«Dann spüre ich den Stein»

«Dann spüre ich den Stein»

Steine sind das Metier von Jérémy Birbaum. Doch Steine sind schwer. Deshalb brauchte der Steinmetz unbedingt ein Fahrzeug mit Kran.

«Ich arbeite gerne von Hand. Den Deckstein dieser alten Ofenbank hier muss ich entfernen und durch eine neue Sandsteinplatte ersetzen, die ich vorgängig in meinem Atelier gefertigt habe. Das ginge mit einer Maschine sehr zügig. Aber dafür wäre danach das ganze Wohnzimmer meiner Auftraggeberin mit einer dicken Staubschicht überdeckt.

Also nehme ich mir lieber die Zeit, den alten Stein von Hand, mit Hammer und Meissel, herauszuschlagen. Das dauert zwar vielleicht ein paar Stunden länger, aber dafür muss ich danach deutlich weniger lange putzen. Und noch einen weiteren Vorteil hat die Handarbeit: Die Gefahr, dass ich etwas kaputtmache, ist viel kleiner. Wenn ich ihn mit dem Hammer beschlage, dann spüre ich den Stein. Ich merke, wo seine Schwachstellen sind, wie er bricht. Bei so einem alten Ofen weiss man nie genau, was man im Inneren antrifft. Da lohnt es sich doppelt, vorsichtig und langsam zu arbeiten.

Ich liebe Aufträge wie diesen. Da kann man nicht mit einem vorgefertigten Plan herkommen, sondern muss die Sache Schritt für Schritt nehmen und improvisieren. Genau das ist meine Stärke. Eine grosse Firma hat mit so einem Auftrag Mühe, weil die Arbeit viel zu wenig berechenbar ist. Da bin ich mit meiner Einmann-Bude im Vorteil. Ich habe es noch nie bereut, dass ich vor knapp zwei Jahren den Schritt in die Selbständigkeit gewagt habe. Damals haben meine Frau und ich im Dörfchen Villars-sous-Mont, oberhalb von Gruyères, ein baufälliges Haus gekauft und bewohnbar gemacht. Dort habe ich mein Atelier eingerichtet, und dort wohnen wir auch mit unseren drei Buben. Die Sanierungsarbeiten erledigen wir alle selbst. Ich habe viele Freunde, die Handwerker sind und die uns bei Bedarf unterstützen. Fertig sind wir noch lange nicht, aber das Gröbste haben wir hinter uns.

Das Projekt in Kürze

  • Steinmetz
  • Kauf eines Fahrzeugs mit Kran
  • Villard-sous-Mont/FR

200 Kilo am Kran

Wir haben sehr viel Arbeit und unsere gesamten Ersparnisse ins Haus und den Ausbau des Ateliers gesteckt. Für ein neues Fahrzeug mit Kran blieb nicht mehr genug Geld übrig. Doch ohne Kran ist die Arbeit eines Steinmetz extrem mühsam. Steine sind halt schwer. Der neue Deckel des Ofenbänkleins hier wiegt zum Beispiel gut 200 Kilogramm. Den vom Anhänger rauszuholen, auf einen Bock zu legen, ihm draussen vor dem alten Bauernhaus den letzten Schliff zu geben und ihn danach durchs Fenster in die Stube hineinzubugsieren – das wäre ohne Kran fast unmöglich. Das neue Fahrzeug – ein Pick-up, bei dem der Kran fest auf der Ladefläche installiert ist – hat sich schon mehr als einmal bewährt. Ich bin extrem dankbar, dass ich es mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe doch noch kaufen konnte. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, bis mir meine Mutter den Tipp gab, bei der Berghilfe anzufragen. Und einmal mehr hat sich bestätigt: Hör immer auf deine Mutter.»

jbirbaum.ch