Unser Mann im Neuenburger Jura

33 ehrenamtliche Expertinnen und Experten stellen sicher, dass die der Schweizer Berghilfe anvertrauten Spendengelder richtig eingesetzt werden. Jedes Projekt prüfen sie bei den Gesuchstellerinnen und Gesuchstellern direkt vor Ort. Für das Val-de-Travers ist Jean-Maurice Rasper zuständig.

«Hier», sagt Jean-Maurice Rasper und deutet aus dem Autofenster. «Genau hier fängt für mich das Val-de-Travers an.» Nach der letzten Rechtskurve hat sich in der Ferne zum ersten Mal der Creux du Van gezeigt, bald verschwindet die Strasse in einem langen Tunnel. «Früher kannte ich das Tal praktisch nicht, heute fühle ich mich schon fast ein bisschen daheim, wenn ich hierherkomme.»

Jean-Maurice ist seit sechs Jahren ehrenamtlicher Experte bei der Schweizer Berghilfe. Das heisst: Er ist derjenige, der ins Auto steigt, sobald Gesuche aus dem Neuenburger Jura eingegangen und auf der Geschäftsstelle in Adliswil auf ihre grundsätzliche Unterstützungsfähigkeit überprüft worden sind.

Dann begibt er sich vor Ort, spricht mit den Gesuchstellerinnen und Gesuchstellern, schaut sich den betreffenden Betrieb oder den Bauernhof an und schreibt einen Bericht, in dem er eine Empfehlung abgibt, ob und mit wie viel Geld das Projekt unterstützt werden soll. Dabei stützt er sich auf das, was er vor Ort sieht, aber auch auf viele Zahlen. «Wer von der Schweizer Berghilfe Geld will, muss in finanzieller Hinsicht die Hosen runterlassen», sagt er. Steuererklärungen, Buchhaltung, Business-Plan, alles sieht er sich genau an.

Ein Zahlenmensch

Mit Zahlen konnte Jean-Maurice schon immer. Studiert hatte der heute 73-Jährige, der ursprünglich aus dem Unterwallis stammt, Wirtschaft an der Hochschule in Sankt Gallen. Dann folgten verschiedene Engagements in den Finanzabteilungen diverser Schweizer Firmen. Für den damaligen Lastwagenhersteller Saurer verbrachte er einige Jahre in Afrika, lebte und arbeitete danach viele Jahre in der Nähe von Zürich, bis ihn eine Stelle als Finanzvorstand bei Swatch wieder mehr nach Westen zog. In der Nähe von Biel lebt er noch heute gemeinsam mit seiner Frau in einem kleinen Häuschen.

Zur Schweizer Berghilfe kam Jean-Maurice über Umwege. Er war nach seiner Pensionierung schon bei Adlatus aktiv, einem Netzwerk ehemaliger Führungskräfte, die ihr Wissen in Form von Beratungen kostengünstig an KMU weitergeben. Dort erzählte ihm ein Mit-Adlat von seinem zweiten sozialen Engagement im Ruhestand: Experte bei der Berghilfe. Jean-Maurice fand spannend, was er hörte, bewarb sich. Er wurde angenommen, eingearbeitet und erhielt schon bald sein eigenes Gebiet. Seither hat er 168 Projekte geprüft. Viele davon sind inzwischen umgesetzt.

Zu einem davon geht die Reise auch heute. Allerdings nicht einfach so aus «Gwunder», sondern im Rahmen der offiziellen Wirkungsmessung. Dabei werden Projekte, die von der Schweizer Berghilfe unterstützt wurden, einige Zeit nach Fertigstellung erneut besucht. Das können aussergewöhnliche Projekte sein, bei denen sich die Berghilfe nicht auf bisherige Erfahrungen abstützen kann. Oder Projekte, die im Rahmen von Stichproben überprüft werden. Ziel ist einerseits, sicherzustellen, dass die der Berghilfe anvertrauten Spendengelder richtig eingesetzt wurden. Aber auch festzustellen, ob die ursprüngliche Einschätzung der Lage korrekt war und ob es bei den Abläufen Verbesserungspotenzial gibt.

Viele innovative Ideen umgesetzt

20 Minuten nach dem ersten Blick auf den Creux du Van steigt Jean-Maurice auf dem Vorplatz einer ziemlich abgelegenen Ferme in Les Bayards aus dem Auto. Unübersehbar steht hier ein grosser, moderner Stall. Das Projekt, das Familie Roux vor zwei Jahren fertigstellen durfte. Beim anschliessenden Rundgang sind Bauer Jean-François und seine Frau Nicole dabei, später stösst noch Sohn Dimitri dazu. Voller Stolz zeigen die drei, wie der neue Bau ihren Alltag erleichtert, wie zum Beispiel die Wärme, die sich zwischen Photovoltaik-Panels und Dach sammelt, abgeleitet und zum Trocknen des Heus genutzt wird. Oder wie es der moderne Melkstand ermöglicht, dass eine Person die ganze, 60-köpfige Herde melkt und entweder für die Eltern oder für den Sohn nun auch mal ein paar Tage Ferien drinliegen. Sie verschweigen auch nicht, dass beim Bau nicht immer alles rund lief und im Moment die Einnahmen durch die Milch niedriger sind als vor dem Bau geschätzt. Jean-Maurice hört zu, fragt nach, nickt, notiert. Und sagt, als er wieder auf dem Rückweg nach Biel ist: «Ein schönes Projekt von sehr engagierten Leuten. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir die Spendengelder gut eingesetzt haben.»

Text und Bilder: Max Hugelshofer

Erschienen im September 2026