Von den Weltmeeren zurück ins Val-de-Travers

Célia Sapart ist Klimaforscherin mit Leib und Seele. Die heute 44-jährige lebte in London und Brüssel, forschte in Grönland, am Nordpol und in der Antarktis. Dann realisierte sie: Nur Zahlen erheben reicht nicht mehr. Sie wechselte den Arbeitgeber und den Wohnort. Zurück in ihrer Heimat, im Val-de-Travers, fehlt ihr eigentlich nur eines: die Polarmeere.

«Mit 19 Jahren zog ich nach Bordeaux, um Meereswissenschaften zu studieren. Ich wollte die Ozeane erforschen und auf den Weltmeeren unterwegs sein. Dort entdeckte ich die Ozeanografie und deren Möglichkeiten für die Klimaforschung – und war endgültig gepackt. Während des Studiums bewarb ich mich bei über 150 Instituten weltweit für ein Praktikum. Viele antworteten gar nicht, einige sagten ab. Im letzten Moment kam eine Zusage aus Alaska: Ein Professor nahm mich in sein Labor auf und mit hinaus für Forschungsarbeiten. Ich war 21, flog zum ersten Mal allein und kam nach fast 50 Stunden Reise mitten im Winter in Fairbanks an – bei minus 50 Grad und ohne Gepäck. Als ich bemerkte, dass mein Gepäck nicht angekommen war, brach ich in Tränen aus. Der Professor sagte nur: «Alles wird gut.» Und so war es: Ich ging ins Feld, war mehrere Wochen auf einem Schiff in der Bucht von Alaska unterwegs und mit dem Kajak im Permafrost. Als ich nach Europa zurückkam, hatte ich nur einen Traum: dorthin zurückzugehen. Doch kurz darauf starb völlig unerwartet mein Vater. Er hatte mir die Liebe zur Natur weitergegeben, im Wald und am Meer. Danach wollte ich eine Zeit lang nicht mehr weit weg.

Neues Messgerät entwickelt

Der Liebe wegen landete ich für meine Doktorarbeit in den Niederlanden. Ich reiste nach Grönland und Sibirien, war oft draussen auf Forschungen. Ich untersuchte, welche Rolle der Mensch im Klimasystem spielt – und seit wann. Dann veröffentlichte ich unter anderem im Wissenschaftsmagazin «Nature» meine Ergebnisse, die zeigten: Der Mensch beeinflusst die Atmosphäre schon seit Tausenden von Jahren, wirklich grosse Auswirkungen auf das Klima hat er aber erst seit einem Jahrhundert. Ich forschte vor allem zu Methan. Dafür entwickelte ich ein Gerät, mit dem man Methan-Isotope sehr präzise messen konnte. Solche Isotope zeigen, ob Methan etwa aus dem Verdauungssystem von Kühen, aus Sümpfen oder aus verbranntem Holz stammt. Damals war das technisch noch sehr neu. Dieses Gerät brachte meine Karriere stark voran: Ich konnte grosse Artikel publizieren, machte mir einen Namen, durchquerte die Arktis – begleitet vom Schweizer Fernsehen – und fuhr später im Winter in die Antarktis, auf einem amerikanischen Forschungsschiff und einer der grössten Missionen der letzten 15 Jahre. Doch genau diese Expedition wurde zu meinem Wendepunkt.

Video-Reportage des RTL

Mehr über die Expedition von 2014 kann man im Video erfahren oder direkt im Online-Tagebuch unter arcticoceanexperience2014.blogspot.com.

Daten erheben reichte nicht mehr

Die Expedition war hart. Wegen politischer Entscheide nach Trumps Wahl waren erfahrene Leute auf den Forschungsschiffen durch Männer aus der Erdölbranche ersetzt worden. Unser Kapitän hatte kaum Erfahrung mit Eisbrechern, war Klimaskeptiker und überzeugter Trump-Anhänger. Wir mussten um jedes Manöver kämpfen. Einmal gerieten wir sogar in grosse Gefahr: Einige von uns waren mit einem Zodiac, einem grösseren Schlauchboot, aufs Meer herabgelassen worden, um Proben zu nehmen. Wind kam auf, das Eis schloss uns ein und trieb uns ab. Der Kapitän hätte uns warnen sollen, tat es aber nicht. Wir sassen bei gefühlten minus 45 Grad ohne Wasser und Essen fest. Erst nach rund zwei Stunden wurden wir gerettet.

