Solaranlage zwischen Bahngleisen erfolgreich getestet

Im Val-de-Travers läuft das weltweit erste Solarkraftwerk zwischen Bahngleisen. Ein Jahr nach Projektstart zieht Erfinder Joseph Scuderi eine positive Bilanz. Die Innovation weckt bereits Interesse in Italien, Frankreich und Asien.

«Wir haben unsere Ziele erreicht – sowohl in Bezug auf die Bahnsicherheit als auch auf die Stromproduktion», sagt Joseph Scuderi, Gründer des Startups Sun-Ways. Über 11’000 Züge seien über die Solarmodule gefahren. Die Installation habe sich dabei als «vollkommen stabil und sicher» erwiesen. Damit handelt es sich um die erste Anlage dieser Art weltweit. Sun-Ways installierte die Solarmodule im April 2025 auf einem hundert Meter langen Streckenabschnitt bei Buttes im Val-de-Travers. Die Anlage ist zwischen den Schienen auf den Bahnschwellen angebracht. Bei Wartungsarbeiten an der Bahninfrastruktur können sie problemlos demontiert werden. Ein aus drei Solarmodulen bestehendes, sechs Meter langes Element kann in rund zehn Minuten von den Schienen gelöst werden, so Scuderi. «Dieser Aspekt ist grundlegend, wenn eine Schwelle ersetzt oder Schweissarbeiten an den Schienen durchgeführt werden müssen.» Aline Odot, Sprecherin von «TransN, dem Verkehrsunternehmen des Kantons Neuenburg bestätigte: «Es gab keine Konflikte mit der Infrastruktur, der Wartung oder dem Zugverkehr.» Zu Beginn der Tests wurde befürchtet, dass die Solarmodule Lokführerinnen und Lokführer blenden könnten. Im Pilotprojekt habe sich das nicht bestätigt.

Fahrtwind fegt Staub von den Solarmodulen

Das Pilotprojekt zeigte auch, dass die Solarmodule ohne Zusatzaufwand sauber bleiben. Zuerst wollte Scuderi anfallenden Staub mit einer Bürste am Zug entfernen. Später zeigte sich: Das ist nicht nötig. Bei jeder Durchfahrt wirbelt der Zug genug Luft auf, um den Staub wegzublasen. Auf diesem Abschnitt fahren die Züge bis zu 90 km/h.

Alleine die Testanlage liefert Strom für drei bis vier Haushalten

Der von den Fotovoltaikmodulen erzeugte Strom wird ins lokale Stromnetz eingespeist. Die Test-Anlage hat seit dem 20. Mai 2025 in einem Jahr über 16’000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Das entspricht dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von drei bis vier Haushalten. Und das trotz einer rund einen Monat dauernden Unterbrechung. Laut Sun-Ways könnten die gut rund 5000 Kilometer des Schweizer Schienennetzes bis zu eine Milliarde kWh Solarenergie pro Jahr erzeugen. Dies entspräche dem Verbrauch von 300’000 Haushalten oder zwei Prozent des in der Schweiz verbrauchten Stroms.

Interesse an Bahnsolar in Frankreich und Italien

So gross das Potenzial auch wäre: Laut eigenen Angaben planen die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), zurzeit nicht, Fotovoltaikanlagen nicht zwischen den Schienen zu bauen. Doch hat das Testprojekt von Anfang an grosses Interesse im Ausland geweckt. Im Februar gab die französische nationale Eisenbahngesellschaft SNCF bekannt, einen technischen Kooperationsvertrag mit dem Schweizer Startup abgeschlossen zu haben. Scuderi sagt: «Die SNCF ist ein bedeutender Partner, denn das Potenzial in Frankreich ist enorm.» Die SNCF ist für rund 28’000 km Bahnlinien verantwortlich und zählt zu den grössten industriellen Stromverbraucherinnen in Frankreich. Sie plant, bis 2030 20 Prozent des verbrauchten Stroms durch Fotovoltaik zu decken. Scuderi gibt an, auch mit der italienischen Eisenbahninfrastrukturgesellschaft RFI in Kontakt zu stehen, dem staatlichen Unternehmen, das die Bahninfrastruktur in Italien verwaltet. «Die Idee ist, bis Ende Jahr ein Pilotprojekt zu organisieren», sagt er, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Weitere Partnerschaften haben sich mit Unternehmen aus Südkorea und Indonesien ergeben.

Strom über grosse Distanzen transportieren ist schwierig

Nur eines ist noch offen: Wie der gewonnene Solarstrom auch weiter weg genutzt werden kann. Julien Pouget, Assistenzprofessor an der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) befasst sich mit der Installation von Solarmodulen entlang linearer Strukturen wie Bahnen, Strassen und Wasserläufen. Er weiss, wie schwierig es ist, den erzeugten Strom zu speichern und zu transportieren: «Die aktuell verwendete Technologie ist für Abschnitte von mehr als 500 Metern nicht geeignet», sagte er im Juni gegenüber der Tageszeitung 24 Heures. Die grösste Herausforderung ist, den Strom auf Hochspannung zu bringen. Nur so kann er über längere Strecken transportiert werden. Julien Pouget forscht intensiv an Lösungen. Scuderi hofft derweil, dank der erfolgreichen Testergebnissen die Dauer des Pilotprojekts in Buttes verkürzen. Vom Bundesamt für Verkehr ist der Test auf drei Jahre festgesetzt. «Wir haben bewiesen, dass das Solarkraftwerk zwischen den Schienen sicher ist. Je früher wir die endgültige Genehmigung erhalten, desto früher können auch unsere Partner im Ausland vorankommen.»

Text: Luigi Jorio, Swissinfo
Bilder: Sun-Ways

Erschienen im September 2026

Artikel in voller Länge

Dies ist eine gekürzte Version des Originaltextes von Swissinfo. Er ist erstmals Anfang Juni 2026 erschienen.