrer von der Kunst. «Ich habe schon immer leidenschaftlich gezeichnet und wusste, dass ich irgendwann nichts anderes mehr machen möchte», erzählt er. «Mit 50 Jahren habe ich mich dann endlich getraut, diesen Schritt zu machen.»

«Nature Sketching» nennt er seine Kunstrichtung, abgeleitet vom populären «Urban Sketching», bei der sich Leute mit Papier und Malkasten irgendwo in der Stadt hinsetzen, eine Szenerie oder ein Detail abzeichnen und dann das Werk auf Social Media teilen. «Ich mache etwas ähnliches, aber halt meist in der Natur draussen.» Biologie, Geologie, Geografie, das sind die Themen, für die sich Ueli interessiert und in denen er auch sattelfest ist. So ist eine Wanderung mit ihm immer auch eine Lehrstunde in Botanik und ein Aufzeigen von lokalen Zusammenhängen in der Natur. Einmal Lehrer, immer Lehrer.

Auf der heutigen Wanderung dauert es keine Minute, bis Ueli den ersten Stopp einlegt. Noch auf dem Parkplatz beim Bahnhof Entlebuch. Er bückt sich, begutachtet ein unscheinbares Pflänzchen, das sich zwischen Asphalt und Kantstein in die Höhe kämpft. Wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfahren, handelt es sich dabei nicht einfach um Unkraut, sondern um einen Kompasslattich und damit nichts weniger als dem wilden Vorgänger unseres Kopfsalats. «Wollt ihr den zeichnen? Habt ihr Lust?», fragt Ueli die Gruppe. Aber die möchte lieber erst ein bisschen raus in die Natur.

Zwanzig Minuten später zeigt sich am Waldrand ein ungewöhnliches Bild. Zehn Menschen sitzen etwas verteilt auf Klappstühlen oder mitgebrachten Unterlagen auf dem Boden, starren konzentriert auf ein weiteres Gewächs, tauchen Pinsel in mitgebrachte Faltbecher, mischen in ihrem Malkasten Farben an, führen ihre Pinsel übers Papier ihrer Zeichenblöcke und -bücher. Hexenkraut heisst das Sujet, und natürlich weiss Ueli auch darüber etwas zu erzählen: Früher sei diese Pflanze nur an ganz abgelegenen Stellen im Wald zu finden gewesen. Wenn man sie gesehen habe, hätte man gewusst: Ich habe mich verlaufen. Heute finde man sie überall. Uelis Schlussfolgerung: «Scheinbar hat sich die Menschheit verlaufen.»

Es folgen weitere kurze Wanderetappen, unterbrochen von Sketch-Stopps: Ein Bachufer, die Perspektive eines baumgesäumten Wegs, ein kleines Feuchtgebiet, die Aussicht auf die Hügel des Entlebuchs, und eben das alte Bauernhaus in Hasle. Eine Viertelstunde haben die Künstlerinnen und Künstler jeweils Zeit, ihr Bild fertigzustellen. Beim Sketching soll es schnell gehen. Dann legen alle ihre Werke nebeneinander auf den Boden. Es ist eindrücklich, wie unterschiedlich die entstandenen Bilder sind. Und wie gut. Man vergleicht sie, man bespricht, wo man Mühe hatte, Ueli gibt Tipps. Kritik ist verpönt. Was mir, wenn ich auch mitzeichne, durchaus zugutekommt. Was ich als total verunglückt bezeichnen würde, wird wohlwollend mit «spannend» oder «kreativ» beschrieben, und dort, wo ich das Werk eines durchschnittlich begabten Kindergärtners sehe, entdecken die anderen «Potenzial». So macht das «Sketchen» sogar als blutiger Anfänger Spass.

Text und Bilder: Max Hugelshofer

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