Was aber viel schlimmer war: Wir hatten gesehen, wie katastrophal die Lage in der Antarktis war – das Meereis schmolz viel stärker, als die Satellitendaten gezeigt hatten. Das hat enorme Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, denn die Pole sind die Thermostate unseres Planeten. Und gleichzeitig dachte ich: Es wird sich trotzdem nichts ändern. Eine grosse Wut stieg in mir auf und mir wurde klar: Forschen allein genügt nicht mehr. Hinzu kam: Als Frau in der Feldforschung hatte ich oft das Gefühl, dass einfache, aber wichtige Bedürfnisse nicht mitgedacht wurden. In Grönland lebten wir zwei Monate auf einem Gletscher-Camp auf 3000 Metern Höhe und schliefen in Zelten auf dem Eis. Die Toiletten waren zusätzliche Zelte mit einem Loch im Eis. Uns fünf Frauen brachte man im Zelt unter, das am weitesten davon entfernt war. Männer konnten sich rasch neben dem Zelt erleichtern oder eine Flasche benutzen. Wir mussten nachts alle Kleiderschichten anziehen und loslaufen – bei Nebel mühsam und sogar gefährlich. Dann hiess es: «Ihr wollt Gleichheit, also habt ihr Gleichheit.» Aber ich will nicht Gleichheit um jeden Preis, sondern Fairness. Es geht darum, die Stärken aller zu nutzen und so gemeinsam voranzukommen.

Kein Flugzeug, keine Karriere?

Nach dieser Antarktis-Expedition haderte ich zwei Jahre mit der rein wissenschaftlichen Arbeit. Dann erhielt ich meine heutige Stelle als Direktorin in einer internationalen Organisation in Brüssel. Sie setzt sich bei der Europäischen Kommission dafür ein, die Treibhausgasemissionen der Sektoren mit dem höchsten Schadstoffausstoss zu senken, wie zum Beispiel Metallhersteller. Heute unterstütze ich Firmen beim Ausstieg aus fossilen Energien und schaffe Dialoge zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik. Ich fliege heute nicht mehr wegen der CO₂-Emissionen. Kollegen sagten mir: «Kein Flugzeug, keine Karriere.» Mein Dickschädel trotzte – und siehe da, es geht. Klar, ich musste mein Wirkungsfeld anpassen, auf die reine Forschung verzichten. Heute interpretiere ich die Arbeit anderer: Daraus lerne ich dennoch ständig Neues und übersetze es zugleich so, dass Laien es verstehen und ihre Handlungen anpassen. Das gefällt mir sehr, weil ich im internationalen wissenschaftlichen Umfeld bleibe und dennoch etwas Konkretes bewirken kann. Kurse in Australien gebe ich von Môtiers aus; dann stehe ich einfach nachts auf. Innerhalb Europas reise ich mit dem Zug. Nur eines fehlt mir manchmal: Ich liebe das Meer, die Polregionen und vor allem, auf dem Schiff zu sein. Darum gehe ich ab und zu auf den Neuenburgersee – aber es ist leider nicht dasselbe.

Célia in ihrem Garten im Val-de-Travers.

Aktiv im Val-de-Travers

Ich setze mich auch für das Val-de-Travers ein. Zu dritt haben wir einen Verein gegründet, dessen Ziel es ist, Jugendliche, Lehrkräfte und Angestellte des öffentlichen Dienstes in Klimafragen zu schulen. Dabei legen wir den Schwerpunkt auf lokale und nachhaltige Massnahmen. Im Moment habe ich vielleicht etwas zu viel Arbeit, aber ich fühle mich viel weniger gestresst als früher in Brüssel. Ich beende eine Sitzung, gehe spazieren, treffe im Dorf jemanden, trinke vielleicht einen Kaffee, komme zurück und arbeite wieder fokussiert. Mehrmals im Monat bin ich in Brüssel, den Rest der Zeit arbeite ich im Val-de-Travers im Homeoffice. Das ist wunderbar: Mein Partner und ich haben einen siebenjährigen Sohn, und meine Schwester, die Trisomie 21 hat, lebt bei uns. So kann ich Familie und Arbeit unter einen Hut bringen – etwas, das vielen Frauen in der Wissenschaft nach wie vor verwehrt ist.

Text: Alexandra Rozkosny
Bilder: Alexandra Rozkosny, Archiv Célia Sapart

Erschienen im September 2026

Direkt im Val-de-Travers mehr über Klimathemen erfahren

Am 19. September 2026 kann man mit Célia Sapart direkt über Klimathemen sprechen. Unter dem Titel «Besser leben mit weniger: Wie man sich eine wünschenswerte Zukunft aufbaut» wandert man mit der Klimatologin und Glaziologin Célia Sapart durchs Val-de-Travers. Treffpunkt um 10 Uhr am Bahnhof von Môtiers, Rückkehr gegen 15 Uhr nach einer Wanderung von insgesamt 2½ Stunden (bitte Picknick mitbringen). Informationen und Anmeldung bei veronique.tschanzanderegg@eren.ch oder unter 079 311 17 15.